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Untergang des Osmanischen Reiches
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Das Ende des 1. Weltkrieges
Mit der Thronbesteigung von Sultan Mehmed VI. Vahideddin Han am 4. Juli
1918, geriet die Macht des Komitees für Einheit und Fortschritt unter
dem Triumvirat von Talât
Paşa, Enver Paşa
und Cemal Paşa ins schwanken. Sultan Vahideddin, der sich immer
gegen den Krieg aussprach, kritisierte die Regierung für ihre schlechte
Kriegsführung und erkannte dem Kriegsminister Enver Paşa den Titel
des "Vizegeneralissimus" am 4. Oktober ab und entließ ihn aus seinem
Amt. Am 14. Oktober trat die Regierung von Großwesir Talât Paşa
geschlossen zurück. Sultan Vahideddin ernannte General Ahmed Izzet Paşa
zum Großwesir und beauftragte ihn eine neue Regierung zu bilden.
Das neue Kabinett unter Großwesir Ahmed Izzet Paşa bildete sich aus
anderen jungtürkischen Führungspersonen die indirekt mit dem Triumvirat Talât-Enver-Cemal in Verbindung standen. Während der Großwesir
gleichzeitig das Amt des Kriegsministers bekleidete, wurde Ali Fethi Bey
Innenminister und Rauf Bey neuer Marineminister. Cavit Bey verblieb als
Finanzminister. Am 16. Oktober tritt der Ministerrat zusammen. Zugegen
sind ebenfalls der deutsche General von Seeckt und der Adjutant des
Sultans, Ali Nuri Bey. Letzterer kam von einer Sondermission aus
Thrakien zurück und meldete die Einnahme Thrakiens durch französische
Truppen. 26.000 osmanische Soldaten standen einer zwei Millionen starken
Feindarmee aus französischen und griechischen Truppen entgegen.
Finanzminister Cavid Bey sprang auf und fragte: "Ja, wo sind denn
unsere eine Millionen Soldaten, für die ich monatlich das
Verpflegungsgeld bereitstellen muss?" Ali Nuri Bey antwortete:
"Ja, wenn Sie die Krankenhäuser, die nicht mehr einsatzfähigen Soldaten,
die Schulen, die Offiziersfamilien und alles, was durch die Intendantur
auf Staatskosten verpflegt wird, dazu rechnen, kommen sie auf ihre
Million."[1] Am 17. Oktober tritt die osmanische
Regierung mit den Entente-Mächten in Waffenstillstandsverhandlungen.
Als
der Großwesir Sultan Vahideddin vom Beschluss des Kabinetts
unterrichtete, äußerte sich der Sultan betrübt: "Das ist kein
Waffenstillstand, sondern eine bedingungslose Kapitulation." Größere Hoffnungen setzte hierauf der Schwager des Sultans
und späterer Großwesir Damad Ferid
Paşa auf England. Als die
Waffenstillstandsverhandlungen mit Admiral Calthorpe beginnen sollten,
hatte sich Damad Ferid dazu gedrängt, die osmanische Delegation zu
führen, und erklärt:
"Sobald ich den Admiral sehe, schlage ich ihm
vor, den Waffenstillstand auf der Basis der unbedingten territorialen
Unversehrtheit des Staates zu schließen. Nimmt der Admiral dies nicht
an, so fordere ich einen Kreuzer an, um nach London zu fahren. Nach
meiner Ankunft dort bitte ich den König unter Hinweis auf meine
Freundschaft mit seinem Vater, die Bedingungen anzunehmen, die ich in
einer Denkschrift niederlege. Auf diese Weise kann ich den Staat aus dem
Abgrund retten, in den ihn die Jungtürken gestürzt haben."
Als Izzet Paşa
dies hörte, sagte er zum Sultan:
"Dieser Mann ist verrückt."
Dasselbe hatte schon Kâmil
Paşa von ihm
gesagt, als er 1913 zur Londoner Konferenz reisen wollte, um dort zu
erklären, dass die Abtretung irgendeines Gebietes des Osmanischen
Reiches verfassungswidrig sei. Doch nur mit größter Mühe gelang es Izzet
Paşa, durch
einstimmigen Beschluss des Kabinetts den Sultan davon abzubringen,
seinen Schwager nach Mudros zu schicken und ihn zu bewegen, den vom
Kabinett vorgeschlagenen Marineminister Rauf Bey zu beauftragen, die
Verhandlungen zu führen.[2] Am 30. Oktober unterzeichnet Marineminister Rauf Bey im
Auftrag der Regierung den Waffenstillstand von Mudros, der den Ersten
Weltkrieg für das Osmanische Reich beendet. Die Regierung unter
Ahmed Izzet Paşa
musste jedoch am 8. November zurücktreten, da sie beschuldigt wurde,
nicht die Flucht des Triumvirats (Talât
Paşa, Enver Paşa
und Cemal Paşa) in der Nacht vom 2. auf den 3. November verhindert
zu haben. Am 11. November 1918 wurde Ahmed Tevfik
Paşa zum zweiten
Mal ins Großwesirat berufen.
Die
Besetzung Konstantinopels und Izmirs
Am 13. November marschierten die ersten
britischen und französischen Truppen in Konstantinopel ein. 22
englische, 12 französische, 17 italienische und 4 griechische Kriegsschiffe ankerten
am Goldenen Horn. Die Staatskassen waren leer und im ganzen Reich
herrschte Hungersnot. Die Siegermächte unterstellten fast alle Behörden
unter alliierte Kontrolle und nahmen die Finanzhoheit in Anspruch.
Außerdem wurden Militärgerichte konstituiert, um jungtürkische Politiker
für Kriegsverbrechen und Massaker an Armenier und Griechen abzuurteilen
(siehe Istanbuler Prozesse). Die Verhaftung prominenter Jungtürken
begann im Januar 1919 und wurde durch die griechisch-armenische
Abteilung des britischen Hochkommissars vorbereitet.[3]
Aufgrund des Drucks der Siegermächte ersuchte der Großwesir am 4. März
1919 seinen Abschied. Sein Nachfolger wurde der Schwager des Sultans-
Damad Ferid
Paşa. Mit ihm
kam die oppositionelle "Freiheits- und Einigkeitspartei" (Hürriyet
ve itilâf Fırkası)
an die Macht, die 1913 von den Jungtürken des Komitees für Einheit und
Fortschritt gewaltsam aufgelöst wurde und nun darauf besinnt war
Vergeltung zu verüben. Der Großwesir und die Liberalen der FEP sahen nur
in der völligen Kooperation mit den Siegermächten eine Chance, größeres
Unheil für das Osmanische Reich zu verhindern. So entstanden mehrere
Organisationen die sich für eine ententefreundliche Politik einsetzten:
Im Dezember 1918 wurde die Wilson-Liga (Wilson Cemiyeti) gegründet, die
sich für ein amerikanisches Mandat über dem Osmanischen Reich aussprach.
Eine weitere wichtige Organisation war die "Vereinigung der Freunde
Englands" (Ingiliz
Muhipleri Cemiyeti) die durch die Initiative von Großwesir Damad Ferid
Paşa und
Innenminister Ali Kemal Bey ins Leben gerufen wurde.[4] Die
Hoffnung, die Integrität und Souveränität des Osmanischen Reiches zu
wahren, in dem man sich unter die Schutzherrschaft Großbritanniens
stelle, wurde von dieser Organisation vertreten und fand viele Anhänger
in den Kreisen der Intellektuellen von Konstantinopel.
Im Volk gründeten sich ebenfalls
Organisationen, die Angst vor einer griechischen Invasion hegten. Dazu
gehörten die "Vereinigung zur Verteidigung der osmanischen Rechte in
Smyrna" (Izmir Müdafaa-ı Hukuk-u Osmaniye
Cemiyeti) und der "Osmanische Ausschuss zur Verteidigung der Rechte in
Thrakien" (Trakya-Paşaeli
Müdafaa Heyet-i Osmaniyesi). Sultan Vahideddin entsandte Ende April 1919
"Beruhigungskommissionen" (Heyet-i nasıha)
nach Smyrna (Izmir) und Adrianopel (Edirne), unter der Führung der osmanischen Prinzen
Şehzade Abdürrahim Efendi und Şehzade Cemaleddin Efendi. In der Stadt
Denizli hielt Şehzade Abdürrahim folgende Ansprache: "Der Padişah
lässt euch grüßen. Er lässt mitteilen, dass er Tag und Nacht für das
Wohl der Nation arbeite, dass das Kalifat vor Gefahr geschützt sei, dass
man die Bestimmungen des Waffenstillstandes zum Wohle der Nation und des
Landes beachten müsse, dass die Bevölkerung in Ruhe ihrer Arbeit
nachgehen und sich mit den Christen gutstellen solle.[5]
Doch kurz nach der Abreise der Prinzen, landen griechische Truppen am
15. Mai 1919 in Izmir und verüben Massaker an der Zivilbevölkerung.
Allein am ersten Tag der Invasion wurden etwa 1.000 Zivilisten getötet.
Auf Drängen der osmanischen Regierung reiste eine
Untersuchungskommission der Pariser Verhandlungsdelegationen ein, die
Griechenland später für schuldig befand.[6]
Die Entsendung von Mustafa Kemal
Paşa nach
Anatolien
Nach dem 1. Weltkrieg bildeten sich im
Osmanischen Reich Räte- und Bandengruppen, die für ihre Brutalität
bekannt waren. Einer der bekanntesten Bandenführer war der Freischärler
Topal Osman, der mit wenigen hundert Mann in den Städten Giresun, Samsun
und Merzifon christliche Bewohner massakrierte. Ausgelöst wurden diese
bürgerkriegsähnlichen Zustände und Übergriffe durch die Angst der
muslimischen Bevölkerung, dass um Trabzon ein neuer griechischer Staat
entstehen könne. Um die Ordnung wiederherzustellen, beauftragt der
englische Hochkommissar die Istanbuler Regierung, drei Armeeinspekteure
in die Gebiete zu schicken. Innenminister Mehmed Ali Efendi schlug dem
Großwesir Damad Ferid
Paşa
vor, "eine fähige Person mit
einer umfassenden Vollmacht in die Gegend der Vorkommnisse zu
entsenden." Auf die Frage:
"Wen zum Beispiel empfehlen Sie?",
hatte Mehmed Ali geantwortet: "Mir fällt Mustafa Kemal
Paşa ein!"
Mehmed Ali hatte schon lange auf diese Gelegenheit gewartet. Nun gab es
aber kaum ein eifriges Mitglied der "Freiheits- und Einigungspartei" als
ihn. Bei einem gemeinsamen Essen im Hause von Ismail Fazil
Paşa, seinem
Schwager und ein langjähriger Freund Kemals, habe er versprochen,
Mustafa Kemal behilflich zu sein und die Partei von seiner
Zuverlässigkeit zu überzeugen.
In ähnlicher Weise wusste Mustafa Kemal
Paşa
das Vertrauen von Großwesir Damad Ferid
Paşa
zu erwerben. Dieser überhäufte Ihn
mit Liebeswürdigkeiten, als Şakir
Paşa
ihn vorstellte, und sagte, dass er ihm
eine Vollmacht erteile. Kurz vor seiner Abreise lud er Mustafa Kemal
Paşa
und Cevad
Paşa
(neuer Generalstabschef) am 14. Mai 1919
in seine Wohnung zu einem Essen ein. Nach dem Essen fragte er (Damad
Ferid) ihn (Mustafa Kemal) was er in Samsun und Umgebung zu tun gedenke.
Mustafa Kemal erwiderte: "Nach den englischen Berichten haben
dort einige Zusammenstöße stattgefunden. Sie sind, glaube ich, etwas
übertrieben. Wie dem auch sei, wir werden an Ort und Stelle
Untersuchungen vornehmen und eine Lösung finden."
Zu Cevad
Paşa
gewandt fragte Großwesir Damad Ferid
Paşa:
"Was sagen Sie dazu?" -
Kemal blickte Cevad
Paşa an, der
daraufhin antwortete: "So
ist es, derartige Dinge sind nur an Ort und Stelle zu regeln!"
Dann schien ein neuer Zweifel Damad Ferid zu beschäftigen:
"Schön, würde sie mir bitte auf der Karte einmal Ihren Kommandobezirk
zeigen?" Mustafa Kemal sagte:
"Ganz genau weiß ich es auch nicht."
Indem er mit einem Finger über die Karte ging, fügte er hinzu:
"Vielleicht so ein kleines Gebiet."
Dabei wandte er eindeutig Cevad
Paşa
den Blick zu, der sogleich das Gespräch
aufnahm und meinte: "Natürlich wird Mustafa Kemal
Paşa Truppen befehligen. Wo
aber gibt es noch welche?" Damad
Ferid schien sichtlich erleichtert zu sein.[7]
Der Sultan ernennt daraufhin den General
Fevzi
Paşa zum
Inspekteur der 1. Armee, die für Konstantinopel und Umgebung zuständig ist,
jedoch wegen der Militärpräsens der Siegermächte nichts zu sagen hat.
General Cemal
Paşa ist für die
2. Armee zuständig, die sich in der mittelanatolischen Stadt Konya
befindet. General Mustafa Kemal
Paşa wird
Inspekteur der 9. Armee und der Armeeteile im Süden, die in der
ostanatolischen Stadt Erzurum stationiert sind. Außerdem soll an der
Schwarzmeerküste sowohl gegen die aufständischen Armenier und Griechen
als auch gegen die gewalttätigen Muslime vorgehen.[8] Am 15.
Mai 1919 kommt es zu einem Treffen zwischen Sultan Vahideddin und
Mustafa Kemal Paşa im Yildiz Palast. Sultan Vahideddin beglückwünschte den General
für seine Mission und sagte:
"Paşa! Sie haben diesem Staat bis zum
heutigen Tag sehr gut gedient. Sie sind in das Buch der Geschichte
eingetragen. Vergessen Sie nun das Ganze. Das, was sie als nächstes tun
werden, kann wichtiger sein, als das, was Sie bisher getan haben. Mein Paşa!
Se können unseren Staat retten!"
Mustafa Kemal Paşa antwortete:
"Ich danke gehorsamst für das mir gegenüber
bewiesene Vertrauen und Wohlwollen. Seien Sie versichert, dass ich
meinen Dienst nach Kräften gewissenhaft versehen werde. Ich habe den
Standpunkt Eurer Majestät verstanden. Sobald Sie zu befehlen geruhen,
werde ich abreisen und keinen Augenblick den mir erteilten Befehl
vergessen."[9] Als
Abschiedsgeschenk erhält Mustafa Kemal von Sultan Vahideddin eine
goldene Taschenuhr mit dem Wappen des Osmanischen Reiches.
General Mustafa Kemal
Paşa arbeitete
schon nach dem Waffenstillstand Pläne für einen bewaffneten Widerstand
aus. Hierzu half ihm sein langjähriger Freund General Ali Fuad
Paşa, Sohn von
Ismail Fazil
Paşa, der ihn in
Konstantinopel besuchte. Währenddessen tritt Marineminister Rauf Bey von seinem Posten
zurück und schließt sich wie Oberst Ismet Bey der Gruppe um Mustafa
Kemal an. Ebenso wird Kemal von General Kazım
Paşa
unterstützt, dem das 15. Armeekorps in Ostanatolien untersteht. Diese
Männer um Mustafa Kemal sollten später zu den Symbolfiguren des
Befreiungskampfes werden.[10] Nun sollte Mustafa Kemal
Paşa als
bevollmächtigter Generalinspekteur entsendet werden. Die offizielle
Mission enthielt folgende Befehle:
1. Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung im Bezirk von Samsun
2. Einsammlung und Lagerung von Waffen und Munition
3. Auflösung der "Rebellen-Räte" im Gebiet der sogenannten "drei Sancak's" Kars, Ardahan und Batumi, soweit sie nicht schon von den
Engländern aufgelöst worden waren.
Mustafa Kemal
Paşa und die ihm
beistehenden Generäle beschließen, in Anatolien den Befreiungskampf zu
entzünden und alle Waffen vor den Siegermächten in Sicherheit zu
bringen. Doch viele Offiziere und Politiker sind von den Engländern
eingeschüchtert. Ali Fuat berichtet in seinen Memoiren, dass nur wenige
bereit waren, den Befreiungskampf zu unterstützen:
"Wir hatten zu vielen großen Persönlichkeiten
Kontakt aufgenommen. Nur Rauf Bey, Refet
Paşa und einige Kommandeure von
Armeeeinheiten waren bereit, in Anatolien Aufgaben zu übernehmen."[11]
Später wird Mustafa Kemal
Paşa behaupten,
dass hinter seiner Ernennung die Absicht des Sultans und der Engländer
gestanden hätte, ihn aus Konstantinopel zu entfernen.[12] Wäre dem
so, hätte die Regierung unter Großwesir Damad Ferid
Paşa schon
vorher seine Verhaftung veranlassen und ihn in Malta internieren können,
da auch er ein Parteimitglied des jungtürkischen KEF's war. Die Rolle
des Sultans in dieser Zeit der Umbrüche wurde oft diskutiert, er selbst
über Jahrzehnte hinweg als "Feind des Volkes" denunziert, bis eine
Rehabilitierung durch neutrale Historiker ermöglicht werden konnte. Doch
weder der Sultan, noch die osmanische Regierung und sogar seine engsten
Getreuen wissen nicht welche Absichten Mustafa Kemal wirklich verfolgt,
nämlich die Gründung einer türkischen Republik. So formuliert
ÖZGÖNÜL passend:
"Während sich die Jungtürken als
konstitutionelle Monarchisten verstanden und somit geistig und gänzlich
in der imperialen osmanischen Tradition standen, war der kemalistische
Republikanismus in seiner dezidiert antiimperialen Ausrichtung etwas
fundamental Neues. Das Verhältnis zwischen Jungtürken und Kemalisten
entspricht jenen von Reformern zu Revolutionären. Weder dachten die
Jungtürken daran, das Sultanat abzuschaffen, noch das Kalifat. Die
halbtheokratisch geprägte osmanische Rechtsordnung sollte säkularisiert
werden, nicht laizisiert. Reformern ist zu eigen, dass sie das Alte
bewahrend modernisieren wollen, Revolutionäre modernisieren durch einen
umfassenden Bruch mit dem Alten."[13]
Die politische Ausrichtung von General Mustafa Kemal
Paşa ist bis in
das Jahr 1908 zurück zu datieren:
"Das Sultanat muss zerstört werden. Die Struktur
des Staates muss auf einer homogenen Grundlage beruhen. Religion und
Staat müssen voneinander getrennt werden [...]"[14]
Ein weiteres Beispiel geht aus einem Brief an den Vizegeneralissimus
Enver
Paşa vom
20.9.1917 hervor, indem Mustafa Kemal
Paşa fordert:
"Wir müssen
die Türkei verteidigen. Kein einziger Soldat darf mehr für das
Osmanische Reich geopfert werden, jeder muss aufgespart werden für die
Türkei!"[15]
Ankunft in Samsun und Beginn des Befreiungskrieges
Der mit allen Vollmachten ausgestattete General Mustafa Kemal
Paşa landete mit
einem Postboot am 19. Mai 1919 in der Schwarzmeer-Hafenstadt Samsun. Am
22. Mai sendet Kemal ein Telegramm an den Großwesir, in dem er die
Ausgangsposition seiner zukünftigen Politik formuliert:
"Das Volk hat sich vereint und hat sich seine
eigene Herrschaft und den türkischen Nationalismus zum Ziel gesetzt."[16]
Da britische Truppen in der Stadt stationiert sind, verlässt Kemal nach
einer Woche Samsun und begibt sich ins Landesinnere, in die Kleinstadt
Havza. Dort steht er in ständigem Telegrammwechsel mit den Kommandeuren
in Anatolien, um die Sicherung der Waffen zu gewährleisten. Am 28. Mai
schickt Kemal folgende Anweisung an die Kommandeure und
Verwaltungsbeamte in Anatolien:
"Die Einheit des Landes muss geschützt werden.
Deswegen muss eine nationale Organisation gegründet werden. Gegen die
feindliche Besatzung des Landes müssen Demonstrationen organisiert
werden, und diese Aktionen müssen per Telegramm dem Volk, der Regierung
in Istanbul und dem Ausland mitgeteilt werden."[17]
In einem weiteren Schreiben wird Kemal noch deutlicher:
"Die Istanbuler Regierung hat Anatolien nicht zu
beherrschen, sondern sich unterzuordnen!"[18]
Kemals Aktivitäten bleiben jedoch nicht lange verborgen und werden von
den Engländern aufgedeckt. In einem Telegramm vom 6. Juni fordert
General Milne die Istanbuler Regierung dazu auf, Mustafa Kemal Paşa
sofort abzukommandieren:
"Die Anwesenheit eines berühmten Paschas mit
seinen Begleitern in türkischen Provinzen stört nicht nur die
Öffentlichkeit, sondern es besteht aus militärischer Sicht dort auch
kein Bedarf nach seinen Diensten. Deshalb verlange ich die unverzügliche
Rückkehr Mustafa Kemals und seiner Begleiter nach Istanbul."[19]
Auch die Istanbuler Regierung unter Großwesir Damad Ferid Paşa
beobachtet die Aktivitäten mit zunehmender Sorge. Der Ministerrat
beschäftigt sich ausführlich in einer Sondersitzung mit der
"Angelegenheit Mustafa Kemal" und entschließt sich zu dessen Abberufung.
Kriegminister Şevket Turgut Paşa schickt
Kemal daraufhin eine Order:
"An den Inspekteur der 9. Armee! Sie werden
gebeten, sich mit einem Ihnen zur Verfügung gestellten Dampfboot hierher
zu begeben!"[20] Kemal
weigert sich jedoch und sendet per Eiltelegramm:
"Ich bin bereit, wenn nötig, meinen
Beamtenstatus abzulegen und in Anatolien unter dem Volk zu bleiben, und
ich werde meine Dienste für das Vaterland mit klareren Schritten
fortsetzen."[21] Kemal
ruft in einem Rundschreiben vom 22. Juni zur Entsendung von
Volksvertretern für einen Nationalkongress in Sivas und für einen
Regionalkongress der Ostprovinzen nach Erzurum. Aber nicht nur in
Anatolien auch in Konstantinopel verändert sich die Situation: am 23. Juni
hält Großwesir Damad Ferid Paşa vor dem Parlament eine Rede, die
die griechischen Verbrechen verurteilt und die Integrität des
Osmanischen Reiches untermauert:
"Das osmanische Volk wird die Teilung oder die
Besatzung des Reiches durch andere Nationen nicht hinnehmen. Keine
Regierung der Welt kann gegen den Willen ihres Volkes handeln."[22]
Am 2. Juli erhält Kemal ein persönliches Telegramm des Sultans:
"Im Kriegsministerium haben wir beschlossen,
dass Sie nicht aus Ihren Diensten entfernt werden sollen. Denn
wir wollen Ihre Person nicht auf Druck der Ausländer kränken. Deshalb:
legen Sie entweder Ihr Amt nieder und kommen Sie nach Istanbul, oder
begeben Sie sich für zwei Monate zur Luftveränderung in eine andere
Stadt, bis sich die Lage geklärt hat und der Frieden gesichert ist."[23]
In der osmanischen Regierung in Istanbul
kam es um die Person Kemals zu heftigen Auseinandersetzungen.
Kriegsminister
Şevket Turgut Paşa sympathisierte mit den Nationalisten in
Ankara und geriet dabei in Konflikt mit dem osmanischen Innenminister Ali
Kemal Bey. Der Konflikt führte schlussendlich zur Amtsniederlegung des
Kriegsministers. Sein Nachfolger wurde der amtierende Großwesir Damad
Ferid Paşa.[24] Dieser telegraphierte erneut an Mustafa
Kemal Paşa mit einer direkten Aufforderung, sofort nach Istanbul
zurückzukehren:
"Die Niederlage ist eine Krankheit ohne
Gegenmittel. Wenn man den Wünschen der Sieger nicht nachkommt, wird das
Vaterland noch größere Katastrophen heimsuchen. Deshalb muss die
Regierung auf ihre Dienste verzichten. [...] Es ist notwendig, dass Sie
die Gegend verlassen und sich hierher begeben."[25]
Doch Mustafa Kemal versuchte die Befehle zu umgehen und beruft sich auf
die desolaten Verhältnisse auf dem Land, um seinen weiteren Aufenthalt
in Anatolien zu rechtfertigen. Ein offener Aufstand gegen den Sultan war
unmöglich, da das Volk in ihm den unbestritten Herrscher sah, der das
Osmanische Reich in den Institutionen des Sultanats und Kalifats
widerspiegelte. So sagte Kemal später selbst: "Sie (das Volk)
waren vielmehr infolge der durch die Jahrhunderte gefestigten Religion
und der Überlieferungen dem Throne und seinem Inhaber (Vahideddin) treu.
Wenn sie nach einem Rettungsmittel suchten, so beschäftigte sie aus
atavistischen Gründen die Sicherheit des Sultanats und des Kalifats mehr
als ihre eigene. Dass das Land ohne Padişah und ohne Kalif gerettet
werden könnte, war eine Idee, die sie nicht fassen konnten. Und wehe
denen, die eine gegenteilige Meinung äußern würden. Sie würden alsbald
als Menschen ohne Glauben und ohne Vaterland, als Verräter angesehen und
als solche verleugnet werden."[26]
Um jedoch die Unterstützung des Volkes für seine Sache zu gewinnen,
propagiert Kemal in seinen Reden die Erhaltung des Sultanats, plante
jedoch im Hintergrund dessen Beseitigung und den Aufbau einer Republik.
Am 3. Juli 1919 reiste Mustafa Kemal nach Erzurum. Dort angekommen,
hielt er mit dem Kommandanten des 15. Armeekorps General
Kâzım
Paşa und anderen
Beamten am Abend eine Sitzung ab. Mustafa Kemal gibt in dieser Nacht zum
ersten Mal öffentlich bekannt, dass er beabsichtigt, einen unabhängigen
Staat zu gründen und verlangt in einer pathetischen Ansprache unbedingte
todesmutige Gefolgschaft.
Alle sieben
Teilnehmer versichern ihm ihre Treue, doch am 6. Juli steht der Plan
fast vor seinem endgültigen Scheitern, ohne wirklich begonnen zu haben:
Zwei der Teilnehmer (der Gouverneur von Erzurum Münir Bey und General
Kâzım
Paşa) folgen dem
Befehl der osmanischen Regierung, nach Konstantinopel zurückzukehren. Der
Generalinspekteur der 2. Armee, General Cemal
Paşa, kehrt
ebenfalls auf Befehl nach
Konstantinopel
zurück. Als der Gouverneur von Samsun,
Hamit Bey, ohne Widerstand durch die Regierung abgelöst wird,
verkleinert sich die Schar der Gefolgsleute um Mustafa Kemal drastisch.
Die Welle der schlechten Nachrichten erreicht schließlich am 8. Juli
ihren Höhepunkt, als ein Telegramm aus
Konstantinopel
eingeht:
"Da ihrem Beamtenstatus ein Ende gesetzt wurde,
werden Sie vom Sultan nach Istanbul bestellt."[27]
Damit verlor Kemal nicht nur seinen Posten als Generalinspekteur,
sondern wurde aus der Armee ausgeschlossen. Am nächsten Tag lässt
Mustafa Kemal dem Sultan nach eingehender Korrespondenz mit der
Regierung mitteilen, dass er von allen seinen Ämtern zurücktritt und als
einfacher Bürger den Befreiungskampf fortführen will. Am 10. Juli sollte
eine Entscheidung den ganzen Verlauf des Befreiungskampfes ändern:
Während Mustafa Kemal und Rauf Bey das Problem erörtern, dass man nicht
mehr den Befehlen Kemals folge leisten würde, seit dem er den Dienst in
der Armee quittiert habe, meldet der Diener Cevat Abbas unerwarteten
Besuch aus
Konstantinopel: General Kâzım
Paşa in
Begleitung mehrerer Offiziere.
Die osmanische
Regierung ernannte General Kâzım
Paşa zum neuen
Inspekteur der 9. Armee und beauftragte ihn mit der Verhaftung Mustafa
Kemals. Als Kemal die Nachricht vernimmt erblast er und gerät in Panik.
Wenn Kâzım
Paşa diesem
Befehl gehorchen würde, wäre alles vorbei, bevor es angefangen hatte.[28]
Doch Kâzım entscheidet sich gegen den Befehl und bietet
Kemal seine Dienste an.[29] Diese werden von Kemal dringend
gebraucht, denn die nach Erzurum geladenen "Volksvertreter" lehnen eine
Teilnahme Kemals am Kongress ab. Viele sehen in Kemal einen
jungtürkischen Offizier und keinen Volksvertreter, und kritisieren seine
mangelnde Religiosität.[30] Erst durch die persönliche
Intervention Kâzım
Paşa's wird
seine Teilnahme und seine Wahl zum Vorsitzenden erst möglich.[31]
Am 13. August 1919 telegraphiert Mustafa
Kemal an zahlreiche Anführer der kurdischen Stämme, um Unterstützung für
sein Vorhaben zu erbitten. Ein Telegramm erreicht den Kurdenanführer Hacı
Mustafa Bey, den Kemal an ihre gemeinsame Freundschaft im 1. Weltkrieg
erinnerte.[32] Bei den Großgrundbesitzern (Ağas)
wie Şırnaklı
Abdurrahman Ağa, Dersevli Ömer Ağa,
Norsinli Şeyh
Ziyaettin Efendi und Şeyh
Abdulbaki Efendi setzte Kemal auf eine religiöse Argumentation:
"Kein guter Muslim darf zulassen, dass das Kalifat und das
osmanische Sultanat zerstört werden."[33]
Kemal ruft zu einem landesweiten Kongress nach Sivas auf, dessen
Einberufung seine Gefolgsleute inzwischen überall im Land angekündigt
haben.
Der Kongress von Sivas und Annäherung an
Konstantinopel
Am 4. September 1919 treffen in Sivas 39
Delegierte aus 15 Regionen ein. Sie machen nur ein Drittel der
vorgesehenen Delegiertenzahl aus. Der Kongress hat somit keineswegs den
Charakter einer Nationalversammlung - wie Mustafa Kemal meint.[34]
Doch die Nationalisten betrachten das Kommen der Delegierten als einen
grandiosen Erfolg und gründen die "Gesellschaft zur Verteidigung der
Rechte Anatoliens und Rumeliens" (Anadolu
ve Rumeli Müdafaa-i
Hukuk Cemiyeti). Mustafa Kemal wird
mit drei Gegenstimmen zum Präsidenten des Kongresses gewählt. Während
dieser Zeit nimmt Rauf Bey eine oppositionelle Stellung gegen Kemal ein.
Doch zur Enttäuschung von Mustafa Kemal ist die politische Einstellung
der Delegierten traditionalistisch-religiös ausgerichtet. So befindet
sich auch eine Gruppe von Monarchisten im Kongress, die einem Bruch mit
dem Sultanat niemals zustimmen würden. So beschließt der Kongress,
der vom 4. bis zum 11. September tagte, "die Einheit des Landes, das
Sultanat, das Kalifat sowie die nationale Unabhängigkeit zu
verteidigen."[35] Die Teilnehmer des Sivas-Kongresses
solidarisieren sich mit dem Sultan, jedoch nicht mit seiner Regierung.
Am 14. September erreicht Sultan Vahideddin ein Telegramm aus Sivas,
dass die Absetzung der Regierung von Damad Ferid
Paşa und die
Einsetzung einer neuen patriotischen Regierung fordert. Als aus
Konstantinopel
keine Antwort kommt, droht Kemal in einem Telegramm vom 18. September
mit dem sofortigen Abbruch sämtlicher telegraphischer und postalischen
Verbindungen zur Zentralregierung in
Konstantinopel.[36] Sein
eigenmächtiges Handeln wird von seinen Gefolgsleuten, insbesondere von Kâzım
Paşa kritisiert,
der, wie einst Rauf Bey, immer mehr eine oppositionelle Haltung gegen
Kemal einnimmt. Auch die Bevölkerung von Sivas kritisiert Kemal. So
äußert sich Kemal später zu Journalisten:
"Das Volk von Sivas samt ihren islamischen
Gelehrten sagte zu mir, dass es meiner Person gegenüber loyal bleiben
werde. Aber sobald das Telegramm von [Innenminister] Ali Kemal eintraf,
klebten sie Zettel an die Häuserwände, auf denen stand, dass Mustafa
Kemal ein Verräter sei."[37]
Die Abneigung der Bevölkerung aus Sivas, sollte auch später eine der
Gründe sein, warum Kemal das Zentrum seiner Bewegung ins
zentralanatolische Ankara verlegen sollte. Inzwischen kommt es in
Istanbul zum Machtwechsel: Sultan Vahideddin entlässt am 30. September
Großwesir Damad Ferid Paşa
und schreibt
Neuwahlen aus. Am 6. Oktober wird Marschall Düztaban Ali
Rıza Paşa neuer Großwesir des Osmanischen Reiches. Der neue Großwesir
ändert jedoch den Kurs: Die neue osmanische Regierung ist nicht nur
bereit den in Sivas dokumentierten nationalen Willen und auch das
Repräsentativkomitee anzuerkennen, sondern auch Mustafa Kemal
Paşa Rang und
Titel zurückzugeben. Am 7. Oktober 1919 erklärte das
Repräsentativkomitee in Sivas die nunmehr volle Einigkeit mit der
Istanbuler Regierung - ein schwerer Schlag für die Führungsperson
Mustafa Kemal.[38] Kemal befürchtete seinen Status zu
verlieren, denn eine Istanbuler Regierung mit ähnlichen Zielen wie die
der Nationalisten in Anatolien werden bei der Bevölkerung mehr Gehör
finden, als die Bestrebungen einiger "Aufständischer". Am 20. Oktober
1919 trafen sich in Amasya der osmanische Marineminister Salih Hulusi
Paşa und Mustafa
Kemal
Paşa zu einem
Verhandlungsgespräch. Es wurden zwei Geheimprotokolle unterzeichnet, in
der die Istanbuler Regierung das Repräsentativkomitee
"Gesellschaft zur Verteidigung der Rechte
Anatoliens und Rumeliens" (Anadolu
ve Rumeli Müdafaa-i
Hukuk Cemiyeti) so gut wie
anerkannte. Der Marineminister befürwortete die Zusammenkunft der
neugewählten Abgeordneten in Anatolien, bevor sie sich nach Istanbul
begaben. Im Gegenzug erklärte sich Mustafa Kemal bereit, die
Widerstandskomitees in Anatolien aufzulösen, wenn das neugewählte
Parlament in Istanbul tatsächlich die nationalen Interessen vertreten
sollte.[39] Zur gleichen Zeit entsendet Kemal junge Offiziere
in die französischbesetzten Gebiete in Ost-Anatolien, um aus
Widerstandsgruppen schlagkräftige mobile Einheiten zu machen. Am 27.
Dezember verlegte das Repräsentativkomitee seinen Sitz von Sivas nach
Ankara.
Anfang Dezember 1919 fanden die angekündigten Wahlen der Istanbuler
Regierung statt. Von 175 Abgeordneten gehören 116 dem
Repräsentativkomitee Mustafa Kemals an. Sie bilden im Parlament eine
eigene Fraktion unter dem Namen "Gruppe zur Rettung des Vaterlandes" (Felah-ı
Vatan Grubu), Fraktionsvorsitzender wird der ehemalige Marineminister
Rauf Bey. Die Felah-ı Vatan Grubu beschloss ein Programm aus 5 Punkten,
das "die absolute Freiheit des osmanischen Volkes, die Zurückweisung
von Einmischungen in die Rechte des Sultanats und Kalifats, die
Eröffnung von Friedensgesprächen, die Anerkennung aller Vorgaben der
osmanischen Verfassung und die Arbeit im Sinne der nationalen Ziele"
zum Inhalt hatte.[40] Am 12. Januar nahm das neu geschaffene
osmanische Parlament seine Arbeit auf. Am 20. Januar verabschiedet das
Parlament den "Nationalpakt" (Misak-ı Millî) der zur Grundlage der
Widerstands- und Befreiungsbewegung werden sollte. Der Nationalpakt
enthielt die Forderung nach Volksabstimmungen in Westthrazien (und
Thessaloniki) und in den Gebieten mit arabischer Mehrheit, sowie
Forderungen bezüglich der Sicherheit Konstantinopels und der
Meerengen, das Recht der Minderheiten und der wirtschaftlichen
Unabhängigkeit des Reiches. Bemerkenswert war, dass der Nationalpakt
nicht die nationale Souveränität der Türken, sondern aller "muslimischen
Osmanen" forderte.[41] Mustafa Kemal, der ebenfalls zum
Abgeordneten gewählt wurde, bleibt jedoch dem Parlament fern, weil er
befürchtet wegen Rebellion gegen den Sultan verhaftet zu werden. Kemal
plant währenddessen mit Oberst Ismet Bey und anderen Offizieren in
Ankara Pläne für den Aufbau einer eigenen Armee auf. In Ankara steht
Kemal derzeit das 20. Armeekorps zur Verfügung, das seinem engen Freund
Ali Fuat
Paşa untersteht.
In
Konstantinopel
kommt es zur gleichen Zeit zu einem Kurswechsel innerhalb
der Felah-ı Vatan Grubu. Die nationalistischen Abgeordneten
bezeugen Sultan Vahideddin ihre Treue und vertreten die Meinung, dass
die "Gesellschaft zur Verteidigung der Rechte in Anatolien und Rumelien"
in Ankara sowie die nationalen Streitkräfte in Anatolien überflüssig
geworden seien.[42] Am 23. Februar fordert sogar Kâzım
Paşa Mustafa
Kemal in Ankara auf, sich dem Parlament in Istanbul zu fügen - was er
jedoch ablehnt. Kemal bemerkt, dass er einen strategisch wichtigen
Fehler mit den freien Wahlen machte, da er nun in Ankara isoliert ist,
während andere (namentlich sein Gegner Rauf Bey) in Istanbul die Politik
machen. Am 3. März 1920 gehen die griechischen Truppen östlich von Izmir
zur Offensive über. Sie dringen weit ins Landesinnere. Sultan Vahideddin
protestiert gegen die alliierten Vertreter erfolglos, Großwesir
Ali Rıza Paşa tritt noch am gleichen Tag aus Protest zurück. Sein
Nachfolger wird Salih Hulusi
Paşa.
Vom osmanischen Parlament zur Nationalversammlung in Ankara
Doch die Briten sehen in den
nationalistischen Abgeordneten ein zu großes Unruhepotenzial für die
Hauptstadt. In der Nacht vom 14. auf den 15. März besetzten britische
Truppen strategisch wichtige Gebäude in Istanbul und nahmen 150
Politiker und Offiziere in Haft, darunter 5 Abgeordnete der Felah-ı
Vatan Grubu. Zu den Verhafteten gehörte auch Rauf Bey, welcher mit den
anderen nach Malta deportiert wurde. Sie sollten erst ein Jahr später
freigelassen werden. Als Reaktion auf die Verhaftung, ließ Kemal am 16.
März dreißig britische Offiziere als Geisel nehmen und erließ eine
Proklamation an das Volk, in der er das Osmanische Reich für zerstört
erklärte. Nun hieße es einen Befreiungskampf zu führen, "um den
Beifall der Menschheit zu verdienen und den Weg vorzubereiten zu der
Befreiung, die die Welt des Islams betreibt, wenn wir den Sitz des
Kalifats von fremden Einflüssen frei machen, ihn mit einer Glaubenstreue
verteidigen, die unseres Ruhmes würdig ist, und indem wir die
Unabhängigkeit der Nation verwirklichen."[43] Das
osmanische Parlament tritt am 18. März zum letzten Mal zusammen,
protestiert gegen die Verhaftung der Abgeordneten und löst sich
schließlich am 11. April 1920 auf. 84 Abgeordnete des ehemaligen
osmanischen Parlaments können nach Ankara flüchten. Hunderte von
Menschen folgen dem Beispiel der Abgeordneten, darunter auch der
amtierende Kriegsminister General Fevzi
Paşa.
Am 6. April wird
Damad Ferid Paşa
zum zweiten Mal ins Großwesirat berufen. Die britischen Besatzer zwingen
den Şeyh-ül islam Dürrizade Abdullah
Efendi am 10. April eine Fatwa (religiöses Rechtsgutachten) zu
erstellen, das verschiedenen nationalistischen Gruppen in Anatolien zu
Rebellen und für vogelfrei erklärt. Sein Vorgänger Haydarizade Ibrahim
Efendi war zurückgetreten, weil er die Fatwa nicht unterschreiben
wollte. In Anatolien wurde eine Gegenfatwa erstellt und von 84 Imamen
unterschrieben sowie von 86 Ulemas. Die anatolischen Geistlichen
erklärten eine erzwungene Fatwa für ungültig.[44]
Sultan Vahideddin
steht vor schweren Entscheidungen. Während das Osmanische Reich durch
europäische Mächte besetzt ist, beruft eine revolutionäre Gruppe von
ehemaligen Jungtürken in Ankara eine Nationalversammlung ein. Der Sultan
sieht in den "Aufständischen" eine große Gefahr für den Islam. Der
Umstand, dass auch führende Panturkisten wie Dr. Adnan Adıvar
und Halide Edip sich an der Bewegung Mustafa Kemals beteiligen,
bestätigen ihn in seiner Annahme. Britische Flugzeuge werfen die Fatwa
auf Flugblättern in ganz Anatolien ab. Die Bewegung in Ankara muss um
ihre Position fürchten, denn zwar besetzen die Nationalisten in
Anatolien die Schlüsselpositionen und genießen die Unterstützung der
geistigen Elite des Landes und der Armeeführung, aber die einfache
Bevölkerung kann mit den "jungen Politikern in Ankara" und deren
fremdartigen, beinahe blasphemischen Ideen nicht viel anfangen.[45]
Die Bevölkerung kann sich nicht mit der von Ankara propagierten
"türkischen Identität" anfreunden. So gibt der zeitgenössische
Schriftsteller Yakub Kadri in seinem Roman "Der Fremdling" einen
passenden Dialog
zwischen einem Intellektuellen und einem Bauern wieder, der die
Einstellung der Bevölkerung präzise wiedergibt: "Aber kann
denn einer Türke sein und es nicht mit Mustafa Kemal
Paşa halten? - Wir sind keine Türken, Herr.
- Ja was seid ihr denn? - Wir sind Muslime, Alhamdulillah (Gott sei Lob
und Dank)." In vielen Orten folgt man der Fatwa aus
Konstantinopel
und greift die Nationalisten auf offener Straße an. Tscherkessen vertrieben die Beamten Kemals aus den Städten Bolu und
Düzce. Am 18. April 1920 beschließt die Regierung unter Damad Ferid eine neue Armee
aufzustellen um die Nationalisten endgültig in ihre Schranken zu
verweisen. Die "Ordnungstruppen" (Kuvâ-i İnzibâtiyye), die im Volk
"Kalifatsarmee" (Hilafet Ordusu) genannt wurden, unterstanden dem
Kriegsminister Şevket Süleyman
Paşa und hatten
die Zerschlagung der nationalen Bewegung sowie die Verhaftung
und Tötung Mustafa Kemals als Ziel.[46] Aus den Erinnerungen
von İsmail Hakkı Okday, dem
Schwiegersohn des Sultans, ist zu entnehmen, dass die Aushebung einer
neuen Armee dem Sultan gänzlich unbekannt war. Als der Sultan daraufhin
Damad Ferid (in Anwesenheit von Ismail Hakkı Bey) zur Rede stellt,
dementiert der Großwesir die Behauptungen mit den Worten: "Mein
Großherr! Das ist eine große Lüge und ein großes Gerede! Diejenigen die
ihrem Schwiegersohn diese Informationen gegeben haben, sind Lügner und
Verräter. Dieser inhaltslosen Anschuldigung wird sofort nach gegangen."
In Wirklichkeit organisierte der Großwesir mit englischer Hilfe den
Aufbau dieser neuen Armee im großen Maße.[47]
Zur gleichen Zeit versammeln
sich in Ankara die Delegierten zur Bildung eines neuen Parlaments. Die
Abgeordnetenwahlen, die ohnehin nur in einigen wenigen Gebieten
abgehalten werden, verlaufen ohne Zwischenfälle. Am 23. April 1920 wird
in Ankara die Nationalversammlung eröffnet. 115 Abgeordnete von
vorgesehenen 450 Abgeordneten erschienen zum Eröffnungstermin.[48]
Am 24. April wählt die Nationalversammlung Mustafa Kemal zu ihrem
Parlamentspräsidenten. Am 26. April lässt Kemal ans Volk eine Erklärung
abgeben: "Wir, eure Vertreter, schwören bei Gott und dem
Propheten, dass wir keine Aufständischen gegen den Sultan und das
Kalifat sind. Unser einziges Ziel ist, unser Land vor dem Schicksal zu
bewahren, das Länder wie Indien oder Ägypten ereilt hat."
Als zweite Amtshandlung nimmt Kemal Kontakt mit den Bolschewiki in
Moskau auf. Die Bolschewiki stellen der türkischen Nationalversammlung 5
Millionen Goldrubel und weitere Militärhilfe für den Befreiungskampf zur
Verfügung.[49] Am 11. Mai 1920 verurteilt die osmanische
Regierung unter englischem Druck
Mustafa Kemal in dessen Abwesenheit zum Tode, was bei der einfachen
Bevölkerung auf Zustimmung stößt.[50]
Noch am selben Tag erhebt sich der
tscherkessische Anführer Ahmed Anzavur und greift mit 500 Mann die
Nationalisten in Bolu und Düzce an. Adapazarı und Geyve werden
durch die Kalifatsarmee kontrolliert, die mit Anzavur zusammenarbeitet.
Die Kalifatsarmee zählt 4000 Mann und ist Kemals Truppen deutlich
überlegen. Am 25. April wird Mahmud Bey, Kommandant der 24. Division,
durch die Kalifatsarmee getötet und seine Division gefangen genommen.
Dabei geht die gesamte Ausrüstung der nationalen Armee verloren. Am 14.
Mai erheben sich Freischärler in Yozgat und Tokat, die zum Kampf gegen
Ankara aufrufen. Am 28. Mai gelingt es den Freischärlern ein ganzes
Bataillon in die Flucht zu schlagen. Die Kalifatsarmee zieht
triumphierend in die Städte Yozgat und Tokat ein und erobert später Zile.
Am 24. Juni erobern sie Bo ğazlıyan
und umzingeln Ankara. Kemal ernennt Ali Fuad
Paşa zum
Befehlshaber für die Operationen im nord-westlichen Anatolien und Refet Paşa
zum Befehlshaber für die Operationen im Süd-Osten. Unterstützt werden
die Nationalisten durch den Rebellenführer Çerkez Ethem der
eine irreguläre Einheit, "die Feldstreitmacht" (Kuvay-i Seyyare),
befehligt.[51] Anfang Juni 1920 greift die Kalifatsarmee die
nationale Befreiungsarmee an. Es kommt zwischen den beiden Armeen zu
heftigen Kämpfen. Gegen Ende des Monats gewinnt jedoch die nationale
Befreiungsarmee die Oberhand. Sie schlägt die Aufstände in Anatolien
nieder, dringt bis Izmit vor und schlägt die Kalifatsarmee am 14.
Juni bei Sapanca. Sie wird anschließend von den Engländern
entwaffnet und aufgelöst.[52] Doch das Hinterland Anatoliens
wird immer noch von Freischärlern beherrscht, die sich Ankara nicht
fügen wollen. Die Stadt Yozgat wird durch die sultanstreuen
Çapanoğulları gehalten und kann erst durch die 2000 Mann starke Brigade
des Çerkez Ethem erobert werden.
Der Vertrag von Sèvres und die Rückkehr von
Enver
Paşa
Am 10. August 1920 unterzeichnet die osmanische Delegation unter
Großwesir Damad Ferid
Paşa im Pariser
Vorort Sèvres, den gleichnamigen Friedensvertrag. Der Vertrag teilt das
Osmanische Reich in Interessenzonen auf, doch Mustafa Kemal weiß, dass
die Siegermächte den Vertrag von Sèvres militärisch nicht durchsetzen
können. Dazu haben sie in der Region weder die nötigen militärischen
Mittel noch die Unterstützung in ihren eigenen Reihen. Der Vertrag wird
gleich nach seiner Verabschiedung selbst von manchen britischen
Politikern als "Totgeburt" bezeichnet. Tatsächlich unternehmen die
Siegermächte in der Folgezeit keine ernsthaften Schritte, den Vertrag de
facto umzusetzen.[53] Es gibt nur zwei Feinde in dieser Zeit,
die für Ankara eine größere Bedrohung darstellen: Die Griechen im Westen
und die Armenier im Osten. Doch bevor es zu offenen Kämpfen kommt,
begibt sich eine Delegation aus Ankara unter Bekir Sami Bey nach Moskau.
Ihre Aufgabe ist es, die Bolschewiki für den türkischen Befreiungskampf
zu gewinnen und eine sowjetische Einmischung in die Ostanatolien-Politik
zu verhindern. Aber auch eine unerwartete Person nahm neben Lenin an der
Konferenz teil: Enver Paşa. Begab sich doch der ehemalige
osmanische Kriegsminister nach Kriegsende nach Berlin und anschließend
nach Moskau, um seinen Traum von einem türkischen Großreich Turan zu
verwirklichen. Der Gegenspieler Kemals meldete sich wieder zu Wort. In
einem Brief versichert Enver Kemal zwar, dass er nicht in seinen
Befreiungskampf eingreifen werde, doch die Meldung von Envers Rückkehr
verbreitet sich wie ein Lauffeuer im Land. Bevor Enver Paşa das
Osmanische Reich verließ, sorgte er dafür, dass die bereits offiziell
aufgelöste Teşkilat-ı
Mahsusa (der osmanische Geheimdienst) unter dem Namen "Allgemeine
Revolutionäre Organisation der Islamischen Welt" (Umum Alem-i Islam
Ihtilal Teşkilatı) weiter operierte. Enver war der Meinung,
der Krieg sei noch nicht vorbei, und er beabsichtigte, die osmanische
Niederlage mit Hilfe der Armee des Islams (Islam Ordusu), den
Streitkräften, die er im Kaukasus unter seinem Onkel Halil
Paşa (Kut) und
seinem Bruder Nuri
Paşa
zusammengestellt hatte, umzuwenden. Mustafa Kemal
Paşa muss wieder
um seine Führungsrolle im Befreiungskampf fürchten, denn sein alter
Rivale genießt weiterhin hohes Ansehen unter den jungtürkischen
Offizieren, die nun unter ihm im Befreiungskampf dienen.[54]
Envers Bemühungen, materiellen Rückhalt und die Unterstützung der
Bolschewiken zu gewinnen, um im Kaukasus eine Armee aufzustellen und
nach Anatolien zu führen, waren schließlich erfolglos, da die
Bolschewiken am 16. März 1921 in Moskau mit der Regierung in Ankara
einen Freundschaftsvertrag unterzeichneten.[55] Dennoch
wartet Enver weiterhin auf seine Chance und verließ Moskau, um nach
Batumi nahe der osmanischen Grenze zu gehen; er hoffte auf die
Unterstützung von innen. Halil Paşa war eine Schlüsselfigur in den
"Intrigen" um Envers Rückkehr nach Anatolien. Erst als die Armee Mustafa
Kemals am 23. August 1921 bei Sakarya siegt und Kemals Führungsposition
damit gefestigt ist, verlässt Enver Batumi Ende September mit seinen
Gefolgsleuten und begibt sich nach Zentralasien.[56]
Militärische Operationen der
Befreiungsbewegung
Die griechischen Erfolge im Juli 1920
schockierten die anatolische Bevölkerung. Der Fall der alten osmanischen
Hauptstadt Bursa und der Stadt Balıkesir ließ sich auch nicht durch
die Truppen Kemals verhindern. So besiegten die Griechen ohne große
Verluste die Armee Ali Fuat
Paşa's und
drangen tief nach Anatolien vor. Auf dem europäischen Kontinent erobern
griechische Truppen Thrakien und am 27. Juli Edirne, das ebenfalls in
der Vergangenheit eine osmanische Hauptstadt war. Ende September 1920
beginnen die Armenier einen Krieg gegen die Befreiungsbewegung. Im
türkisch-armenischen Krieg zeichnet sich der erfahrene General Kâzım
Paşa aus, der
mit vier Divisionen die Armenier in kurzer Zeit in Bedrängnis bringt. Im
Oktober erobern die nationalen Truppen die ostanatolische Stadt Kars. Am
2. Dezember unterzeichnet die Regierung in Ankara mit dem kleinen
armenischen Staat einen Friedensvertrag. Als Armenien sich der
Sowjetunion anschließt, wird die Sowjetunion direkter Nachbar der
entstehenden türkischen Nation. Allein im Jahr 1921 sollte die
Sowjetunion Mustafa Kemal mit 33.273 Gewehren, 327 Maschinengewehre, 54
Geschütze, 20.000 Gasmasken und große Mengen an Munition.[57]
Am 6. Januar beginnt die griechische Armee einen Angriff auf
Eskişehir,
die Kommandozentrale des Oberst Ismet Bey. Am 10. Januar kommt es zur
Schlacht von Inönü, an einer gleichnamigen Eisenbahnstation, bei der die
Befreiungsarmee siegt. Am 20. Januar 1921 wird in Ankara eine
provisorische Verfassung verabschiedet. Ohne die Verfassung des
Osmanischen Reichs außer Kraft zu setzen oder ihren Text zu ändern und
ohne die Institution des Sultanats als solche in Frage zu stellen,
erklärte das Verfassungsgesetz die Nation zum Souverän (Art. 1) und die
Große Nationalversammlung zu dessen einzigem Repräsentanten (Art. 2).
Hier wurde auch das erste Mal verfassungsrechtlich der "Staat Türkei"
festgehalten und das Parlament in einem Gesetz als Große
Nationalversammlung der Türkei bezeichnet. Das Osmanische Reich tauchte
nicht mehr auf. Die Verabschiedung des Verfassungsgesetzes ohne Änderung
der Verfassung des Osmanischen Reiches war im Parlament umstritten.
Mustafa Kemal ersuchte noch im selben Monat Sultan Vahideddin die
Regierung der Nationalversammlung anzuerkennen. Sie würde sodann eine
Vertretung beim Sultan unterhalten, was Sultan Vahideddin jedoch
ablehnte.[58] Am 21. Februar 1921 laden die Siegermächte die
Istanbuler Regierung und die Regierung von Ankara zu einer Konferenz
nach London ein. An der Konferenz nimmt der seit Oktober 1920 amtierende
Großwesir Tevfik
Paşa für die
osmanische Regierung teil.
Tevfik
Paşa der 78 Jahre alt
ist und mit einer schweren Grippe daniederliegt, hat die Mühe, am 23.
Februar 1921 den Konferenzsaal im Londoner St. James Palast zu
erreichen, er zittert vor Fieber am ganzen Körper und wird in Decken
gehüllt. Kurz darauf erscheint die Delegation aus Ankara, und als Lloyd
George den Großwesir gute Besserung wünscht und ihm das Wort erteilt,
antwortet der alte Wesir, der sechzig Jahre seinem Sultan treu gedient
hatte, mit zittriger, leiser Stimme:
"Die wahren Vertreter unseres Volkes sitzen
gegenüber; ich bitte, ihnen das Wort zu erteilen."
Damit wurde die Ankara-Regierung nun auch international anerkannt.[59]
Die Londoner Konferenz endet ergebnislos. Die Ankara-Delegation ist mit
den Vorschlägen der Siegermächte nicht einverstanden und verlangt die
sofortige Aufhebung der Besatzung. Italien und Frankreich bieten
Friedensverträge an, die einen militärischen Abzug vorsehen. Doch die
Delegation reist ohne Unterzeichnung nach Ankara zurück um erstmal über
die Verträge zu beraten. Italien wartet jedoch nicht ab und zieht schon
vor Unterzeichnung sämtliche Truppen aus Südanatolien ab. Der
Befreiungsbewegung stand somit nur noch Griechenland als Feind
gegenüber. Griechische Truppen begannen am 23. März 1921 eine
Generaloffensive und wurden wieder bei Inönü durch die Befreiungsarmee
zurückgeschlagen. Am 7. April besiegt Refet Paşa die griechischen
Truppen bei Afyonkarahisar.
Ein Prinz in Anatolien: Die Rolle der Dynastie Osmân im Befreiungskrieg
Eine besondere Rolle nimmt die Herrscherfamilie Osman im Befreiungskrieg
ein. Die englandfreundliche Haltung von Sultan Mehmed VI. Vahideddin Han
wurde in der kemalistischen Geschichtsschreibung oft kritisiert, der
Sultan selbst als Verräter dargestellt. Erst durch das Auftauchen von
Telegrammen zwischen dem Sultan und Mustafa Kemal, konnte Licht ins
Dunkel gebracht werden. Sultan Vahideddin,
 |
|
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Şehzade
Ömer Faruk Efendi |
|
der
Mustafa Kemal
Paşa schon seit
seiner Zeit als Kronprinz kannte, vertraute Mustafa Kemal mit einer
Geheimmission den Aufbau einer nationalen Verteidigung an. So schreibt
der Sultan ihm:
"Die feindliche Armee ist im Glauben, dass Sie
in Samsun Ruhe und Ordnung wiederherstellen sollen und auch in der
Armee. Den wahren Grund [ihrer Mission] jedoch, werden nur Sie und ich
kennen."[60] In einem
anderen Telegramm wird Sultan Vahideddin ausführlicher:
"Sollte ich als Padişah und Kalif nach Anatolien
gehen müssen, so werden die Streitkräfte unserer Feinde in Panik
geraten, über unser Vaterland herfallen und unser Land in ihre Gewalt
bringen. Gehe du als Kommandant und wenn es sein muss, fungiere als
Repräsentant meiner Person und meiner Regierung. Ermutige mein Volk!"[61]
Sultan Vahideddin bleibt bei Kriegsende in der Hauptstadt. Die
Vorschläge einiger Berater das Land mit dem Staatsschatz zu verlassen,
lehnt der überzeugte Patriot Vahideddin vehement ab. Die Siegermächte
besetzten
Konstantinopel
und begannen mit der Entwaffnung des Volkes. Der
Sultan ließ nächtliche Diebstähle in den Waffenlagern anordnen um die
erbeuteten Waffen im Dolmabahce Palast zu lagern. Ein U-Boot sollte die
Waffen nach Samsun bringen, wurde jedoch durch das britische Geschwader
entdeckt und zerstört. Sultan Vahideddin sieht es als seine Aufgabe, die
Engländer in
Konstantinopel
zu binden, um den Aufbau einer Befreiungsbewegung
in Anatolien erst zu ermöglichen. Als die Operationen Kemals in
Anatolien durch die Engländer aufgedeckt werden, beorderte Sultan
Vahideddin ihn wieder umgehend nach
Konstantinopel zurück. Kemal kam den Befehlen
nicht nach. Während die osmanische Regierung mit den Siegermächten
kooperieren musste, verfolgte der Sultan die weiteren Ereignisse in
Anatolien. Mit zunehmenden englischen Druck auf die osmanische Politik,
wird der Sultan handlungsunfähig. Während die Befreiungsbewegung sich
offiziell für den Schutz von Sultanat und Kalifat einsetzt, bemerkt
Sultan Vahideddin die wahren republikanischen Absichten Kemals.
Thronfolger Abdülmecid Efendi sympathisiert mit der Befreiungsbewegung
und möchte sich persönlich daran beteiligen. Als die Nachricht im
September 1920 Ankara erreicht, bildet sich eine breite Anhängerschaft
die das Kommen des Prinzen erwartet. Doch Sultan Vahideddin entsendet
nicht den militärisch unerfahrenen Abdülmecid Efendi, sondern dessen
Sohn - Prinz Ömer Faruk Efendi. Der junge Prinz kämpfte während des
Weltkrieges in Verdun und zeichnete sich durch mutiges und
entschlossenes Handeln im Kampfe aus. Sultan Vahideddin Han beauftragte Ömer Faruk Efendi nach Anatolien zu reisen und die Führung der
Befreiungsbewegung zu übernehmen:
"Wenn die nationale Regierung die Verhandlungen
gewinnt, wird man dann die osmanische Familie nicht als schuldig
ansehen? Es muss auf jeden Fall ein Prinz (Şehzade)
nach Anatolien geschickt werden, sodass auch die osmanische Familie das
Recht hat sagen zu können, an der Befreiungsbewegung teilgenommen zu
haben."[62]
Am 25. April 1921 schreibt
Şehzade
Ömer Faruk Efendi
einen Abschiedsbrief an seinen alten Weggefährten Ali Nuri Bey, dem Sohn
des amtierenden Großwesirs Tevfik
Paşa, mit folgendem
Inhalt:
"Mein lieber Ali Nur Bey! Man erreicht die
Beruhigung der Seele nur, indem man sein Glück und Gut der Pflicht zum
Opfer bringt. Und zwar einer Pflicht, die heutzutage jeder von uns dem
Lande schuldig ist. So trenne ich mich mit schwerem Herzen von allen,
die ich liebe, und verehre und bitte, auch meiner nicht zu vergessen.
Prinz Ömer Faruk"[63] Mit
einem Boot erreicht der Prinz am 26. April den Hafen von Inebolu. Die
Stadt ist in Fahnen gehüllt. Die Bevölkerung feiert den Einzug des
Prinzen - sehr zum Ärgernis der Regierung in Ankara. So gibt der
Innenminister in Ankara die Anweisung an die örtlichen Beamten, den
Prinzen freundlich aufzufordern wieder nach
Konstantinopel
zurückzukehren. Als
die Beamten den Befehl nicht beachten, bricht Mustafa Kemal in Wut aus,
warum der Prinz nicht sofort nach
Konstantinopel
zurückgeschickt wurde.[64]
Enttäuscht kehrt Prinz Ömer Faruk zurück und erstattet Sultan Vahideddin
im Yildiz Palast Bericht. Der Sultan erklärt daraufhin:
"Ich wusste das sie dich nicht akzeptieren
würden, mein Sohn. Jedoch hat Mustafa Kemal wieder einmal gezeigt, dass er
gegenüber dem Sultanat und Kalifat schlechte Absichten hegt."[65]
Die Popularität des Sultans blieb ungebrochen: Noch im Jahr 1921 wurde
in Erzurum eine Parade anlässlich des Geburtstages des Monarchen
abgehalten. Bis zum November 1922 wurde in allen Moscheen Anatoliens im
Fürbittengebet am Freitag der Name von Sultan Mehmed Vahideddin erwähnt.[66]
Von Sakarya zur endgültigen Befreiung
Anatoliens
Im Juli 1921 ging die griechische Armee wieder in die Offensive. Die
Befreiungsarmee musste sich in der Schlacht von Kütahya und Eskişehir
zurückziehen. Nach einer Niederlage wurde Mustafa Kemal zum
Oberkommandierenden der Armee ernannt und mit fast diktatorischen
Vollmachten ausgestattet.[67] Am 7. und 8. August 1921 wurde
die nationale Mobilmachung (Tekalif-i Milliye) ausgerufen. Die
Bevölkerung war damit verpflichtet, dem Militär alle benötigten
Materialien und Ressourcen zur Verfügung zu stellen. Die Truppen unter
Mustafa Kemal errangen am 23. August in der Schlacht von Sakarya einen
wichtigen Sieg, bei dem die Griechen 30.000 Tote zu beklagen hatten.
Nach diesem Sieg zogen sich die französischen Truppen aus der Türkei
zurück und gaben am 20. Oktober 1921 mit der Unterzeichnung des
Franklin-Boullon-Abkommens (Vertrag von Ankara) ihre Gebietsansprüche
auf. Am 30. August 1922 besiegt die Befreiungsarmee die griechischen
Streitkräfte endgültig in der Schlacht von Dumlupınar. Nachdem sich der
Sieg der Befreiungsarmee immer deutlicher abzeichnet, plädieren die
Sichermächte für einen Waffenstillstandsvertrag. Mustafa Kemals
Bedingung ist eine Anerkennung der Thrakiengrenze von 1914, die
Freilassung aller gefangenen Soldaten und Reparationszahlungen für die
letzten zwei Kriegsjahre. Am 9. September erobern die Truppen Kemals
Izmir und am 10. September Bursa zurück. Am 12. September 1922 wird
zwischen England und der Regierung in Ankara ein Waffenstillstand
geschlossen. Am 23. September schlagen die Siegermächte der
Ankara-Regierung Verhandlungen über einen türkisch-griechischen
Waffenstillstand vor. Am 11. Oktober wird der Waffenstillstand von
Mudanya unterzeichnet. Die griechische Seite verpflichtet sich, ihre
Truppen bis hinter die Maritza-Grenze (1914) zurückzuziehen und ganz
Thrakien zu räumen. Die "türkische Seite" (Ankara) verzichtet ihrerseits
auf Karaa ğaç,
einen Vorort von Edirne, und auf Westthrakien, das von der griechischen
Armee besetzt gehalten wird. Am 17. Oktober 1922 laden die Siegermächte
die Regierung in Ankara zu Friedensverhandlungen in die neutrale Schweiz
nach Lausanne ein. Mustafa Kemal ernennt Oberst Ismet Bey zum
Verhandlungsführer, er wird begleitet von Fevzi
Paşa.
Premierminister Rauf Bey, dem eigentlich die Verhandlungsführung
zustand, fühlt sich zu Recht übergangen. In Ankara bildet sich eine
immer deutlichere Opposition gegen Kemal, angeführt von Rauf Bey, der
von Kâzım
Paşa, Refet Paşa
und Ali Fuat Paşa unterstützt wird. Am 19. Oktober zieht Refet Paşa
triumphierend in Istanbul ein.
Die Abschaffung des Sultanats und das Ende des Osmanischen Reiches
Zu der Konferenz in Lausanne ist auch die
osmanische Regierung in Istanbul eingeladen. Großwesir Tevfik
Paşa möchte
gerne mit Mustafa Kemal
Paşa Absprachen
halten, der ist jedoch nicht bereit einen Kompromiss einzugehen.
Erst am 29. Oktober
kommt es zu einem Treffen zwischen Sultan Mehmed VI. Vahideddin Han und
Refet Paşa im Yildiz Palast. Refet Paşa bekundet Sultan
Vahideddin seine Treue und
bot
ihm an, seine Position und Person zu schützen, wenn er die Regierung in
Ankara anerkennen würde. Der Sultan antwortete, dass er es sich
überlegen werde, änderte jedoch seine Entscheidung, nachdem er
Beleidigungen gegen seine Person von Seiten Mustafa Kemals las. In
Ankara will Mustafa Kemal endgültig dem Osmanischen Reich den Todesstoß
setzen. Am 1. November wird in der Großen Nationalversammlung der Antrag
zur Abschaffung des Sultanats eingereicht. Doch zur großen Verwunderung
Kemals, weigert sich eine große Mehrheit der Abgeordneten dem Antrag zu
zustimmen. Auch in der engsten Gefolgschaft um Mustafa Kemal ist der
Gedanke das Sultanat abzuschaffen nicht kompatibel mit der Vorstellung
vieler Generäle. So äußert sich Rauf Bey in dieser Frage: "Ich
bin mit Herz und Seele dem Thron und dem Kalifat ergeben, weil mein
Vater Wohltaten von dem
Padişah
zuteil geworden sind und er zu den Würdenträgern
des Osmanischen Reiches gehörte. Die Erinnerung an diese Wohltaten
fließt in meinem Blut. Ich bin kein Undankbarer und möchte es nicht
werden. Für mich ist es eine Pflicht, dem
Padişah
treu zu bleiben."
Refet Paşa bezieht ebenfalls
Stellung: "Tatsächlich kann bei uns von einer anderen
Regierungsform als der des Sultanats und des Kalifats nicht die Rede
sein."[68] Ebenso
reagieren Ali Fuat Paşa und Kâzım
Paşa. Um seinen
Antrag durchzusetzen, droht Kemal den Abgeordneten im Parlament wie ein
Diktator:
"Meine Herren, die Herrschaft wird niemandem als
Folge einer weisen Entscheidung, eines Meinungsaustauschs oder einer
Diskussion verliehen. Eine Herrschaft erringt man mit Kraft, Ehrgeiz und
Gewalt. Die Söhne Osmans nahmen die Herrschaft über das türkische Volk
ebenfalls mit Gewalt an sich. Diese korrupte Art behielten sie
fünfhundert Jahre lang bei. Nun hat das türkische Volk diesen
Vergewaltigern Halt eingeboten und die Herrschaft wieder an sich
gerissen. Dies ist eine selbstverständliche Tatsache. Das Problem ist
nicht, ob wir dem Volk die Herrschaft überlassen oder nicht. Denn das
wird auf alle Fälle geschehen. Wenn die Nationalversammlung, die sich
heute hier versammelt hat, dafür stimmt, ist dieses Problem gelöst. Wenn
das nicht geschieht, dann wird die Wahrheit wieder auf die Art und Weise
gefunden werden, wie es üblich ist. Aber wahrscheinlich werden in diesem
Fall einige Köpfe rollen."
Anschließend fügt er unmissverständlich hinzu, welches Ergebnis er bei
der Abstimmung erwartet: "Ich glaube, dass die
Nationalversammlung die Prinzipien, die die Unabhängigkeit des Landes
und der Nation für immer bewahren werden, einstimmig annehmen wird."[69]
Die Nationalversammlung beschließt mit nur zwei Gegenstimmen die
Abschaffung des Sultanats. Am 4. November 1922 löst sich die Regierung
unter Großwesir Tevfik
Paşa und
besiegelt somit das Ende des Osmanischen Reiches nach 622 Jahren.
Kurz
nach der Abschaffung des Sultanats, entführen nationalistische Agenten
den ehemaligen osmanischen Innenminister Ali Kemal Bey, der später durch
einen aufgebrachten Mob getötet wird. In Istanbul kommt es zu
Übergriffen an Beamte, die der osmanischen Regierung weiterhin Dienste
geleistet hatten. Am 16. November 1922 klagt die Große
Nationalversammlung Sultan Mehmed VI. Vahideddin Han, 36. Sultan des
Osmanischen Reiches, wegen Hochverrats an. Die Anklage trifft den
Monarchen sehr. So äußert er sich in der Gegenwart seiner Tochter Sabiha
Sultan:
"Wir können alles sein. Wir können sogar eine
veraltete, unfähige und fehlerhafte Regierung eingesetzt haben, aber wie
können wir Osmanoğlu (Nachfahren Osmans) Verräter
sein? Wie kann Mustafa Kemal
Paşa, der uns so gut kennt, dies
behaupten?"[70] Der
osmanische Diplomat Rıza
Tevfik Bölükbaşı
schilderte die
Situation mit folgenden Worten: "Mustafa Kemal Paşa ist
gekommen um den Sultan zu stürzen und zu ermorden. Diese "türkische
Revolution" war eine Kopie der Französischen Revolution. Und das, was
Ludwig XVI. durch die Franzosen
erfuhr, sollte Sultan Vahideddin ebenso durch die Türken erfahren.
Revolutionäre kennen keinen anderen Weg."[71]
Noch am selben Tag des 16. Novembers 1922 stellt der Sultan einen
Asylantrag an den britischen General Harrington: "Da ich in
Istanbul mein Leben in Gefahr sehe, stelle ich beim englischen Staat
Asylantrag und bitte um die Verlegung meiner Person von Istanbul an
einen anderen günstigen Ort."[72]
In der Nacht vom 16. auf den 17. November 1922 verlässt der letzte
Sultan des Osmanischen Reiches mit seinem Sohn, Şehzade Mehmed Ertuğrul
Efendi, seinem Barbier, seinem Arzt und einigen Adjutanten auf dem
englischen Kriegsschiff "Malaya"
Konstantinopel. Sultan Vahideddin dankte nie
als Sultan ab und sandte ein Telegramm nach Ankara mit den Worten:
"Ich bin nicht geflohen. Ich bin emigriert."[73]
Es war ein Verweis auf die Situation des
Propheten Muhammed im Jahr 622 n. Chr., als der Prophet von Mekka nach
Medina emigrierte. 622 Jahre hatte das Osmanische Reich bestand und
Sultan Vahideddin erhoffte zeit seines Lebens eine Rückkehr in die
Türkei. Er selbst ließ sich im italienischen San Remo nieder, wo er 1926
starb.
"Der einzige
der fähig war meinen Staat zu retten war Mustafa Kemal. Ich habe ihm
diese Aufgabe gegeben. Er war aber untreu und ist uns in den Rücken
gefallen. Das Volk hat Frieden gefunden jedoch ist die Dynastie zerstört
worden." - Sultan Mehmed VI. Vahideddin, 1923[74]

[1] Şefik Okday:
Der letzte Großwesir und seine preußischen Söhne,
1991, S. 87
[2]
Gotthard Jäschke: Kemal Atatürk, ein großer
Revolutionär und Diplomat, 1956
[3] Guenter Lewy:
Der armenische Fall, 2009, S. 95-96
[4]
Halil Gülbeyaz: Mustafa Kemal
Atatürk - vom Staatsgründer zum Mythos, 2003, S. 69
[5]
s.
Jäschke
[6]
Taner Akcam: Armenien und der Völkermord, 2004, S.
108
[7]
Gotthard Jäschke: Aus der
Geschichte des Islamischen Orients, 1949, S. 30
zitiert und übersetzt aus "Milli Mücadele Hatıratı"
(Erinnerungen an den nationalen Widerstand) von Ali
Fuat
Paşa (Cebesoy) vgl.
Vehbi Vakkasoglu: Son
Bozgun 1, S. 134-135
[8]
Gülbeyaz
S. 73
[9]
Volkan/Itzkowitz: Ölümsüz Atatürk, 1965, S.
174
[10]
Gülbeyaz S. 72
[11]
Şevket Süreyya
Aydemir: Tek Adam I, 1965, S. 370
[12]
Mustafa Kemal: 1919 yılı Mayısının 19'uncu
günü Samsun'a çıktım, 1999, S. 20
[13]
Cem
Özgönül: Der Mythos eines Völkermordes, 2006, S. 53
[14] Hilmi Yücebaş: Atatürk'ün Nükteleri,
Fıkraları, Hatıraları, 1973, S. 49
[15] Irfan Orga: Phoenix Ascendant, 1958,
S. 60
[16]
Prof. Dr. Ayşe
Afet İnan:
Türkiye Cumhuriyeti ve Türk Devrimi, 1991, S. 28
[17]
Prof. Dr. Ayşe Afet
İnan:
Atatürk'ten yazdıklarım, 1969, S. 22
[18]
İnan,
Türkiye Cumhuriyeti,
S. 29
[19]
Sabahattin
Selek: Milli
Mücadele - Erzurum'da
Gergin Günler, 1999, S. 9
[20] Selek, S. 11
[21] Selek, S. 12
[22]
Gotthard Jäschke:
Kurtuluş Savaşı İle İlgili İngiliz
Belgeleri II., 2001, S. 9
[23] Jäschke, S. 7
[24] Andrew Mango: Atatürk, 1999, S. 229
[25]
Jäschke, S. 54
[26]
Mustafa Kemal: Der Weg zur
Freiheit 1919-1920, 1981, S. 9
[27] Selek S. 56
[28] Prof. Dr. Yurdakul Yurdakul:
Atatürk'ten Hiç Yayınlanmamış Anılar, 2005, S. 57
[29]
Kâzım
Karabekir: Istiklal Harbimiz,
1959, S. 73
[30] Gülbeyaz, S. 84
[31] Karabekir, S. 76
[32] Selek, S. 134
[33]
Selek, S. 140
[34] Gülbeyaz, S. 87
[35] Mete Tuncay: Türkiye Cumhuriyetinde tek
Parti yönetiminin kurulmasi, 1989, S. 23
[36]
Kemal: Der Weg zur Freiheit,
S. 128
[37]
Mustafa Kemal: Eskişehir-İzmit
Konuşmaları (1923), 1993, S. 117
[38] Gülbeyaz, S. 90
[39]
Mango, S. 251
[40]
Tülay Duran: Son Osmanlı Meclis-i Mebusanında "Felah-ı
Vatan İttifakı" in Belgelerle Türk Tarihi Dergisi
61, S. 12-13
[41] Udo Steinbach: Die Türkei im 20.
Jahrhundert, 1996, S. 108
[42] Gülbeyaz, S. 93
[43]
Kemal: Der Weg zur Freiheit,
S. 396
[44] Kadir Mısıroğlu: Sarıklı Mücahitler,
1980, S. 297-307
[45] Gülbeyaz, S. 96
[46] Gülbeyaz, S. 98
[47] Murat Bardakçı: Şahbaba:
Osmanogulları'nın son hükümdarı VI. Mehmed
Vahideddin'in hayatı, hatıraları, ve özel mektupları,
1998, S. 179
[48] Ihsan Ezherli: TBMM (1920-1992) ve
Osmanlı Meclis-i Mebusanı (1877-1920), 1992, S. 141
[49] Mango, S. 272
[50] Gülbeyaz, S. 95
[51]
Kemal: Die nationale
Revolution,
S. 10-15
[52]
Gotthard Jäschke:
Mustafa Kemal und
England in neuer Sicht, 1975, S. 212
[53] Gülbeyaz, S. 102
[54] Erik Jan Zürcher: The Unionist
factor, 1984, S. 83-94
[55] Zürcher, S. 123
[56] Zürcher, S. 130
[57] Johannes Glasneck: Kemal Atatürk und
die Moderne Türkei in
Dokumenty vnesnej
politiki SSSR, Bd. 2, S. 555
[58]
Gottfried Plagemann: Von Allahs Gesetz zur
Modernisierung per Gesetz
- Gesetz und Gesetzgebung im Osmanischen Reich und
der Republik Türkei, 2010, S. 140-141
[59] Okday, S. 98-99
[60]
Turgut Özakman: Vahidettin, M. Kemal ve
milli mücadele: yalanlar, yanlışlar, yutturmacalar, 1997
[61] siehe Özakman
[62] Niyazi Ahmet Banoğlu: Nükte ve
fıkralarla Atatürk, 1954
[63] Okday, S. 107
[64]
Kadir Mısıroğlu:
Kurtuluş Savaşında Sarıklı Mücahidler, 2007, S.
45-75
[65] ebenda Mısıroğlu
[66] Gotthard
Jäschke: Nationalismus und Islam im türkischen
Unabhängigkeitskriege, Zeitsch. f.
Kulturaustausch, S. 127
[67] Gülbeyaz, S. 120
[68] Glasneck, S. 150
[69] Mustafa Kemal Atatürk: Söylev Cilt
I-II, 1999, S. 337
[70] Bardakçı: Şahbaba, S. 508
[71] Andrew Mango: From the Sultan to
Ataturk: Turkey, 2010, S. 153
[72]
İnan:
Atatürk'ten yazdıklarım, S. 27
[73] Mango, S. 154
[74] vgl. Rumeysa
Aredba, Edadil Açba:
Sultan Vahdeddin'in San Remo Günleri, 2009 |
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