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Das
Haus Osmân (Âl-i Osmân oder
Hanedan-ı Âl-i Osman) zählt 36
Herrscher von Osmân I. (1299-1324)
bis Mehmed VI. Vâhideddîn
(1918-1922). Abdülmecîd II.
bekleidete als letzter Kalif des
Islams das Amt von 1922 bis 1924.
Aus der großherrlichen Titulatur des
Sultans wird bis heute nur der Titel
"Oberhaupt des Hause Osmân" (Hanedân
Reîsî) vom thronberechtigten
Anwärter der Dynastie geführt. Das
Haus Osmân zählt seit seinem Exil
(1924) acht Familienoberhäupter.
Derzeitiges Oberhaupt ist Şehzade
Osmân Bayezîd III. (*1924).
Herkunft
Der Name der Dynastie sowie des
Staates leitete sich von ihrem
Gründer Osmân I. Bey ab. Osmân I.
Bey trat nach dem Tod seines Vaters
Ertuğrul Bey im Jahr 1282 an die
Spitze eines kleinen
Grenzfürstentums, das dem Sultanat
der Rumseldschuken zugehörig war.
Über die Herkunft und die Person des
Staatsgründers ist wenig bekannt.
Der byzantinische Chronist Georgios
Pachymeres (1242-1310) erwähnt
erstmals Osman als "Ataman" in
seinem Werk Geschichte, Sprache und
Literatur der byzantinischen Welt.
Die frühste Erwähnung seines Vaters
Ertuğrul Bey findet sich in einem
Katasterheft über ein gestiftetes
Landgut in Söğüt.[1] Süleyman Şah
Kaya Alpoğlu gilt nach aktuellem
Forschungsstand als Vater Ertuğruls
und Großvater Osmâns. Ein ihm
zugeschriebenes Grab befindet sich
in Qalat Jabar (Syrien) am Fluss
Euphrat. Als Grund der spärlichen
Quellen kann das Fehlen aller
Verwaltungsschriften (mit Ausnahme
einiger Fermane und
Stiftungsurkunden) aus der
frühosmanischen Epoche zwischen den
Regentschaften Osmâns I. bis Mehmed
II. angegeben werden. Die
mongolische Invasion Timurs in
Anatolien sowie der darauffolgende
Thronfolgekrieg (Interregnum) in den
Jahren 1402 bis 1411 taten ihr
Übriges.[2] Ob frühosmanische
Dokumente dem Großbrand im
Aktendepot (Defterhâne) im Jahr 1655
zum Opfer fielen ist unbekannt. Der
erste Historiograph der sich mit der
Herkunft der Dynastie Osman
auseinandersetzte war Yahşi Fakı,
Sohn des Ishak Fakı dem persönlichen
Imam des zweiten osmanischen Sultans
Orhan. Die von Yahşi Fakı
ursprünglich verfasste Chronik "Menâkıb-ı
Âl-i Osmân" (dt. "Das berühmte Haus
Osman") gilt zwar bis heute
verschollen, doch fanden viele
Inhalte von ihr Eingang in das
gleichnamige Werk vom
zeitgenössischen Historiographen
Âşık Paşazâde. Auch in Paşazâde's
Werk "Tevarih-i Âl-i Osmân" (dt.
"Die Geschichte des Hause Osman")
wird Yahşi Fakı als Quelle
genannt.[3] Weitere Hinweise zur
Herkunft der Osmanen gibt der
Stammbaum "Câm-ı cemâyin" des
Chronisten Hasan bin Mahmûd
el-Bayâtî, der sich wohlmöglich auf
die verschollene Oğuznâme stützt.[4]
Vom
Hirtenzelt zur Hohen Pforte
Der
erste belegbare Ahne von Osman I.
ist sein Urgroßvater Kaya Alp. Als
Fürst des oghusischen Stammes der
Kayı, siedelte er im 12. Jahrhundert
im nordiranischen Mayhana (iran.
Mashhad, türk. Meşhed). Sein Sohn
Süleyman Şah Kaya Alpoğlu [gest.
1227] (nicht zu verwechseln mit dem
Gründer des seldschukischen
Rum-Sultanats Kutalmışoğlu Süleyman
Şah [1077-1086]) wurde als
"Großkönig von Mayhana" und
"Herrscher von Chorassan"
bezeichnet.[5] Mit der einsetzenden
Expansion der Mongolen unter
Dschingis Khan und dem dritten
Mongolensturm im Jahr 1227 musste
der Stamm der Kayı aus seinem
Kernland fliehen. Von Mayhana an der
Nordwestgrenze des Irans, durchzogen
sie Persien, Mesopotamien und das
nordöstliche Syrien. Nahe der großen
Festung von Qalaat Jabar, die den
Euphrat überblickte, versuchten die
Flüchtlinge den Fluss zu überqueren,
doch Süleyman ertrank dabei. Sein
Sohn Ertuğrul Bey folgte ihm als
Fürst und führte seinen Stamm
entlang des Euphrats bis nach
Erzurum. Dort angekommen
unterstützte Ertuğrul Bey den
seldschukischen Sultan Alaeddin I.
Keykubad im Kampf gegen die Tataren.
Als Dank belehnte ihn der Sultan mit
Land in Westanatolien. 1282
hinterlässt er seinem Sohn Osmân ein
kleines Grenzfürstentum, dessen
Souveränität in den darauffolgenden
Jahren immer weiteren Angriffen
benachbarter Fürstentümer (Beyliks)
ausgesetzt war. Um seine Autorität
zu festigen eroberte Osmân Bey im
Jahr 1288 die Stadt Karacahisar. Als
er den Kadi Dursun Faki aufforderte
die erste Freitagspredigt in Osman's
Namen zu halten widersetzte sich ihm
der Geistliche.
Dursun Fakı sagte: "Mein Hân,
dazu bedarf es der Erlaubnis vom [seldschukischen]
Sultan!" Osman Gâzi erwiderte:
"Diese Stadt habe ich erobert,
mit meinem Schwert. Was hat der
Sultan damit zu tun, dass ich seine
Erlaubnis einholen sollte? Allah,
der ihm die Sultanswürde verliehen
hat, hat mir im Glaubenskampf die
Würde des Hân gegeben. Und wenn ich
dieses Banner von ihm geschenkt
erhalten habe - habe ich nicht
selbst dieses Banner vorangetragen
und mit den Ungläubigen gefochten?
Und wenn er sagt: 'Ich bin aus dem
Hause Selçuk', so sage ich wiederum
'Ich bin der Nachkomme des Gök Alp!'
Und wenn er sagt 'Ich bin vor ihnen
in dieses Land gekommen!' -nun, so
ist mein Ahn Süleyman Şah noch vor
ihm hergekommen!" Osmân
überzeugte den Geistlichen, sodass
das Freitagsgebet im Namen Osmans
gehalten wurde.[6] 1299 erklärte Osmân seine Unabhängigkeit und
begründete das nach ihm benannte
Osmanische Reich. Sein Enkel Murad
I. wurde vom abbasidischen Kalifen
Al-Mustanjid offiziell als Sultan
anerkannt, was das Ansehen der
Dynastie Osmân im islamischen Raum
nur vergrößerte. Durch die
Gefangennahme Sultan Bayezids I. Hân
während der Schlacht von Ankara
(1402) und seiner anschließenden
Ermordung in timuridischer
Gefangenschaft (1403), entbrannte
ein Thronfolgekrieg (Interregnum)
unter seinen vier Söhnen der erst
1413 beigelegt werden konnte. Mehmed
I. Hân besiegte seine Brüder und
ließ Aufstände niederschlagen um das
vom Bürgerkrieg heimgesuchte Reich
neu zu einen und wiederaufzurichten.
Mit der Eroberung der byzantinischen
Hauptstadt Konstantinopel durch
Sultan Mehmed II. Hân im Jahr 1453,
erhob der osmanische Sultan erstmals
Anspruch auf den Titel "Kaiser von
Rom". Unter Mehmed II. erhielt der
Titel "Padişah" (Großherr)
kaiserlichen Status.
Ein
Sultan für alle Völker
Wie
wichtig für die osmanische Dynastie
die genealogische Herkunft und die
Anhäufung von Titeln war um ihren
Herrschaftsanspruch vor anderen
anatolischen Fürstenhäusern zu
demonstrieren, lässt sich im
Zeitraum 1299 bis 1520 anhand
verschiedener Traditionen messen.
Die
zentralasiatische Tradition
Die
osmanischen Herrscher legten großen
Wert auf ihre zentralasiatische
Herkunft. Das Sultanat der
Rum-Seldschuken (1077-1307) bildete
einen föderalen Bundesstaat
einzelner oghusischer Fürstentümer,
zu denen auch das Fürstentum der Kayı
gehörte. Während der
Unabhängigkeitsbestrebung Osmâns
bezeichnete er sich selbst als Hân (Khân)
und stellte sich somit in eine Reihe
der großen Herrscher Zentralasiens.
Osmân I. erhob somit Anspruch auf
die Führung aller oghusischen Stämme
und betrachtete sich als legitimer
Nachfolger der seldschukischen
Sultane. Die ersten osmanischen
Herrscher betrachteten die
anatolischen Fürsten als
Usurpatoren, die es zu bekämpfen
galt. Die
osmanische Dynastie begründete ihren
Herrschaftsanspruch mit ihrer
Abkunft vom legendären Oğuz Han. Der
Stammvater der Oghusen soll zur Zeit
Abrahams gelebt haben und seine 24
Enkelkinder (darunter Kayı Han) -
laut den Aufzeichnungen des
persischen Wesirs Reşidüddin
Fazlullah Hamedani - die 24
oghusischen Stämme gegründet haben.
Ob Oğuz Han wirklich existierte ist
nirgendwo belegt. Eine angebliche
Niederschrift von ihm, die Oğuznâme,
die von vielen Dichtern und
Chronisten erwähnt wurde blieb
bisher unentdeckt. Oğuz Han wird als
direkter Nachfahre des Propheten
Noah angesehen. Vom mythischen
Stammvater Oğuz Han bis zum
Reichsgründer Osman I. erstrecken
sich 49 Generationen, von denen der
Gründer des oghusischen Stammes der
Kayı, Kayı Han, als dritter Ahne
aufgeführt wird. Die Ahnenreihe
bleibt weiterhin legendär, da es
keine zeitgenössischen Quellen gibt
die die Existenz der Kayı-Fürsten
belegen. Als gesichert gilt, dass
Osmân -wie seine Vorgänger-
Oberhaupt des türkisch-oghusischen
Stammes der Kayı war. Der Stamm der
Kayı war eine Untergruppe der
Konföderation der Bozok innerhalb
des Verbandes der Oghusen.
Die
ältesten schriftlichen Belege für
die Herkunft der Oghusen bilden die
"Inschriften von Orkhun" aus dem 7.
Jahrhundert. Sie wurden vom damals
regierenden Bilge Khân in Auftrag
gegeben und befinden sich heute in
der Mongolei. Aus den Inschriften
ist zu entnehmen, dass im 7.
Jahrhundert in den
zentralasiatischen Stämmen der Turkvölker eine ausgeprägte Form des
Gottesgnadentums bekannt war. So
wurde die Person des Khans als
unumstritten und heilig angesehen.
Er verstand sich als Vertreter eines
himmlischen Gottes (Tengri/Kök
Tengri) auf Erden. Darauf beruhend
machte er für sich und seiner
Familie Herrschaftsansprüche über
alles Land und über die Menschen die
es besiedelten geltend. Seine
Aufgabe bestand darin als oberster
Großherr den Menschen Recht zu
gewähren und sie vor Feinden zu
schützen.[7] Weiter heißt es in der
Inschrift: "Als oben der blaue
Himmel und unten die braune Erde
geschaffen wurden, wurden dazwischen
die Menschen gezeugt. Über den
Menschen erhoben sich meine [Bilge
Khan's] Vorfahren Bumin Khan und
Istemi Khan. Dadurch ordneten und
regelten sie die Sitte und Bräuche
der türkischen Nation. Überall waren
Feinde. Sie sandten Heere und
unterwarfen alle Nationen der vier
Himmelsrichtungen. Sie ließen sie
vor sich verbeugen und niederknien.
Im Auftrag des Himmels ist der
türkische Herrscher eingesetzt, um
die Welt zu regieren."[8]
Damit wurde das türkische Volk als
eine Einheit gesehen und
konstituiert.
Sultan Selim I. Hân legitimierte
1517 in einem Schreiben an den
Mameluken-Sultan Tuman Bay seinen
Feldzug wie folgt: "Es wurde mir
offenbart, dass ich Herr von Ost und
von West werde, wie einst Alexander
der Große...Du bist ein Mameluke,
der gekauft und verkauft wurde, der
nicht geeignet ist zu regieren. Ich
bin der König der Könige, Nachfahre
von zwanzig Generationen von Königen
hindurch!"[9] Die Fusion
von islamischen und
zentralasiatischen Elementen zeigte
Wirkung, da die türkischen Oghusen
in Anatolien die osmanische
Oberhoheit nach dem Fall des
mächtigen Fürstentums Karaman
endgültig anerkannten. Wurden ihre
Vorfahren vom alttürkischen
Himmelsgott Tengri zum Herrschen
auserkoren, so war es nun Allah der
den osmanischen Sultanen die Macht
und das Recht zur Unterwerfung der
Welt übertrug.
Die
islamische Tradition
Eine
weitere Stütze bildete die
islamische Tradition der osmanischen
Dynastie. Schon die frühen Chroniken
geben Aufschluss darüber, dass Ertuğrul
Bey und sein Sohn Osmân Bey sich als
muslimische Glaubenskämpfer (Gâzi)
verstanden. Der Überlieferungen
zufolge soll beiden durch eine
göttliche Offenbarung die Herrschaft
verkündet worden sein. Der
"Glaubenskrieg" gegen das
christliche Byzanz eröffnete Osmân
neue Chancen auf Anerkennung bei
Lokalfürsten und Untertanen. So
schildert MATUZ passend: "Im
Grenzgebiet muß es sich bald
herumgesprochen haben, was für ein
erfolgreicher Haudegen auf die Bühne
getreten war, denn immer mehr junge
Leute schlossen sich ihm an, einzeln
oder auch in Sippen, später ganze
Nomadenstämme, welche — des
beschwerlichen Hirtendaseins
überdrüssig — sich für das viel
abenteuerlichere und einträglichere
Leben eines Glaubenskriegers
entschieden hatten. Es wäre dabei
irrig anzunehmen, daß Osmans
Feldzüge sich ausschließlich gegen
Christen richteten. Obwohl er
aktiver Glaubenskrieger war, hatte
er auch mit islamischen Rivalen der
Umgebung Auseinandersetzungen;
andererseits verfuhr er den
christlichen Nachbarn gegenüber
pragmatisch, seine Beziehungen waren
zu dem einen oder dem anderen sogar
ausgesprochen herzlich."[10] Ein
weiterer wichtiger Schritt war die
Anerkennung des Abbasiden-Kalifen in
Kairo der zwar nur als Schattenkalif
unter der Kontrolle der herrschenden
Mameluken diente, dafür aber als
Repräsentant des Islams eine hohe
Stellung genoss. Auch dem Kalifen
bleiben die Eroberungen der Osmanen
nicht verborgen, sodass der dritte
osmanische Herrscher Murad I. als
Erster vom Kalifen den Titel
"Sultan" pro forma verliehen bekam.
Eine weitere Intensivierung mit der
Dynastie der Abbasiden vermied das
Haus Osmân bewusst, um sich von
arabischen Dynastien gezielt
abzuheben. Ein weiterer Schritt zur
Ausprägung der islamischen
Legitimation für den
Herrschaftsanspruch der Osmanen
unternahm Sultan Mehmed II. Hân.
Nach der Eroberung von
Konstantinopel (1453) verlangte er
in einem Schreiben an den
Mameluken-Sultan die Abtretung des
Titels "Hüter der heiligen
Stätten" (Khadimü’l-Harameyn).[11]
Diese Idee wurde von seinem Enkel,
dem späteren Sultan Selim I.,
aufgegriffen und nach der
Zerschlagung des Mameluken-Reiches
verwirklicht. Die Übernahme des
Kalifats unter Selim I. ermöglichte
es den Osmanen endgültig, die
islamische Welt in eine gewisse
Abhängigkeit zu stellen, diese ins
osmanische Staatsgefüge vollständig
zu integrieren und dem Haus Osmân
-als "Bewahrer und Verteidiger des
Glaubens"- eine herausgehobene
Stellung und somit den alleinigen
Anspruch auf Weltherrschaft zu
sichern. Der Chronist Mustafa Ali
erläutert dazu: "Sein (Selims)
Eifer begründete sich darauf, dass
er den Ruhm des Reiches erheben
wollte, höher als unter seinen
großen Vorfahren. Deshalb nahm er
bei der Zeremonie des
Freitagsgebetes den noblen Titel
"Hüter der heiligen Stätten" an. Er
übertraf alle anderen Sultane in
ihrem Rang."[12] Demzufolge
wollte man verhindern, dass man die
Dynastie Osmân in eine Reihe mit den
arabischen Dynastien stellte.
Besonders die häufige Form "Devlet-i
Âlîye" (osman. "der erhabene
Staat") macht deutlich, dass die
osmanische Dynastie den Vorrang vor
anderen muslimischen
Herrschaftshäusern beanspruchte.
Dies wird auch an einem anderen
Beispiel deutlich: während sich die
arabischen Kalifen als "khalifat
rasul Allah" (Nachfolger des
Propheten Gottes) oder "khalifat
Allah" (Stellvertreter Gottes)
bezeichneten, führten die
osmanischen Sultane den Titel "Zillullah-i
fil Âlem ve fil Arz" (Gottes
Schatten auf Erden) um ihren
Führungsanspruch zu bekräftigen. Der
Titel lehnt sich sowohl an die
orientalische wie an die
zentralasiatische Tradition des
Gottesgnadentums (cenab-ı Allahın
vediası) an und machte
deutlich, dass der Sultan nur Gott
allein Rechenschaft schuldig war. Schon
der Historiograph
Neşrî
bezeichnete in seinem Werk
Cihânnümâ Sultan Bâyezid II. Hân
als "Schatten Gottes auf Erden." [13]
Die
byzantinische Tradition
Unter
Sultan Mehmed II. Hân entwickelte
sich neben der zentralasiatischen
und islamischen Tradition auch die
byzantinische Tradition, die zu
einem Grundpfeiler der Legitimation
wurde. Die Eroberung Konstantinopels
war für die Osmanen von
herausragender Bedeutung.
Konstantinopel war nicht nur die
Hauptstadt des byzantinischen
Reiches, sondern eine Kaiserstadt
besser bekannt als "das zweite Rom".
Mehmed wollte sich in die Reihe der
römischen Kaiser stellen, sah sich
zu Lebzeiten als rechtmäßiger
römischer Kaiser (Kayzer-i Rum) und
brachte dies auch zum Ausdruck.
Spandugnino, ein byzantinischer
Adliger der nach Venedig ins Exil
ging, sah in Mehmed II. sogar einen
Nachkommen des byzantinischen
Herrscherhauses der Komnenen, das
angesehener war als das zuletzt
regierende Haus der Palaeologen.[14]
Auch wenn diese These der
genealogischen Abkunft der Komnenen
als höchst spekulativ einzustufen
ist, bewirkte sie ihren Zweck. So
wurde auch die Genealogie genutzt,
um einerseits den kaiserlichen
Herrschaftsanspruch zu untermauern
und andererseits auch der
griechischen Bevölkerung des
Osmanischen Reiches die Möglichkeit
zu geben, Loyalität zum Hause Osmân
zu entwickeln. Nach der Eroberung
Konstantinopels und dem daraus
resultierendem Trauma des Untergangs
von Byzanz, sahen die "Römer"
(Byzantiner) den osmanischen Sultan
nunmehr als neuen Kaiser von Rom an.
Obwohl nun ein islamischer Herrscher
den Thron einnahm, hatten die
Osmanen als auch die Byzantiner
einen gemeinsamen Feind: den Papst
in Rom und die katholische Kirche.
Sie betrachteten den Sultan
gleichfalls auch als ein Verteidiger
ihres christlich-orthodoxen
Glaubens. Als Mehmet II. 1454 den
Patriarchen von Konstantinopel
bestätigte, geschah dies exakt nach
dem Ritual, wie es zuvor der
Basileus praktiziert hatte. So trat
der Sultan demonstrativ die
Nachfolge des Oströmischen Kaisers
an.[15] Konstantinopel behielt bis
zum Untergang des Osmanischen
Reiches seinen Namen und blieb von
einer Umbenennung verschont. Denn
fortan wollten die Sultane gerade
auch in Europa nicht nur als
orientalische Sultane Anatoliens
begriffen werden, sondern als
Nachfolger der antiken Römischen
Kaiser. Ausdruck dieser Denkweise
ist auch der osmanische Angriff auf
Süditalien im Jahre 1480, denn die
Eroberung von Otranto sollte der
Beginn eines großangelegten
Italienfeldzuges werden. Am Ziel
dieser Kampagne kann kein Zweifel
bestehen: Mehmed II. plante, Rom zu
erobern, um die oströmische mit der
weströmischen Kaiserwürde zu
vereinigen. Dass es nie zu diesem
Feldzug gegen Rom kam, lag am
plötzlichen Tod des Sultans im
darauffolgenden Jahr. Seit der Zeit
Mehmeds II. sprachen die Osmanen von
zwei ‚Goldenen Äpfeln’: Von Rom und
von Wien. Beide Städte sind eng mit
dem Römisch- Deutschen bzw. dem
antiken (weströmischen) Kaiserreich
verbunden. Das Ziel, diese beiden
Städte zu erobern zeigt deutlich,
wie wichtig die
byzantinisch-römische Tradition für
die Herrschaftslegitimation der
Osmanen war.[16] Das Bemühen, es
allen Untertanen des Osmanischen
Reiches zu ermöglichen, im Sultan
einen rechtmäßigen Herrscher zu
erkennen, zeigte sich in besonderer
Weise auch im Feldzug Süleyman I. im
Jahr 1532. Hierbei ließ sich
Süleyman bei seinen triumphalen
Einzügen in die verschiedenen Städte
entlang seines Weges nach Wien immer
wieder wie ein römischer Kaiser
inszenieren.[17] Süleymans
triumphale Einzüge in die eroberten
Städte Niš und Belgrad glichen denen
der antiken Kaisern in Rom. In
Konstantinopel galt die Hagia Sophia
als ein Symbol der Weltherrschaft.
Wie wichtig das Bauwerk für die
Dynastie Osmân war zeigte sich noch im
Jahr 1918, als die Siegermächte der
Entente Konstantinopel besetzten.
Der letzte osmanische Sultan, Mehmed
VI. Vâhideddîn Hân, zog die gesamte
Palastgarde (700 Mann) ab und
beorderte sie an die Hagia Sophia.
An den Kommandanten Tevfik Bey
gewandt, sagte der Sultan: "Mein
Leben ist unwichtig. Wenn die Feinde
die Hagia Sophia angreifen, so
braucht ihr von mir keinen Befehl um
das Feuer zu eröffnen. Verteidigt
dann die Hagia Sophia bis zum
letzten Atemzug!"[18]
Das Haus Osmân vom 17. - 20.
Jahrhundert
Mit
Sultan Ahmed I. Hân wurde 1617
erstmalig ein dynastisches Gesetz
zur Erbfolge geschaffen.
Er beschloss unter Beratung des
großherrlichen Diwans ein Gesetz zur
Regelung der Thronfolge zu
beschließen, indem das älteste
Mitglied des Hause Osmân Anrecht auf
den Thron hatte - das sogenannte
Senioratsprinzip (Ekberiyet). Es
wurde diesbezüglich eine Fetwâ vom
Şeyh-ül İslam ausgestellt.[19] Das
17. Jahrhundert bildete ein dunkles
Kapitel in der osmanischen
Geschichte. Geprägt von Aufständen,
Haremsintrigen und Korruption
steuerte das Osmanische Reich seinem
langsamen Niedergang entgegen. Die
Macht der Janitscharen, des Harems
und der Ulemâ erreichte ihren Zenit
und beeinflusste die Staatspolitik
in hohem Maße.
Die
Absetzung und Inthronisierung von
Sultanen durch die Janitscharen
(unterstützt von den islamischen
Gelehrten der Ulemâ) wurde zu einer
regelrechten Prozedur. Nach dem
Sturz von Sultan Mustafa I. Hân im
Jahr 1618, folgte ihm sein
14-jähriger Neffe Osmân II. Hân, der
1622 durch die Janitscharen gestürzt
und ermordet wurde. Die Ermordung
des jungen Sultans ging als
Hâile-i Osmâniyye (Die große
osmanische Katastrophe) in die
Geschichte ein. Mustafa I. Hân wurde
erneut durch die Janitscharen
inthronisiert.
Obwohl
MATUZ Mustafa I. Hân als Beispiel
für die Schwäche des Sultanats und
der Herrschaft des Harems im 17.
Jahrhundert nimmt, relativiert
PEIRCE diese Ansicht und kommt zu
dem Ergebnis, dass gerade die
Herrschaft des Harems das Überleben
der Dynastie Osmân erst überhaupt in
Zeiten der Staatskrise gesichert
hat, als kein geeigneter Herrscher
vorhanden war. [20] FAROQHI
unterstützt diese These und kommt
zum Schluss, "dass man im
osmanischen Staat des 17. und 18.
Jahrhunderts ein Zurücktreten des
Herrschers und ein Hervortreten der
verschiedenen Amtsträger feststellen
kann. In der älteren Forschung hat
diese Entwicklung oft als Symptom
osmanischen Niedergangs gegolten.
Heute ist diese Bewertung weniger
verbreitet. Man erinnert sich der
Feststellung Max Webers, dass
nämlich Bürokratisierung und
Routinisierung typisch für
neuzeitliche Herrschaftsausübung
sind. Dementsprechend hatte der
osmanische Staat stabile
Institutionen herausgebildet. Die
Haushalte von Wesiren und
Gouverneuren rekrutierten Nachwuchs
für den Staatsapparat; daneben aber
entfaltete auch die Bürokratie eine
eigene Dynamik. Man kann es durchaus
als eine Stärke des osmanischen
Staates betrachten, dass dieser
jetzt zur Not ohne einen aktiven
Sultan auskommen konnte."[21] Mit
Murad IV. Hân bestieg erstmals
wieder ein weitaus aktiver Sultan
den Thron, der die Macht des Harems
und der Janitscharen beschnitt und
die des Sultanats restaurierte. Sein
Nachfolger Ibrahim I. Hân (1640-48)
wurde durch die Janitscharen
gestürzt und ermordet. Mit Mehmed
IV. Hân wird die Macht des Harems
endgültig gebrochen, doch wird er
1687 durch die Janitscharen zur
Abdankung gezwungen. Der Versuch,
das Militär und den Staatsapparat zu
reformieren, scheiterte immer wieder
am Widerstand der Janitscharen und
der Ulemâ. So wurden tatkräftige
Sultane wie Mustafa II., Ahmed III.
und Selim III. wegen ihren
Reformplänen gestürzt, Letzterer
sogar ermordet. Mit der endgültigen
Beseitigung der Janitscharen durch
Sultan Mahmud II. Hân im Jahr 1826,
das als "Wohltätiges Ereignis" (Vaka-i
Hayriye) Eingang in die Geschichte
fand, endete die Prozedur von
Absetzung und Ermordung durch die
Janitscharen. Im 19. Jahrhundert
unternahm das Haus Osmân den Versuch
das Osmanische Reich in die Moderne
zu führen. Mit Mahmud II.,
Abdülmecid I. und Abdülaziz I. wurde
eine Reformbewegung (Tanzimât) ins
Leben gerufen, die dem Niedergang
des Reiches entgegenwirken wollte.
1876 kam es zu einer Staatskrise, in
der Sultan Abdülaziz I. Hân
abgesetzt und kurz daraufhin
ermordet wurde. Sein Nachfolger
Murad V. wurde ebenfalls nach nur
drei Monaten abgesetzt, worauf
Abdülhamid II. den Thron bestieg. Er
wird 1909 gestürzt, sein Bruder
Mehmed V. zum neuen Sultan
proklamiert. Ihm folgt 1918 sein
jüngerer Bruder Mehmed VI.
Vahideddîn Hân, der letzte Sultan
des Osmanischen Reiches. Am 4.
November 1922 hört das Osmanische
Reich mit dem Rücktritt der letzten
osmanischen Regierung auf zu
existieren. Die Nationalversammlung
von Ankara bezichtigte den Sultan
des Hochverrats und forderte einen
Gerichtsprozess. Sultan Vahideddin
Hân emigrierte daraufhin nach
Italien, wo er 1926 starb. Das Haus
Osmân jedoch blieb unter der Führung
des Kronprinzen Abdülmecid II. Hân
weiterhin im Land. Die
Nationalversammlung trennte das
Sultanat und Kalifat, schuf Ersteres
ab und wählte Abdülmecid II. zum
Kalifen. Am 3. März 1924 wird auch
das Kalifat abgeschafft und die
ganze Dynastie Osmân aus der
Republik verbannt.

[1]
Ömer Lütfi Barkan: Hüdavendigâr
Livası Tahrir Defterleri, Ankara,
1988, S. 283
[2]
Klaus Kreiser: Der osmanische Staat
1300-1922, München, 2008, S. 94
[3] Franz Babinger: Die
Geschichtsschreiber der Osmanen und
ihre Werke, Leipzig, 1927, S. 10
[4] Babinger, S. 31
[5] Joseph Matuz:
Das Osmanische Reich. Grundlinien
seiner Geschichte, Darmstadt,
1985, S. 27-28; 31
[6]
Stefan
Schreiner: Die Osmanen in Europa.
Erinnerungen und Berichte türkischer
Geschichtsschreiber, Wien, 1985, S.
27
[7] Nihad Sami Banarlı:
Resimli Türk Edebiyatı Tarihi,
Istanbul, 1975, S. 61
[8] Banarlı, S. 65
[9] An Account of the Ottoman
Conquest of Egypt in the Year A.H.
922/A.D. 1516, Translated from the
Third Volume of the Arabic Chronicle
of Muhammed ibn Ahmed Ibn Iyas, an
Eyewitness of the Scenes He
Describes. Translated by W.H. Salmon
(London, 1981 [1921]), 91. Cf. Ibn
Iyas, Badayi' al-zuhur fi vaqayi'
al-duhur, ed. Muhammad Mustafa, vol.
5 (Cairo, 1961), 125.
[10] Josef Matuz: Aufstieg und
Niedergang der osmanischen
Militärmacht, Militärgeschichtliche
Mitteilungen 45/46 (1989), S. 23
[11] Halil İnalcık: Periods in
Ottoman History - In Essays in
Ottoman history, Istanbul 1998, S.
19
[12] Andreas Tietze: Mustafa Âli’s
Counsel for Sultans of 1581, Wien
1979, S. 51
[13] Dr. Theodor Nöldeke: Auszüge
aus Neschris Geschichte des
osmanischen Hauses, 1859, S.
180
[14] Theodore Spandounes: On the
Origin of the Ottoman Emperors,
Übersetzt von Donald M. Nicol,
Cambridge/New York 1997, S. 11
[15] Charles Schéfer – Théodore
Spandouyn Cantacasin: Petit traicté
de l'origine des Turcqz, Paris 1896,
S.11
[16] Vladimir v. Schnurbein:
Mercurino Gattinara, die Idee der
Monarchia Universalis und ihre
Wirkung auf die Politik Kaiser Karls
V., Wien 2010, S. 145
[17] Gábor Ágoston – Ideologie,
Propaganda und politischer
Pragmatismus. Die Auseinandersetzung
der osmanischen und habsburgischen
Großmächte und die mitteleuropäische
Konfrontation. In: Martina Fuchs
(Hg) - Kaiser Ferdinand I. Aspekte
eines Herrscherlebens, Münster 2003,
S. 230
[18] Ismail Colak: Son Osmanlı
Vahdeddin, Istanbul 2010, S. 42
[19]
Tevarihi Ali Osman 7. Defter, İbn
Kemal, S. 8-9
[20] Josef Matuz: Das Osmanische
Reich. Grundlinien seiner
Geschichte, Darmstadt 2008, S. 166
vgl. Leslie P. Peirce - The Imperial
Harem: Women and Sovereignty in the
Ottoman Empire, Oxford 1994
[21]
Suraiya Faroqhi:
Geschichte des Osmanischen Reiches,
München 2000, S.63 |