Kunstvoll und reich verziert
von Martin Greve

 

Zur Geschichte der osmanischen Gesangskunst

Über den Gesang in der Welt des Islam im Mittelalter wissen wir heute nur wenig. Kein Traktat ist erhalten, das diese Kunst beschriebe: ihre Atem- und Kehlkopftechniken, den Klang und die Verzierungen. An arabischen und iranischen Höfen waren es in der Regel Spieler der Kurzhalslaute Ud, die sangen - und oft auch komponierten. Musik dieser Zeit, weltliche wie religiöse, war gesungene Musik, begleitet von einem oder mehreren Instrumenten, und auch nach der Eroberung von Konstantinopel blieb höfische Musik überwiegend Vokalmusik. Erst vom 16. Jahrhundert an geben uns osmanische Hofakten, Textsammlungen und erste Noten ein klareres Bild, und sie zeigen eine deutliche Veränderung: In Istanbul nämlich unterschied man zwischen Sängern (Hânende) und Instrumentalisten (Sâzende). Auffällig ist, dass die größte Gruppe professioneller Hofmusiker islamische Religionsgelehrte waren, vom einfachen Vorbeter (Imam) bis zum obersten Richter über die Scharia (Şeyhülislam). Die besten Sänger waren offenbar die Gebetsrufer, die Müezzin. In der islamischen Erziehung lernten bereits Kinder, zumindest Teile des Korans zu rezitieren, wer begabt war, lernte gar den gesamten Koran auswendig und wurde damit zum Hâfız. Bei dieser Ausbildung ging es zunächst um die korrekte Aussprache des heiligen Textes - und zwar stets im arabischen Original. Der Rhythmus ist frei und richtet sich ausschließlich nach dem Text. Dieser Text aber wurde - zumindest im Osmanischen Reich - eben nicht gesprochen, sondern reich verziert gesungen. Die Koran-Schulung war somit auch eine Art Gesangsausbildung.

Vom Gebetsrufer zum Hofmusiker

Auch der Gebetsruf (Ezan) war im Osmanischen Reich (und ist in der heutigen Türkei) eine alltägliche religiöse Vokalform. Tatsächlich ist ein Ezan kein bloßer Ruf, sondern eher ein kunstvoller Gesang: es erklingen sieben jeweils wiederholte, formelhafte Melodien, je nach Tageszeit unterschiedlich und stets überaus reich verziert. Selbst im alltäglichen Stadtlärm von Istanbul unterscheidet man dabei sehr wohl zwischen guten und schlechten Müezzins, und gute Sänger konnten schnell bekannt werden. Die besten Müezzin des Osmanischen Reichs bekamen mit etwas Glück Gelegenheit, entweder im Palast oder in einer der großen Moscheen der Stadt vor dem Sultan zu singen.
Fand ihre Stimme Gefallen, konnten sie auch Sänger der weltlichen Hofmusik werden. Tab'i Mustafa Efendi (gestorben 1770) beispielsweise begann zunächst als Müezzin und stieg unter Osman III. (1754 - 1757) bis zum Hauptmüezzin im Palast auf. Heute ist er vor allem als Komponist anspruchsvoller höfischer Kunstlieder bekannt. Die beiden bedeutendsten osmanischen Komponisten des 16. Jahrhunderts waren Hâfız, konnten also den gesamten Koran auswendig rezitieren: Hâfız Post, sowie sein Schüler Buhûrîzâde Itrî. Von beiden ist allerdings auch überliefert, dass nicht ihre Stimmen, sondern ihre Kompositionen ihren Ruhm begründeten.
Noch Anfang des 20. Jahrhundert, als die alte Hofmusik unterging, trugen praktisch alle bedeutenden Sänger diesen Titel: Hâfız Osman (ca. 1867 - ca. 1932), Hâfız Kemal (1884 - 1939), Hâfız Yaşar (1885 - 1966) oder Hâfız Burhan (1897 - 1943). Im Laufe des 19. Jahrhunderts hatte europäische Kunstmusik begonnen, die traditionelle osmanische am Hof zu verdrängen, und viele Hofmusiker mussten sich andere Beschäftigungen suchen. Im berühmten Istanbuler Fevziye Café, das seine Blütezeit Ende der 1880er-Jahre hatte, aber noch bis 1919 bestand, wurde jeden Freitag und Sonntag osmanische Kunstmusik gespielt - und vor allem gesungen. Die Aufführungssituation scheint einem europäischen Konzert bereits recht ähnlich gewesen zu sein: während der Musik wurde nicht bedient, und die Gäste verhielten sich still.

Privatisierung des Musikwesens

Der Sturz des letzten mächtigen Sultans Abdülhamid II. 1908/1909 führte zu einer Reduzierung der gesamten Hofmusik, gleichzeitig zu einer Liberalisierung des Bildungswesens. Es entstanden private Musikschulen und in Theatern fanden große Konzerte statt, in denen, anders als in Kaffeehäusern, reine Musikaufführungen gehört werden konnten. Einzelne frühere Hofsänger machten in dem aufkommenden Schallplattenboom Karriere, etwa Hâfız Osman Efendi oder Hâfız Burhan. Mit der Gründung der Türkischen Republik 1923 verschwand die alte Hofmusik endgültig, politisch wurde nun, neben der Volksmusik Anatoliens, europäische Klassik gefördert.
Musiker der osmanischen Tradition waren auf den freien Musikmarkt angewiesen, andere zogen sich aus dem öffentlichen Musikleben zurück und versuchten in Notensammlungen und Theoriebüchern die untergehende Musik zu bewahren. Einige der letzten Hofmusiker gingen mit einem Ensemble, das nun dem Staatspräsidenten zugehörte, nach Ankara. Hâfız Yaşar, der noch 1917 bei Sultan Reşit Müezzin geworden war, wurde Sänger im persönlichen Dienst von Mustafa Kemal, der sich ab 1935 Atatürk nannte. Etwa in dieser Zeit wurde erstmals versucht, osmanisch-türkische Ensembles von Dirigenten leiten zu lassen. Ähnlich wie im Europa des 19. Jahrhundert dirigierten offenbar einige türkische Dirigenten anfangs noch mit dem Rücken zum Orchester. Gleichzeitig versuchten einzelne Ensembles (wie die Dârü't Tâlîm-i Mûsikî Heyeti oder die Riyaseti Cumhur Incesaz Heyeti) Kunstlieder in Chören zu singen. Auf dem Platten- und Konzertmarkt der 1930er- und 1940er-Jahre aber, sowie zunehmend im Rundfunk, stiegen nun auch Sängerinnen leichter osmanischer Kunstlieder wie Safiye Ayla, Perihan Altındağ-Sözeri und Hamiyet Yüceses zu Stars auf.

Wiederentdeckung traditioneller osmanischer Musik

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zu einer allmählichen Wiederbelebung osmanischer Musik, wobei sich allerdings in der Zwischenzeit unmerklich Änderungen in Ästhetik und Aufführungspraxis entwickelt hatten. Musiker, die das Osmanische Reich noch bewusst erlebt hatten, starben nach und nach, und die folgende Generation war geprägt von der nationalistischen Welle des Befreiungskriegs sowie von der folgenden Europäisierung des Landes. Am neuen Rundfunk von Ankara gründete 1939 dessen erster Musikdirektor Mesut Cemil (1902 - 1969) den »Unisono-Männerchor für historische türkische Musik« (Tarihî Türk Musikisi Ünison Erkek Korosu), der über den Sender großen Einfluss gewann.
Im Jahr 1951 ging Mesud Cemil nach Istanbul, wo bald ähnliche Chöre entstanden. Die endgültige Etablierung der neuen Chor-Ästhetik für osmanisch-türkische Musik vollzog sich in den 1970er-Jahren durch die Gründung des Staatlichen Konservatoriums Istanbul (1975) und des Staatlichen Chors für Klassische Türkische Musik Istanbul (1976) - nun ein gemischter Chor mit Sängern und Sängerinnen. Leiter beider Einrichtungen wurde Nevzat Atlığ. Absolventen des Konservatoriums ebenso wie Rundfunk und Fernsehen verbreiteten den Chorstil über die gesamte Türkei, auch in Berlin sind heute drei solcher türkischer Chöre aktiv.
In der Türkei haben Konzerte mit »klassischer türkischer Musik« heute weitgehend die Form symphonischer Konzerte angenommen: im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht -gegebenenfalls neben den Solisten - ein Dirigent; das Publikum hört konzentriert zu. Programmhefte bieten Informationen zur Geschichte der Komponisten sowie Übersetzungen der heute unverständlichen osmanischen Liedertexte in modernes Türkisch. In den Ensembles musizieren europäische Streichinstrumente gemeinsam mit osmanischen wie Kanun (Zither), Kemençe (Fiedel), Ud (Kurzhalslaute), Tanbur (Langhalslaute) und Ney (Flöte). Auch bei großen Ensembles und Chören bleibt die Melodie stets einstimmig, ihre Interpretation - mit der durchgearbeiteten Dynamik und Agogik - konzentriert sich jedoch weniger auf individuellen Ausdruck als vielmehr auf das Hörbarmachen der komplexen Formen. Das Repertoire der Chöre hingegen stammt in erster Linie aus osmanischer Hoftradition, aus der Zeit, als noch vor allem die Müezzins und andere Solisten sangen.

Staatsmann und Komponist

Als Han - oder Khan - war Gazi Giray Han (1554 - 1608), ein direkter Nachkomme des Dschingis Khan in der 16. Generation, Herrscher des tatarischen Krimkhanats. Außer als führender Politiker und Feldherr des 16. Jahrhunderts war er bekannt als Dichter, Komponist und Instrumentalist und förderte Wissenschaft und Künste seiner Zeit. Gazi Giray Han schrieb Lyrik im Divân-Stil und hinterließ unter anderem ein Werk in der Mesnevî-Form mit dem Titel Die Rose und die Nachtigall. Erhalten sind weiterhin eine Instrumental-Ouvertüre (peşrev), ein Instrumentalstück (saz semâîsi) sowie etwa 60 Kunstlieder.
1360 in der aserbeidschanischen Stadt Merâğa geboren, erhielt Abdülkadir Merâğî ersten Unterricht von seinem musikalisch gebildeten Vater, später wurde er am Hof der Dschalairiden erzogen, einem Nachfolgestaat der mongolischen Ilkhanate im Irak. Gefördert durch den Osmanischen Herrscher Murat II. wirkte er - noch vor der Eroberung Konstantinopels - am osmanischen Hof im westanatolischen Bursa, später in Herat (heutiges Afghanistan) unter dem osttürkischen Sultan Shahrûkh. Seine Schriften zur Musiktheorie in persischer und türkischer Sprache liegen heute in den Universitäts-Bibliotheken von Istanbul und Oxford, in Leiden sowie in der Nurosmaniye Bibliothek Istanbul und zählen zu den bedeutendsten Werken der Weltliteratur. Etwa 30 Kompositionen von Merâğî, der im Jahr 1435 starb, sind bis heute erhalten. Hâfız Post (1620? - 1694) gilt heute als einer der bedeutendsten osmanischen Komponisten überhaupt. Sein ursprünglicher Name lautete Mehmed Çelebi, in manchen Quellen trägt er überdies die Beinamen »Tanbur-Spieler« oder »Sänger«. Schon in frühen Jahren wurde er Hâfız, lernte also den Koran auswendig. Die Kunst der Literatur studierte er bei dem berühmten Dichter Nâilî, Kalligrafie bei Tophaneli Mahmud Efendi und Musik bei Kasımpaşalı Osman Efendi. Später wurde er selbst Lehrer des Komponisten Itrî. Er schrieb Gedichte, und seine Sammlung von Liedertexten liegt heute im Topkapı Sarayı in Istanbul. 14 seiner Kompositionen sind erhalten. Buhûrîzâde Mustafa Itrî wurde 1640 in Istanbul geboren und erhielt seine erste Musikerziehung in dem Konvent der mystischen Mevlevi-Bruderschaft in Istanbul-Yenikapı. Er lernte Kalligrafie und Literatur bei Zencî Ahmed Efendi und Musik bei Hâfız Post, Derviş Ömer, Nasrullah Vâkıf Halhalî und Kasımpaşalı Koca Osman Efendi. Unter Mehmed IV. wurde er Musiker am Hof und unterrichtete Musik in der Palastschule Enderûn. Später erhielt er den lukrativen Posten als Aufseher des Sklavenmarktes. Außer als Musiker wirkte Itrî als Dichter und Kalligraf. Er komponierte religiöse und weltliche Musik in beinahe allen Formen und Genres und gilt heute als einer der bedeutenden osmanischen Komponisten. Von seinen angeblich etwa 1000 Werken sind lediglich 40 erhalten.

Ein kunstliebender Sultan

Sultan Selim III., der 31. osmanische Sultan, wurde in 1761 Istanbul geboren. Die Zeit seiner Herrschaft gilt heute in der türkischen Musikgeschichte als Blütezeit osmanischer Kunstmusik, er selbst als genialer Komponist. Selim III. war Schüler von Şeyh Galib, dem geistigen Führer der Mevlevi-Bruderschaft im Konvent von Istanbul-Galata. Tanbur lernte er von Tanburî Isak, daneben spielte er Ney. Unter dem Namen Ilhâmî schrieb er Gedichte. In seinen Kompositionen schuf Selim III. neue, sogenannte kombinierte Makame (melodische Modi), die von einem Modus zum andern wechseln. Selim III. versammelte zahlreiche herausragende Musiker und Komponisten an seinem Hof und förderte die Bemühungen um Musiktheorie und Notation durch Abdülbâki Nâsır Dede und Hamparsum Limonciyan. Über 100 Kompositionen von ihm sind heute erhalten. 1808 wurde er durch die Janitscharen abgesetzt und umgebracht.
Seinen ersten Musikunterricht erhielt Dede Efendi, 1778 in Istanbul geboren, bei Uncuzâde Mehmed Emin Efendi. Später wurde er Schüler von Şeyhi Ali Nutkî Dede, dem geistigen Führer der Mevlevi-Bruderschaft im Konvent von Istanbul-Yenikapı. 1798 erhielt er dort selbst den Titel Dede, geistiger Führer. Sultan Selim III. wurde auf ihn aufmerksam und berief ihn an seinen Hof, wo er zu einem der zentralen Musiker und Komponisten wurde. Nach der Rebellion gegen Selim III. zog Efendi sich vorübergehend vom Hof zurück, kehrte unter Selims Nachfolger Mahmud II. jedoch zurück und erhielt den Titel »Gefährte des Herrschers« (Musâhib-i Şehriyârî). Dede Efendi starb 1846 während der Pilgerfahrt nach Mekka an der Cholera. Die meisten seiner Werke wurden über seinen bedeutendsten Schüler Zekâi Dede (1825 - 1897) und dessen Schüler bis heute überliefert.

© Dr. Martin Greve; Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Stiftung Berliner Philharmoniker
www.berliner-philharmoniker.de

Bild: Topkapı Saray Museum

 

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