Koca Mustafa Reşid Paşa
Koca Mustafa Reşid Paşa (*13. März 1800 in Konstantinopel; gest. 7. Januar 1858 in Konstantinopel) war ein osmanischer Großwesir, Diplomat und Staatsmann.
Politischer Werdegang
Reşid Paşa wurde am 13. März 1800 in Konstantinopel als Sohn des Stiftungsleiters Sayman Mustafa Efendi geboren. Reşid besuchte die öffentliche Medresse und verlor mit 10 Jahren seinen Vater. Sein Schwager Ispartalı Seyyid Ali Paşa (später Großwesir) nahm ihn auf und förderte ihn. Mit 18 Jahren wird Reşid an der Hohen Pforte angestellt. Nach vierjähriger Ausbildung wird er Sekretär des Großwesirats und 1828 Chef der Kriegskanzlei unter Izzet Mehmed Paşa. 1830 wird er Vorsteher des Großherrlichen Diwans und nimmt als Delegationsmitglied 1832 bei den Friedensgesprächen mit den Ägyptern teil. 1835 wird Reşid als Botschafter nach Paris entsandt. 1836 Botschafter in London, wurde er 1837 von Sultan Mahmud II. ins Amt des Außenministers berufen. Durch Intrigen wird Reşid Bey im Jahr 1838 abgesetzt und als außerordentlicher Gesandte des Sultans nach Europa geschickt. Ihm wird der Titel Paşa verliehen. Im September 1838 sandte Sultan Mahmud II. den Gesandten Reşid Paşa in außerordentlicher Mission nach Rom zu Papst Gregor XVI. Anlass dafür war ein Dankschreiben des Papstes an den Sultan für die Bestätigung der Freiheiten für die osmanischen Katholiken und die Bewilligung für den Bau von vier katholischen Kirchen. Am 27. September 1838 empfing Papst Gregor XVI. Reşid Paşa und seine drei Söhne. Er überbrachte dem Papst die freundschaftlichen Grüße seines Großherrn und die Zusicherung, dass
"das Sultanat den Schutz der Katholiken und ihre freie Religionsausübung garantiere."
In Berlin, Paris und London setzt sich Reşid Paşa für die Modernisierung des Osmanischen Reiches mithilfe der europäischen Großmächte ein. Er trat mit europäischen Regierungen in Kontakt, um Unterstützung für sein Reformprogramm zu erhalten, wodurch er bei seinem Großherrn, Sultan Mahmud II. Han, in Ungnade fiel. 1839 wurde Reşid Paşa in Abwesenheit zum Tode verurteilt, das jedoch nicht vollzogen und letztendlich mit der Thronbesteigung Sultan Abdülmecids im selben Jahr aufgehoben wurde.
Der junge Sultan ernannte ihn wiederum zum Minister des Auswärtigen und unterstützte sein Reformprogramm maßgeblich. Am 3. November 1839 wurde der Hatt-ı Şerif von Gülhane erlassen, ein Reformedikt das Reşid Paşa im Jahr 1836 verfasste, worin der Schutz des Lebens, der Ehre und des Vermögens der Untertanen, sowie gerechte Steuerpolitik und ein geregelter Wehrdienst garantiert wurde. Im selben Jahr wurde ein Bauministerium (Umûr-u Nafia Nezareti), ein Generaldirektorat für Unterrichtswesen (Mekâtib-i Rüşdiye Nezareti), sowie die ersten säkularen Schulen (Rüşdiye, İdadiye und Sultaniye) gegründet. Diese Reformen läuteten die Ära des "Tanzimat" (dt. Neuordnung) ein. Reşid Paşa gilt als ihr Urheber. Die Reformbewegung fand großen Anklang am osmanischen Hof, sodass man bald von der "Partei Reşid Paşa's" sprach. Ihr stand die sogenannte "alt-türkische Partei" entgegen, einer
Gruppe von Konservativen. Eine Intrige der alt-türkischen Partei führte schließlich den Sturz von Reşid Paşa im Jahr 1841 herbei, worauf er wieder als außerordentlicher Gesandter nach Paris geschickt wurde. 1843 wird Reşid Paşa zum Vali von Adrianopel ernannt und kurz darauf wieder zum Botschafter in Paris (1844). Reşid Paşa wird 1846 wieder nach Konstantinopel gerufen und löst den Großwesir der alt-türkischen Partei, Mehmed Rauf Paşa, in seinem Amt ab. In seine erste Amtszeit als Großwesir fallen folgende Reformen:
- Gründung des Ministeriums für Handel- und Landwirtschaft (Umûr-u Ticaret ve Ziraat Nezareti) [1846]
- Gründung des Osmanischen Archivs [1846]
- Einführung gemischter Handelsgerichte [1847]
- Gründung des Ministeriums für das öffentliche Unterrichtswesen (Maarif-i Umumiye Nezareti) [1847]
- Eröffnung der Berufsschule für Landwirtschaft (Ziraat Talimhanesi) [1847]
- Eröffnung der ersten Polizeigerichte [1847]
- Druck des ersten Korans in Osmanischer Sprache [1848]
Die Februarrevolution in Frankreich und die darauffolgenden Aufstände nutzte die alt-türkische Partei als Vorwand, um den Sturz Reşid Paşa's im Jahr 1848 einzuleiten. Man machte die Reformen für die Aufstände verantwortlich und warnte vor einem selben Szenario im Osmanischen Reich, wenn Reşid Paşa weiterhin seinen Kurs beibehalten würde. Am 28. April 1848 wurde Reşid Paşa aus seinem Amt entlassen, der neutrale Ibrahim Paşa wurde neuer Großwesir. Bald zeigte sich, dass die Behauptungen der alt-türkischen Partei unhaltbar waren und so kehrte Reşid Paşa am 13. August als Großwesir zurück. Seine zweite Amtszeit als Großwesir dauerte vier Jahre und war die längste von seinen sechs Amtszeiten. In seine zweite Amtszeit fallen folgende Reformen:
- Landhandelsgesetz (Kaanûnnâme-i Ticaret-i Berriyye) [1850]
- Handelsgesetzbuch (Kaanûnnâme-i Ticaret ve Zeyilleri) [1851]
- Handelsprozessordnung (Usul-i Muhakemat-ı Ticaret Nizamnamesi) [1851]
- Gründung der osmanischen Gesellschaft der Wissenschaften (Encümen-ı Danış) [1851]
Doch die alt-türkische Partei errang immer mehr Zulauf, da die Reformen die Staatsfinanzen ausschöpften. Ihr prominenter Vertreter Mehmed Emin Rauf Paşa schaffte es schließlich die Absetzung Reşid Paşa's in die Wege zu leiten, die am 27. Januar 1852 auch verwirklicht wurde. Reşid Paşa wurde zwar seines Postens als Großwesir beraubt, doch war er immer noch Präsident des Tanzimatrats und so kehrte er, ganz zum Missfallen der alt-türkischen Partei, am 7. März 1852 als Großwesir zurück. Seine englandfreundliche Politik wurde zur Zielscheibe seiner Gegner, die nun auch im Ausland große Unterstützer fanden, darunter Louis Napoleon, späterer Kaiser von Frankreich. Reşid Paşa legte am 7. August 1852 die Würde des Großwesirats nieder, konnte jedoch die Ernennung seines Kollegen und guten Freundes Mehmed Emin Ali Paşa zum Großwesir beim Sultan durchsetzen. Reşid Paşa zog sich aus dem politischen Leben zurück und kehrte erst am 13. Mai 1853 als Minister des Auswärtigen Amtes zurück, um seinem Sultan in einem kommenden Krieg mit Russland zur Seite zu stehen. Während des Krim-Krieges (1853-56) verbündete sich Reşid Paşa mit dem britischen Botschafter Lord Stratford Canning de Redcliffe gegen die alt-türkische Partei und grenzte ihren Einfluss am Hofe deutlich ein. Am 24. November 1854 wurde Reşid Paşa erneut zum Großwesir ernannt. Auch wenn der Krimkrieg erfolgreich für das Osmanische Reich verlief, so verhinderte er doch nicht den Druck der Opposition der Reşid Paşa wiederum zur Aufgabe seines Amtes am 4. Mai 1855 zwang. Reşid Paşa zog sich ins Privatleben zurück und schaffte es am 1. Dezember 1856 wieder ins Amt des Großwesirs. Er hatte maßgeblichen Einfluss auf die Gründung der osmanischen Bank (Bank-i Osmani) und des Bildungsministeriums (Umur-u Maarif Nezareti). Er setzte sich für die Modernisierung der Kopfsteuer für Nicht-Muslime (Cizye) ein. Da diese Steuer den Unterschied der einzelnen Religionsgemeinschaften erkenntlich machte, wurde anstelle der Kopfsteuer eine Militärbefreiungssteuer (bedel-i askerî) eingeführt. Da seither nur Muslime zum Militärdienst eingezogen wurden, stieß die neue Steuer auf beiden Seiten auf große Akzeptanz. Am 2. August 1857 musste Reşid Paşa seinen Abschied ersuchen, da Kaiser Napoleon III. nun nicht nur eine politische sondern auch persönliche Feindschaft gegen Reşid hegte. Doch dies hinderte Reşid Paşa nicht daran, seine Reformpläne weiter durchzusetzen. Er bekleidete immer noch das Amt des Präsidenten des Tanzimatrats. Der französische Gesandte erreichte zwar am 20. Oktober 1857 die Entlassung Reşid Paşa's aus diesem Amt, doch wurde er schon drei Tage später durch die Initiative des britischen Botschafters Stratford zum fünften Mal ins Großwesirat berufen. Die Reorganisierung der Donaufürstentümer gehörten zu den letzten Aktivitäten des Großwesirs.
Mustafa Reşid Paşa, genannt "Koca" (der Große), verstarb mit 57 Jahren am 7. Januar 1858 während eines Besuchs im Haus seines engen Freundes Abraham Kamondo, einem osmanisch-jüdischen Großbankier, in Konstantinopel. Reşid Paşa wurde in der Reşid-Paşa-Türbesi im Stadtteil Eminönü beigesetzt.
Die Person des Großwesirs
Koca Mustafa Reşid Paşa gilt als Vater der Tanzimat-Ära. Seine Eindrücke die er auf seinen Reisen nach Europa mit in die Heimat nahm, veranlassten ihn dazu, ein Reformprogramm ins Leben zu rufen um das Osmanische Reich vor seinem drohenden Untergang zu bewahren. Reşid Paşa wird von seinen Zeitgenossen als ehrgeiziger und scharfsinniger Mensch beschrieben, der es verstand die Situationen für sich auszunutzen, um seine Ziele zu erreichen. Seine Standhaftigkeit gegenüber seinen Gegnern der alt-türkischen Partei war einzigartig, so dass er trotz mehrfacher Absetzungen wieder an die Macht kam, ohne dabei sein eigenes Leben in irgendeiner Weise in Gefahr zu bringen. Seine Schwächen lagen jedoch in einer gewissen Abhängigkeit der englischen Politik, namentlich der Politik Stratford Cannings. Dafür behielt er einen klaren anti-russischen Kurs, der sich zum Schluss als richtig erweisen sollte. Eine weitere Schwäche war die Finanzwirtschaft während seiner Amtszeit als Großwesir. Um die Gunst des Sultans aufrecht zu erhalten, bewilligte Reşid Paşa Gelder für große Bauprojekte die Unmengen an Summen verschlangen. Seine innenpolitischen Reformen legten den Grundstein für das moderne Osmanische Reich und der Verfassung von 1876.
Reşid Paşa heiratete 1821 Emine Şerîfe Hanım, die Tochter des Beamten Ibrahim Efendi. Aus dieser Ehe ging der Sohn Mehmed Cemil hervor. Als zwei Jahre später sein Schwager, der Großwesir Ispartalı Seyyid Ali Paşa, verstarb, trennte sich Reşid von seiner Frau Emine und heiratete die jüngste Ehefrau seines Schwagers, Âdile Hanım, die zugleich das gesamte Vermögen des Großwesirs erbte. Mit ihr bekam Reşid vier Kinder: Ali Galib, Ahmed Celâl, Mazhar und Sâlih. 1854 stieg sein Sohn Ali Galib zum Paşa auf, wurde Minister der frommen Stiftungen und heiratete Fatima Sultan, die Tochter des Sultans Abdülmecid. Sein anderer Sohn Mehmed Cemil Bey wurde Gesandter der Hohen Pforte in Paris.
Zitate
"Da unser Volk aus Analphabeten besteht und man es nicht in den existierenden Schulen zeitgerecht einschulen kann, muss das Bildungswesen reformiert werden."
Mustafa Reşid Paşa im Jahr 1839. In: Cahit Kurt - Die Türkei auf dem Weg in die Moderne, 1989, S. 58
"Die Pforte verlor an Rechid-Pascha vielleicht ihren fähigsten Staatsmann, die Reform ihren Gründer und umsichtsvollsten Förderer, einen Mann der versöhnlichsten und angenehmsten Formen, eines weitblickenden Auges und warmen Herzens für Sultan und Land, der mehr geleistet haben würde, als er leistete, wenn Lord Redcliffe ihm nicht den Schein der Abhängigkeit von ihm aufgedrungen hätte."
Anton Prokesch von Osten, österr. Botschafter in Konstantinopel. In: 16 Jahre in Konstantinopel, S. 168
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