Dynastie
Osmân

Das Haus Osmân (Âl-i Osmân oder Hanedan-ı Âl-i Osman) zählt 36 Herrscher von Osmân I. (1299-1324) bis Mehmed VI. Vâhideddîn (1918-1922). Abdülmecîd II. bekleidete als letzter Kalif des Islams das Amt von 1922 bis 1924. Aus der großherrlichen Titulatur des Sultans wird bis heute nur der Titel "Oberhaupt des Hause Osmân" (Hanedân Reîsî) vom thronberechtigten Anwärter der Dynastie geführt. Das Haus Osmân zählt seit seinem Exil (1924) acht Familienoberhäupter. Derzeitiges Oberhaupt ist Şehzade Osmân Bayezîd III. (*1924).

Herkunft

Der Name der Dynastie sowie des Staates leitete sich von ihrem Gründer Osmân I. Bey ab. Osmân I. Bey trat nach dem Tod seines Vaters Ertuğrul Bey im Jahr 1282 an die Spitze eines kleinen Grenzfürstentums, das dem Sultanat der Rumseldschuken zugehörig war. Über die Herkunft und die Person des Staatsgründers ist wenig bekannt. Der byzantinische Chronist Georgios Pachymeres (1242-1310) erwähnt erstmals Osman als "Ataman" in seinem Werk Geschichte, Sprache und Literatur der byzantinischen Welt. Die frühste Erwähnung seines Vaters Ertuğrul Bey findet sich in einem Katasterheft über ein gestiftetes Landgut in Söğüt.[1] Süleyman Şah Kaya Alpoğlu gilt nach aktuellem Forschungsstand als Vater Ertuğruls und Großvater Osmâns. Ein ihm zugeschriebenes Grab befindet sich in Qalat Jabar (Syrien) am Fluss Euphrat. Als Grund der spärlichen Quellen kann das Fehlen aller Verwaltungsschriften (mit Ausnahme einiger Fermane und Stiftungsurkunden) aus der frühosmanischen Epoche zwischen den Regentschaften Osmâns I. bis Mehmed II. angegeben werden. Die mongolische Invasion Timurs in Anatolien sowie der darauffolgende Thronfolgekrieg (Interregnum) in den Jahren 1402 bis 1411 taten ihr Übriges.[2] Ob frühosmanische Dokumente dem Großbrand im Aktendepot (Defterhâne) im Jahr 1655 zum Opfer fielen ist unbekannt. Der erste Historiograph der sich mit der Herkunft der Dynastie Osman auseinandersetzte war Yahşi Fakı, Sohn des Ishak Fakı dem persönlichen Imam des zweiten osmanischen Sultans Orhan. Die von Yahşi Fakı ursprünglich verfasste Chronik "Menâkıb-ı Âl-i Osmân" (dt. "Das berühmte Haus Osman") gilt zwar bis heute verschollen, doch fanden viele Inhalte von ihr Eingang in das gleichnamige Werk vom zeitgenössischen Historiographen Âşık Paşazâde. Auch in Paşazâde's Werk "Tevarih-i Âl-i Osmân" (dt. "Die Geschichte des Hause Osman") wird Yahşi Fakı als Quelle genannt.[3] Weitere Hinweise zur Herkunft der Osmanen gibt der Stammbaum "Câm-ı cemâyin" des Chronisten Hasan bin Mahmûd el-Bayâtî, der sich wohlmöglich auf die verschollene Oğuznâme stützt.[4]

Vom Hirtenzelt zur Hohen Pforte

Der erste belegbare Ahne von Osman I. ist sein Urgroßvater Kaya Alp. Als Fürst des oghusischen Stammes der Kayı, siedelte er im 12. Jahrhundert im nordiranischen Mayhana (iran. Mashhad, türk. Meşhed). Sein Sohn Süleyman Şah Kaya Alpoğlu [gest. 1227] (nicht zu verwechseln mit dem Gründer des seldschukischen Rum-Sultanats Kutalmışoğlu Süleyman Şah [1077-1086]) wurde als "Großkönig von Mayhana" und "Herrscher von Chorassan" bezeichnet.[5] Mit der einsetzenden Expansion der Mongolen unter Dschingis Khan und dem dritten Mongolensturm im Jahr 1227 musste der Stamm der Kayı aus seinem Kernland fliehen. Von Mayhana an der Nordwestgrenze des Irans, durchzogen sie Persien, Mesopotamien und das nordöstliche Syrien. Nahe der großen Festung von Qalaat Jabar, die den Euphrat überblickte, versuchten die Flüchtlinge den Fluss zu überqueren, doch Süleyman ertrank dabei. Sein Sohn Ertuğrul Bey folgte ihm als Fürst und führte seinen Stamm entlang des Euphrats bis nach Erzurum. Dort angekommen unterstützte Ertuğrul Bey den seldschukischen Sultan Alaeddin I. Keykubad im Kampf gegen die Tataren. Als Dank belehnte ihn der Sultan mit Land in Westanatolien. 1282 hinterlässt er seinem Sohn Osmân ein kleines Grenzfürstentum, dessen Souveränität in den darauffolgenden Jahren immer weiteren Angriffen benachbarter Fürstentümer (Beyliks) ausgesetzt war. Um seine Autorität zu festigen eroberte Osmân Bey im Jahr 1288 die Stadt Karacahisar. Als er den Kadi Dursun Faki aufforderte die erste Freitagspredigt in Osman's Namen zu halten widersetzte sich ihm der Geistliche.
Dursun Fakı sagte: "Mein Hân, dazu bedarf es der Erlaubnis vom [seldschukischen] Sultan!" Osman Gâzi erwiderte: "Diese Stadt habe ich erobert, mit meinem Schwert. Was hat der Sultan damit zu tun, dass ich seine Erlaubnis einholen sollte? Allah, der ihm die Sultanswürde verliehen hat, hat mir im Glaubenskampf die Würde des Hân gegeben. Und wenn ich dieses Banner von ihm geschenkt erhalten habe - habe ich nicht selbst dieses Banner vorangetragen und mit den Ungläubigen gefochten? Und wenn er sagt: 'Ich bin aus dem Hause Selçuk', so sage ich wiederum 'Ich bin der Nachkomme des Gök Alp!' Und wenn er sagt 'Ich bin vor ihnen in dieses Land gekommen!' -nun, so ist mein Ahn Süleyman Şah noch vor ihm hergekommen!" Osmân überzeugte den Geistlichen, sodass das Freitagsgebet im Namen Osmans gehalten wurde.[6] 1299 erklärte Osmân seine Unabhängigkeit und begründete das nach ihm benannte Osmanische Reich. Sein Enkel Murad I. wurde vom abbasidischen Kalifen Al-Mustanjid offiziell als Sultan anerkannt, was das Ansehen der Dynastie Osmân im islamischen Raum nur vergrößerte. Durch die Gefangennahme Sultan Bayezids I. Hân während der Schlacht von Ankara (1402) und seiner anschließenden Ermordung in timuridischer Gefangenschaft (1403), entbrannte ein Thronfolgekrieg (Interregnum) unter seinen vier Söhnen der erst 1413 beigelegt werden konnte. Mehmed I. Hân besiegte seine Brüder und ließ Aufstände niederschlagen um das vom Bürgerkrieg heimgesuchte Reich neu zu einen und wiederaufzurichten. Mit der Eroberung der byzantinischen Hauptstadt Konstantinopel durch Sultan Mehmed II. Hân im Jahr 1453, erhob der osmanische Sultan erstmals Anspruch auf den Titel "Kaiser von Rom". Unter Mehmed II. erhielt der Titel "Padişah" (Großherr) kaiserlichen Status.

Ein Sultan für alle Völker

Wie wichtig für die osmanische Dynastie die genealogische Herkunft und die Anhäufung von Titeln war um ihren Herrschaftsanspruch vor anderen anatolischen Fürstenhäusern zu demonstrieren, lässt sich im Zeitraum 1299 bis 1520 anhand verschiedener Traditionen messen.

Die zentralasiatische Tradition

Die osmanischen Herrscher legten großen Wert auf ihre zentralasiatische Herkunft. Das Sultanat der Rum-Seldschuken (1077-1307) bildete einen föderalen Bundesstaat einzelner oghusischer Fürstentümer, zu denen auch das Fürstentum der Kayı gehörte. Während der Unabhängigkeitsbestrebung Osmâns bezeichnete er sich selbst als Hân (Khân) und stellte sich somit in eine Reihe der großen Herrscher Zentralasiens. Osmân I. erhob somit Anspruch auf die Führung aller oghusischen Stämme und betrachtete sich als legitimer Nachfolger der seldschukischen Sultane. Die ersten osmanischen Herrscher betrachteten die anatolischen Fürsten als Usurpatoren, die es zu bekämpfen galt.  Die osmanische Dynastie begründete ihren Herrschaftsanspruch mit ihrer Abkunft vom legendären Oğuz Han. Der Stammvater der Oghusen soll zur Zeit Abrahams gelebt haben und seine 24 Enkelkinder (darunter Kayı Han) - laut den Aufzeichnungen des persischen Wesirs Reşidüddin Fazlullah Hamedani - die 24 oghusischen Stämme gegründet haben. Ob Oğuz Han wirklich existierte ist nirgendwo belegt. Eine angebliche Niederschrift von ihm, die Oğuznâme, die von vielen Dichtern und Chronisten erwähnt wurde blieb bisher unentdeckt. Oğuz Han wird als direkter Nachfahre des Propheten Noah angesehen. Vom mythischen Stammvater Oğuz Han bis zum Reichsgründer Osman I. erstrecken sich 49 Generationen, von denen der Gründer des oghusischen Stammes der Kayı, Kayı Han, als dritter Ahne aufgeführt wird. Die Ahnenreihe bleibt weiterhin legendär, da es keine zeitgenössischen Quellen gibt die die Existenz der Kayı-Fürsten belegen. Als gesichert gilt, dass Osmân -wie seine Vorgänger- Oberhaupt des türkisch-oghusischen Stammes der Kayı war. Der Stamm der Kayı war eine Untergruppe der Konföderation der Bozok innerhalb des Verbandes der Oghusen.

Die ältesten schriftlichen Belege für die Herkunft der Oghusen bilden die "Inschriften von Orkhun" aus dem 7. Jahrhundert. Sie wurden vom damals regierenden Bilge Khân in Auftrag gegeben und befinden sich heute in der Mongolei. Aus den Inschriften ist zu entnehmen, dass im 7. Jahrhundert in den zentralasiatischen Stämmen der Turkvölker eine ausgeprägte Form des Gottesgnadentums bekannt war. So wurde die Person des Khans als unumstritten und heilig angesehen. Er verstand sich als Vertreter eines himmlischen Gottes (Tengri/Kök Tengri) auf Erden. Darauf beruhend machte er für sich und seiner Familie Herrschaftsansprüche über alles Land und über die Menschen die es besiedelten geltend. Seine Aufgabe bestand darin als oberster Großherr den Menschen Recht zu gewähren und sie vor Feinden zu schützen.[7] Weiter heißt es in der Inschrift: "Als oben der blaue Himmel und unten die braune Erde geschaffen wurden, wurden dazwischen die Menschen gezeugt. Über den Menschen erhoben sich meine [Bilge Khan's] Vorfahren Bumin Khan und Istemi Khan. Dadurch ordneten und regelten sie die Sitte und Bräuche der türkischen Nation. Überall waren Feinde. Sie sandten Heere und unterwarfen alle Nationen der vier Himmelsrichtungen. Sie ließen sie vor sich verbeugen und niederknien. Im Auftrag des Himmels ist der türkische Herrscher eingesetzt, um die Welt zu regieren."[8] Damit wurde das türkische Volk als eine Einheit gesehen und konstituiert. Sultan Selim I. Hân legitimierte 1517 in einem Schreiben an den Mameluken-Sultan Tuman Bay seinen Feldzug wie folgt: "Es wurde mir offenbart, dass ich Herr von Ost und von West werde, wie einst Alexander der Große...Du bist ein Mameluke, der gekauft und verkauft wurde, der nicht geeignet ist zu regieren. Ich bin der König der Könige, Nachfahre von zwanzig Generationen von Königen hindurch!"[9] Die Fusion von islamischen und zentralasiatischen Elementen zeigte Wirkung, da die türkischen Oghusen in Anatolien die osmanische Oberhoheit nach dem Fall des mächtigen Fürstentums Karaman endgültig anerkannten. Wurden ihre Vorfahren vom alttürkischen Himmelsgott Tengri zum Herrschen auserkoren, so war es nun Allah der den osmanischen Sultanen die Macht und das Recht zur Unterwerfung der Welt übertrug.

Die islamische Tradition

Eine weitere Stütze bildete die islamische Tradition der osmanischen Dynastie. Schon die frühen Chroniken geben Aufschluss darüber, dass Ertuğrul Bey und sein Sohn Osmân Bey sich als muslimische Glaubenskämpfer (Gâzi) verstanden. Der Überlieferungen zufolge soll beiden durch eine göttliche Offenbarung die Herrschaft verkündet worden sein. Der "Glaubenskrieg" gegen das christliche Byzanz eröffnete Osmân neue Chancen auf Anerkennung bei Lokalfürsten und Untertanen. So schildert MATUZ passend: "Im Grenzgebiet muß es sich bald herumgesprochen haben, was für ein erfolgreicher Haudegen auf die Bühne getreten war, denn immer mehr junge Leute schlossen sich ihm an, einzeln oder auch in Sippen, später ganze Nomadenstämme, welche — des beschwerlichen Hirtendaseins überdrüssig — sich für das viel abenteuerlichere und einträglichere Leben eines Glaubenskriegers entschieden hatten. Es wäre dabei irrig anzunehmen, daß Osmans Feldzüge sich ausschließlich gegen Christen richteten. Obwohl er aktiver Glaubenskrieger war, hatte er auch mit islamischen Rivalen der Umgebung Auseinandersetzungen; andererseits verfuhr er den christlichen Nachbarn gegenüber pragmatisch, seine Beziehungen waren zu dem einen oder dem anderen sogar ausgesprochen herzlich."[10] Ein weiterer wichtiger Schritt war die Anerkennung des Abbasiden-Kalifen in Kairo der zwar nur als Schattenkalif unter der Kontrolle der herrschenden Mameluken diente, dafür aber als Repräsentant des Islams eine hohe Stellung genoss. Auch dem Kalifen bleiben die Eroberungen der Osmanen nicht verborgen, sodass der dritte osmanische Herrscher Murad I. als Erster vom Kalifen den Titel "Sultan" pro forma verliehen bekam. Eine weitere Intensivierung mit der Dynastie der Abbasiden vermied das Haus Osmân bewusst, um sich von arabischen Dynastien gezielt abzuheben. Ein weiterer Schritt zur Ausprägung der islamischen Legitimation für den Herrschaftsanspruch der Osmanen unternahm Sultan Mehmed II. Hân. Nach der Eroberung von Konstantinopel (1453) verlangte er in einem Schreiben an den Mameluken-Sultan die Abtretung des Titels "Hüter der heiligen Stätten" (Khadimü’l-Harameyn).[11] Diese Idee wurde von seinem Enkel, dem späteren Sultan Selim I., aufgegriffen und nach der Zerschlagung des Mameluken-Reiches verwirklicht. Die Übernahme des Kalifats unter Selim I. ermöglichte es den Osmanen endgültig, die islamische Welt in eine gewisse Abhängigkeit zu stellen, diese ins osmanische Staatsgefüge vollständig zu integrieren und dem Haus Osmân -als "Bewahrer und Verteidiger des Glaubens"- eine herausgehobene Stellung und somit den alleinigen Anspruch auf Weltherrschaft zu sichern. Der Chronist Mustafa Ali erläutert dazu: "Sein (Selims) Eifer begründete sich darauf, dass er den Ruhm des Reiches erheben wollte, höher als unter seinen großen Vorfahren. Deshalb nahm er bei der Zeremonie des Freitagsgebetes den noblen Titel "Hüter der heiligen Stätten" an. Er übertraf alle anderen Sultane in ihrem Rang."[12] Demzufolge wollte man verhindern, dass man die Dynastie Osmân in eine Reihe mit den arabischen Dynastien stellte. Besonders die häufige Form "Devlet-i Âlîye" (osman. "der erhabene Staat") macht deutlich, dass die osmanische Dynastie den Vorrang vor anderen muslimischen Herrschaftshäusern beanspruchte. Dies wird auch an einem anderen Beispiel deutlich: während sich die arabischen Kalifen als "khalifat rasul Allah" (Nachfolger des Propheten Gottes) oder "khalifat Allah" (Stellvertreter Gottes) bezeichneten, führten die osmanischen Sultane den Titel "Zillullah-i fil Âlem ve fil Arz" (Gottes Schatten auf Erden) um ihren Führungsanspruch zu bekräftigen. Der Titel lehnt sich sowohl an die orientalische wie an die zentralasiatische Tradition des Gottesgnadentums (cenab-ı Allahın vediası) an und machte deutlich, dass der Sultan nur Gott allein Rechenschaft schuldig war. Schon der Historiograph Neşrî bezeichnete in seinem Werk Cihânnümâ Sultan Bâyezid II. Hân als "Schatten Gottes auf Erden." [13]

Die byzantinische Tradition

Unter Sultan Mehmed II. Hân entwickelte sich neben der zentralasiatischen und islamischen Tradition auch die byzantinische Tradition, die zu einem Grundpfeiler der Legitimation wurde. Die Eroberung Konstantinopels war für die Osmanen von herausragender Bedeutung. Konstantinopel war nicht nur die Hauptstadt des byzantinischen Reiches, sondern eine Kaiserstadt besser bekannt als "das zweite Rom". Mehmed wollte sich in die Reihe der römischen Kaiser stellen, sah sich zu Lebzeiten als rechtmäßiger römischer Kaiser (Kayzer-i Rum) und brachte dies auch zum Ausdruck. Spandugnino, ein byzantinischer Adliger der nach Venedig ins Exil ging, sah in Mehmed II. sogar einen Nachkommen des byzantinischen Herrscherhauses der Komnenen, das angesehener war als das zuletzt regierende Haus der Palaeologen.[14] Auch wenn diese These der genealogischen Abkunft der Komnenen als höchst spekulativ einzustufen ist, bewirkte sie ihren Zweck. So wurde auch die Genealogie genutzt, um einerseits den kaiserlichen Herrschaftsanspruch zu untermauern und andererseits auch der griechischen Bevölkerung des Osmanischen Reiches die Möglichkeit zu geben, Loyalität zum Hause Osmân zu entwickeln. Nach der Eroberung Konstantinopels und dem daraus resultierendem Trauma des Untergangs von Byzanz, sahen die "Römer" (Byzantiner) den osmanischen Sultan nunmehr als neuen Kaiser von Rom an. Obwohl nun ein islamischer Herrscher den Thron einnahm, hatten die Osmanen als auch die Byzantiner einen gemeinsamen Feind: den Papst in Rom und die katholische Kirche. Sie betrachteten den Sultan gleichfalls auch als ein Verteidiger ihres christlich-orthodoxen Glaubens. Als Mehmet II. 1454 den Patriarchen von Konstantinopel bestätigte, geschah dies exakt nach dem Ritual, wie es zuvor der Basileus praktiziert hatte. So trat der Sultan demonstrativ die Nachfolge des Oströmischen Kaisers an.[15] Konstantinopel behielt bis zum Untergang des Osmanischen Reiches seinen Namen und blieb von einer Umbenennung verschont. Denn fortan wollten die Sultane gerade auch in Europa nicht nur als orientalische Sultane Anatoliens begriffen werden, sondern als Nachfolger der antiken Römischen Kaiser. Ausdruck dieser Denkweise ist auch der osmanische Angriff auf Süditalien im Jahre 1480, denn die Eroberung von Otranto sollte der Beginn eines großangelegten Italienfeldzuges werden. Am Ziel dieser Kampagne kann kein Zweifel bestehen: Mehmed II. plante, Rom zu erobern, um die oströmische mit der weströmischen Kaiserwürde zu vereinigen. Dass es nie zu diesem Feldzug gegen Rom kam, lag am plötzlichen Tod des Sultans im darauffolgenden Jahr. Seit der Zeit Mehmeds II. sprachen die Osmanen von zwei ‚Goldenen Äpfeln’: Von Rom und von Wien. Beide Städte sind eng mit dem Römisch- Deutschen bzw. dem antiken (weströmischen) Kaiserreich verbunden. Das Ziel, diese beiden Städte zu erobern zeigt deutlich, wie wichtig die byzantinisch-römische Tradition für die Herrschaftslegitimation der Osmanen war.[16] Das Bemühen, es allen Untertanen des Osmanischen Reiches zu ermöglichen, im Sultan einen rechtmäßigen Herrscher zu erkennen, zeigte sich in besonderer Weise auch im Feldzug Süleyman I. im Jahr 1532. Hierbei ließ sich Süleyman bei seinen triumphalen Einzügen in die verschiedenen Städte entlang seines Weges nach Wien immer wieder wie ein römischer Kaiser inszenieren.[17] Süleymans triumphale Einzüge in die eroberten Städte Niš und Belgrad glichen denen der antiken Kaisern in Rom. In Konstantinopel galt die Hagia Sophia als ein Symbol der Weltherrschaft. Wie wichtig das Bauwerk für die Dynastie Osmân war zeigte sich noch im Jahr 1918, als die Siegermächte der Entente Konstantinopel besetzten. Der letzte osmanische Sultan, Mehmed VI. Vâhideddîn Hân, zog die gesamte Palastgarde (700 Mann) ab und beorderte sie an die Hagia Sophia. An den Kommandanten Tevfik Bey gewandt, sagte der Sultan: "Mein Leben ist unwichtig. Wenn die Feinde die Hagia Sophia angreifen, so braucht ihr von mir keinen Befehl um das Feuer zu eröffnen. Verteidigt dann die Hagia Sophia bis zum letzten Atemzug!"[18]


Das Haus Osmân vom 17. - 20. Jahrhundert

Mit Sultan Ahmed I. Hân wurde 1617 erstmalig ein dynastisches Gesetz zur Erbfolge geschaffen. Er beschloss unter Beratung des großherrlichen Diwans ein Gesetz zur Regelung der Thronfolge zu beschließen, indem das älteste Mitglied des Hause Osmân Anrecht auf den Thron hatte - das sogenannte Senioratsprinzip (Ekberiyet). Es wurde diesbezüglich eine Fetwâ vom Şeyh-ül İslam ausgestellt.[19] Das 17. Jahrhundert bildete ein dunkles Kapitel in der osmanischen Geschichte. Geprägt von Aufständen, Haremsintrigen und Korruption steuerte das Osmanische Reich seinem langsamen Niedergang entgegen. Die Macht der Janitscharen, des Harems und der Ulemâ erreichte ihren Zenit und beeinflusste die Staatspolitik in hohem Maße. Die Absetzung und Inthronisierung von Sultanen durch die Janitscharen (unterstützt von den islamischen Gelehrten der Ulemâ) wurde zu einer regelrechten Prozedur. Nach dem Sturz von Sultan Mustafa I. Hân im Jahr 1618, folgte ihm sein 14-jähriger Neffe Osmân II. Hân, der 1622 durch die Janitscharen gestürzt und ermordet wurde. Die Ermordung des jungen Sultans ging als Hâile-i Osmâniyye (Die große osmanische Katastrophe) in die Geschichte ein. Mustafa I. Hân wurde erneut durch die Janitscharen inthronisiert. Obwohl MATUZ Mustafa I. Hân als Beispiel für die Schwäche des Sultanats und der Herrschaft des Harems im 17. Jahrhundert nimmt, relativiert PEIRCE diese Ansicht und kommt zu dem Ergebnis, dass gerade die Herrschaft des Harems das Überleben der Dynastie Osmân erst überhaupt in Zeiten der Staatskrise gesichert hat, als kein geeigneter Herrscher vorhanden war. [20] FAROQHI unterstützt diese These und kommt zum Schluss, "dass man im osmanischen Staat des 17. und 18. Jahrhunderts ein Zurücktreten des Herrschers und ein Hervortreten der verschiedenen Amtsträger feststellen kann. In der älteren Forschung hat diese Entwicklung oft als Symptom osmanischen Niedergangs gegolten. Heute ist diese Bewertung weniger verbreitet. Man erinnert sich der Feststellung Max Webers, dass nämlich Bürokratisierung und Routinisierung typisch für neuzeitliche Herrschaftsausübung sind. Dementsprechend hatte der osmanische Staat stabile Institutionen herausgebildet. Die Haushalte von Wesiren und Gouverneuren rekrutierten Nachwuchs für den Staatsapparat; daneben aber entfaltete auch die Bürokratie eine eigene Dynamik. Man kann es durchaus als eine Stärke des osmanischen Staates betrachten, dass dieser jetzt zur Not ohne einen aktiven Sultan auskommen konnte."[21] Mit Murad IV. Hân bestieg erstmals wieder ein weitaus aktiver Sultan den Thron, der die Macht des Harems und der Janitscharen beschnitt und die des Sultanats restaurierte. Sein Nachfolger Ibrahim I. Hân (1640-48) wurde durch die Janitscharen gestürzt und ermordet. Mit Mehmed IV. Hân wird die Macht des Harems endgültig gebrochen, doch wird er 1687 durch die Janitscharen zur Abdankung gezwungen. Der Versuch, das Militär und den Staatsapparat zu reformieren, scheiterte immer wieder am Widerstand der Janitscharen und der Ulemâ. So wurden tatkräftige Sultane wie Mustafa II., Ahmed III. und Selim III. wegen ihren Reformplänen gestürzt, Letzterer sogar ermordet. Mit der endgültigen Beseitigung der Janitscharen durch Sultan Mahmud II. Hân im Jahr 1826, das als "Wohltätiges Ereignis" (Vaka-i Hayriye) Eingang in die Geschichte fand, endete die Prozedur von Absetzung und Ermordung durch die Janitscharen. Im 19. Jahrhundert unternahm das Haus Osmân den Versuch das Osmanische Reich in die Moderne zu führen. Mit Mahmud II., Abdülmecid I. und Abdülaziz I. wurde eine Reformbewegung (Tanzimât) ins Leben gerufen, die dem Niedergang des Reiches entgegenwirken wollte. 1876 kam es zu einer Staatskrise, in der Sultan Abdülaziz I. Hân abgesetzt und kurz daraufhin ermordet wurde. Sein Nachfolger Murad V. wurde ebenfalls nach nur drei Monaten abgesetzt, worauf Abdülhamid II. den Thron bestieg. Er wird 1909 gestürzt, sein Bruder Mehmed V. zum neuen Sultan proklamiert. Ihm folgt 1918 sein jüngerer Bruder Mehmed VI. Vahideddîn Hân, der letzte Sultan des Osmanischen Reiches. Am 4. November 1922 hört das Osmanische Reich mit dem Rücktritt der letzten osmanischen Regierung auf zu existieren. Die Nationalversammlung von Ankara bezichtigte den Sultan des Hochverrats und forderte einen Gerichtsprozess. Sultan Vahideddin Hân emigrierte daraufhin nach Italien, wo er 1926 starb. Das Haus Osmân jedoch blieb unter der Führung des Kronprinzen Abdülmecid II. Hân weiterhin im Land. Die Nationalversammlung trennte das Sultanat und Kalifat, schuf Ersteres ab und wählte Abdülmecid II. zum Kalifen. Am 3. März 1924 wird auch das Kalifat abgeschafft und die ganze Dynastie Osmân aus der Republik verbannt.


[1] Ömer Lütfi Barkan: Hüdavendigâr Livası Tahrir Defterleri, Ankara, 1988, S. 283
[2] Klaus Kreiser: Der osmanische Staat 1300-1922, München, 2008, S. 94
[3] Franz Babinger: Die Geschichtsschreiber der Osmanen und ihre Werke, Leipzig, 1927, S. 10
[4] Babinger, S. 31
[5] Joseph Matuz: Das Osmanische Reich. Grundlinien seiner Geschichte, Darmstadt, 1985, S. 27-28; 31
[6]
Stefan Schreiner: Die Osmanen in Europa. Erinnerungen und Berichte türkischer Geschichtsschreiber, Wien, 1985, S. 27
[7] Nihad Sami Banarlı:
Resimli Türk Edebiyatı Tarihi, Istanbul, 1975, S. 61
[8]
Banarlı, S. 65
[9] An Account of the Ottoman Conquest of Egypt in the Year A.H. 922/A.D. 1516, Translated from the Third Volume of the Arabic Chronicle of Muhammed ibn Ahmed Ibn Iyas, an Eyewitness of the Scenes He Describes. Translated by W.H. Salmon (London, 1981 [1921]), 91. Cf. Ibn Iyas, Badayi' al-zuhur fi vaqayi' al-duhur, ed. Muhammad Mustafa, vol. 5 (Cairo, 1961), 125.
[10] Josef Matuz: Aufstieg und Niedergang der osmanischen Militärmacht, Militärgeschichtliche Mitteilungen 45/46 (1989), S. 23
[11] Halil İnalcık: Periods in Ottoman History - In Essays in Ottoman history, Istanbul 1998, S. 19
[12] Andreas Tietze: Mustafa Âli’s Counsel for Sultans of 1581, Wien 1979, S. 51
[13] Dr. Theodor Nöldeke: Auszüge aus Neschris Geschichte des osmanischen Hauses,  1859, S. 180
[14] Theodore Spandounes: On the Origin of the Ottoman Emperors, Übersetzt von Donald M. Nicol, Cambridge/New York 1997, S. 11
[15] Charles Schéfer – Théodore Spandouyn Cantacasin: Petit traicté de l'origine des Turcqz, Paris 1896, S.11
[16] Vladimir v. Schnurbein: Mercurino Gattinara, die Idee der Monarchia Universalis und ihre Wirkung auf die Politik Kaiser Karls V., Wien 2010, S. 145
[17] Gábor Ágoston – Ideologie, Propaganda und politischer Pragmatismus. Die Auseinandersetzung der osmanischen und habsburgischen Großmächte und die mitteleuropäische Konfrontation. In: Martina Fuchs (Hg) - Kaiser Ferdinand I. Aspekte eines Herrscherlebens, Münster 2003, S. 230
[18] Ismail Colak: Son Osmanlı Vahdeddin, Istanbul 2010, S. 42
[19]
Tevarihi Ali Osman 7. Defter, İbn Kemal, S. 8-9
[20] Josef Matuz: Das Osmanische Reich. Grundlinien seiner Geschichte, Darmstadt 2008, S. 166 vgl. Leslie P. Peirce - The Imperial Harem: Women and Sovereignty in the Ottoman Empire, Oxford 1994
[21]
Suraiya Faroqhi: Geschichte des Osmanischen Reiches, München 2000, S.63

 
 

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