| |
Mehmed Emin Âli Paşa (*5. März 1815 in
Konstantinopel; gest. 6. September 1871 in Konstantinopel, Kadıköy)
war ein osmanischer Großwesir, Diplomat und Staatsmann.
Politischer
Werdegang
Âli Paşa wurde am 5. März 1815 in Konstantinopel als Sohn des
Beamten Ali Rızâ Efendi geboren. Er erhielt eine durchschnittliche schulische Ausbildung
und besuchte die Koranschule. Mit fünfzehn Jahren wird Ali auf
Empfehlung von Reşid Efendi (dem späteren Großwesir) an der Hohen Pforte
angestellt. Nach vierjähriger Ausbildung wird Ali zweiter
Gesandtschaftssekretär in der osmanischen Botschaft Wien unter Ahmed
Fethi Paşa. 1836 kehrt Ali nach Konstantinopel zurück und wird zum
Ersten Dolmetscher des Diwans (Dîvân tercümânı)
ernannt. 1838 wird Ali nach London gesendet, wo er zuerst als
Botschaftsrat und ab 1839 als Geschäftsträger der osmanischen Botschaft
fungiert. 1840 wird Ali zum Unterstaatssekretär des Auswärtigen
befördert und 1841 zum osmanischen Botschafter in London ernannt.
Während seines Aufenthalts in London, studierte er Kriegswissenschaften. 1844
wird Ali wieder nach Konstantinopel berufen, wo er zum interimistischen
Minister des Auswärtigen und noch im selben Jahr zum Kanzler des Diwans
(Beylikçi
Efendi) ernannt wurde. 1846 verleiht ihm Sultan Abdülmecid I. Han den
Titel eines Paschas und überträgt
ihm das Amt des Außenministers. Nach dem Sturz des
Großwesirs Mustafa Reşid Paşa im Jahr 1852, verleiht der Sultan dem
37-jährigen Âli Paşa die Würde des Großwesirats. Zusätzlich erhielt
Ali vom Sultan die Namenszusätze Mehmed (Abwandlung des Namens Mohammed)
und Emin (Vertrauenswürdiger), was sein hohes
Ansehen an der Hohen Pforte widerspiegelte.
Mehmed Emin Âli Paşa konnte jedoch nicht die
Fehler seines Vorgängers beheben um die nötige Staatsanleihe
durchzusetzen, weshalb er nach knapp drei Monaten beim Sultan nach
seiner Entlassung ersuchte. Noch im selben Jahr zum Statthalter (Vali)
von Smyrna ernannt, zog sich
Mehmed Emin Âli Paşa wegen Intrigen am Hof ins
Privatleben zurück. Im Jahr 1854 überträgt der Sultan ihm die
Statthalterschaft über Bursa.
Mehmed Emin Âli Paşa wurde zum Vorsitzenden des
Tanzimat-Konzils gewählt und zum Außenminister ernannt.
Im Krimkrieg (1853-56) stand das Osmanische Reich auf der Seite der
Siegermächte. Auf der Friedenskonferenz in Wien (1855) nahm auch
Mehmed Emin Âli Paşa teil, wo er mit seinem
diplomatischem Talent die europäischen Vertreter ins Staunen versetzte.
Den Sieg über Russland und die damit ausgelöste Euphorie im Osmanischen
Reich nutzte der nunmehr zum zweiten Mal ernannte Großwesir für die
Verkündung des Hatt-ı Hümâyûn-Reformedikts am 18. Februar 1856, der die
Gleichheit und Freiheit des osmanischen Bürgers, ohne Rücksicht auf
Religion oder Herkunft, bestätigte. Als die osmanische Delegation am 30.
März 1856 zur Pariser Konferenz geladen wurde, brachte der Großwesir und
der osmanische Gesandte Djemil Paşa den Reformedikt in die
Verhandlungen ein, der von den Vertretern der Siegermächte, Österreichs
und Preußens positiv angenommen wurde. Die politischen Folgen des
Pariser Friedens in Moldawien konnte er jedoch nicht verhindern, sodass
Mehmed Emin Âli Paşa als Großwesir abdankte
(1856). Mit dem Tod von Mustafa Reşid Paşa (1858) bekleidete er
wieder das Amt des Großwesirs und schlug neue Reformen ein. In seiner
dritten Amtsperiode als Großwesir fielen die Gründung
der ersten Mittel- und Oberschule für
Mädchen (Cevri Kalfa İnas Rüşdiyesi),
die erste Hochschule für Beamten-Nachwuchs (Mekteb-i Mülkiye), das
Liegenschaftsgesetz (Kaanûnnâme-i
Arazi), das
Staatsbürgerschaftsgesetz und das
Strafgesetzbuch (Ceza Kaanûnnâme-i Humayunu). Im Oktober
1859 räumte Mehmed Emin Âli Paşa seinen Posten als Großwesir für
seinen Weggefährten Kıbrıslı Mehmed Emin Paşa. Letzterer hatte vom
Sultan die Aufgabe bekommen, die Provinzen des Reiches zu bereisen, um
festzustellen inwieweit die Reformen im Land durchgesetzt wurden. Als
Stellvertreter (Kaymakam) für den neuen Großwesir wurde Mehmed Emin Âli
Paşa ausgesucht. Nach der Rückkehr des Großwesirs, wurde Mehmed Emin Âli
Paşa Stellvertreter des Außenministers Fuad Paşa, der sich zu der Zeit
in Damaskus befand. Ab 1861 wieder Großwesir, sorgte Mehmed Emin Âli
Paşa für die Konsolidierung des Staatshaushaltes und verhinderte über
lange Zeit die Isolation des Osmanischen Reiches im Konzert der
europäischen Großmächte.
Im Juli 1867 begab sich Sultan Abdülaziz I. Han auf seine berühmte
Europreise. Da der Sultan und sein Neffe, der Kronprinz, ein sehr
angespanntes Verhältnis hatten, entschloss sich der Herrscher nicht nur
den Kronprinz mit nach Europa zu nehmen, sondern auch den Prinzen Hamid
und seinen eigenen Sohn Yusuf Izzeddin. Begleitet wurde der Herrscher
von Fuad Paşa. Die Leitung des
Reiches, aber, übertrug er seinem Großwesir Mehmed Emin Âli Paşa. Auch
wenn der Sultan nur für einen Monat abwesend war, übertrug er dem
Großwesir uneingeschränkte Vollmachten. Dies setzte bei Mehmed Emin Âli
Paşa eine unbekannte Energie frei, dass er alle in Erstaunen versetzte;
seinen Kollegen im Ministerium war er unstreitig überlegen und der
Diplomatie gegenüber entwickelte er eine ungeahnte Kühnheit. Der
Kreta-Aufstand von 1866-67 wurde zu einer Bewährungsprobe seiner
diplomatischen Kunst. Die europäischen Mächte machten der Hohen Pforte
unerhörte Ratschläge, die selbst zu einer Abtretung an Griechenland
aufforderten. Aber Mehmed Emin Âli Paşa und Fuad Paşa ließen sich nicht
beirren und sprachen eine deutliche Sprache: Das Osmanische Reich ist
und bleibt unteilbar. Da sich die bisher gesandten osmanischen Gutachter
als wenig verlässlich zeigten und Fuad Paşa sterbenskrank nicht mehr in
der Lage war nach Kreta zu reisen, entschloss sich der Großwesir Mehmed
Emin Âli Paşa höchstpersönlich nach Kreta zu begeben. Seine Reise nach
Kreta prägte ihn für das Leben, sodass er mit Nachdruck den Sultan dazu
drängen wollte, Griechenland den Krieg zu erklären. Es wäre fast zum
Krieg gekommen, hätte der französische Kaiser Napoleon III. nicht zu
einer Konferenz nach Paris geladen um die Sache auf diplomatischem Wege
zu beenden. Das Ergebnis war jedoch zufriedenstellend, und so schrieb
der Großwesir in seinem Brief an Fuad Paşa: "Griechenland
wurde im Angesicht der Großmächte beschuldigt den Aufstand angezettelt
zu haben und das Osmanische Reich wurde zum Richter über Griechenland
ernannt, während die übrigen Konferenzteilnehmer als stumme Beisitzer
ihre Anwesenheit erfüllten, in der nur Russland einige Worte fallen
ließ."
 |
|
Mehmed Emin Âli Paşa (r.)
auf der Friedenskonferenz von
Wien (1855) |
Als sein langer Freund und Weggefährte Fuad Paşa im Februar 1869 starb,
übernahm Mehmed Emin Âli Paşa zusätzlich das Amt des Außenministers. Der große osmanische Staatsmann musste sich gegen Ende
seines Lebens nicht nur mit den äußeren Feinden des Reiches behaupten,
sondern auch gegen Innere. Die Partei der "Jungosmanen/Jungtürken"
forderte die Absetzung des Großwesirs und seine Ermordung, sowie die
schnellere Reformierung des Reiches um einen Krieg gegen Europa zu
provozieren. Als der Großwesir eine Verhaftungswelle in Gang setzte,
flüchteten die Jungtürken nach Paris, wo sie im Exil ihre Tätigkeiten
fortsetzten. Ein anderer ernstzunehmender Gegner war der ägyptische Khediv Ismail Paşa der zwar die Oberhoheit der Osmanen anerkannte, aber
Herr im eigenen Reiche war. Als der Suezkanal 1869 eröffnet werden
sollte, wurden die Monarchen Europas und Asiens nach Ägypten geladen -
nur nicht der osmanische Sultan Abdülaziz. Um der Einladung nachzukommen, reisten Kaiserin Eugenie von Frankreich und Kaiser Franz Josef
von Österreich zuerst nach Konstantinopel, um von dort aus nach Kairo
weiterzureisen. Der österreichische Kaiser wurde durch den
österreichischen Botschafter in Konstantinopel, Anton Prokesch von
Osten, begleitet, der ein langjähriger Freund des Großwesirs und einer der wenigen pro-osmanischen Politiker in Europa war.
Mehmed Emin Âli Paşa und Anton Prokesch von Osten organisierten mehrere
Zusammenkünfte ihrer Herrscher, um dem Khediven in jeder Hinsicht
entgegenzutreten. Als der Kaiser mit Prokesch v. Osten in Kairo
verweilte, soll der Kaiser dem Khediven ausdrücklich zu verstehen gegen
haben, "dass er nur ein Statthalter des Sultans sei." Der Kaiser ließ
den Khediven - aller Erwartungen zum Trotz - unbeachtet und lud ihn nur
am Abschiedstag zu sich an den Tisch. Mehmed Emin Âli Paşa's Plan war
aufgegangen. Seine letzten Lebensjahre nutzte der Großwesir für den
Ausbau des Staatsapparats und der Infrastruktur. Mehmed Emin Âli Paşa
verstarb am 6. September 1871 nach dreimonatiger Krankheit in seiner
Villa bei
Kadıköy. Er wurde auf dem alten Moscheefriedhof
der Süleymaniye-Moschee beigesetzt. Der Tod des Großwesirs war auch an der
europäischen Börse zu spüren: Die europäischen Staatsanleihen und die
Aktien stürzten kurz nach dem Bekanntwerden seines Todes ab und
verursachten bei den Anlegern für mehrere Tage große Panik in den
Großstädten.
Die Person des Großwesirs
Befürworter des aufgeklärten Absolutismus
Aus den Tagebüchern europäischer Diplomaten und Staatsmännern sind viele
Beschreibungen über die Person Mehmed Emin Âli Paşa zu finden.
Überwiegend sind diese positiver Natur, sodass auch der Wahrheitsgehalt
dieser Beschreibungen durchaus glaubwürdig erscheint. Auch unter seinen
zeitgenössischen Kollegen an der Hohen Pforte, wurde er sowohl beim
Freund als auch beim Feind hoch geschätzt. Mehmed Emin Âli Paşa
gehörte zu den wichtigsten Männern der Tanzimat-Zeit und hielt
freundschaftliche Kontakte zu folgenden osmanischen Politikern:
Mustafa Reşid Paşa, Fuad Paşa, Kıbrıslı Mehmed
Kamil Paşa, Kıbrıslı Mehmed Emin Paşa, Mütercim
Mehmed Rüşdi Paşa, Midhat Paşa, Mehmed Ali Paşa (dem
er sogar das Leben rettete) u.v.m.
Alle diese Männer sahen in ihm einen großen Staatsmann, der wie kein
Zweiter die Geschicke des Reiches zu leiten verstand. Sie beschrieben
ihn als loyalen, ehrlichen und scharfsinnigen Menschen, der es sich zu
seinem Lebensziel machte, das Osmanische Reich in jeder Hinsicht zu
bewahren, zu reformieren und zur neuen Blüte zu verhelfen. Die schweren
Lasten der Staatsgeschäfte und die unermüdliche Energie, die er für die
Erreichung seiner Ziele einsetzte, blieben vor allem gesundheitlich
nicht folgenlos, sodass der Großwesir im frühen Alter von nur 57 Jahren
verstarb. Als überzeugter Anhänger des aufgeklärten Absolutismus lehnte
er eine konstitutionelle Revolution, wie sie die Jungosmanen forderten,
entschieden ab. Er sah im Sultanat eine heilige Institution und
fühlte sich diesem in Treue verpflichtet, doch eine zügellose Politik
der freien Hand verabscheute der Großwesir. Zu seinem Großherrn
Abdülâziz äußerte sich der Großwesir einmal wie folgt: "Mein
Padişah, Ihr verlangt von
Eurer Regierung mehr Rationalität und Effizienz. Wenn Eure Majestät -
der Gnädigste aller Herrscher - durch die Gnade Gottes für die absolute
Macht erwählt wurde, dann weil Gott es will, dass Eure Majestät große
Weisheit demonstrieren soll." Die Beschneidung der Rechte und
Privilegien des Sultans verstand Mehmed Emin Âli Paşa als Angriff
auf den osmanischen Staat höchstselbst. Unter Sultan Abdülâziz I. Hân
kam diese "aufgeklärte Politik" stark zum Ausdruck. Der Großwesir, der
die Vorlieben seines Großherrn kannte, setzte dem Sultan gewisse
Schranken die dazu führten, dass ein Machtmissbrauch erst gar nicht
eintreten konnte. Âli Paşa machte seinem Großherrn anhand eines
Beispiels deutlich, warum dies von Nöten sei: "Wenn eine Person,
welche durch Eure Majestät die Staatsgeschäfte des Reiches anvertraut
wurden, zu Euch sagt - wie es einst ein Minister zu Ludwig XVI. tat -:
"Majestät, das ganze Reich wird von Euch beherrscht, es ist Euer Besitz
und Ihr könnt damit machen was Ihr wollt" soll Eure Antwort sein:
"Ludwig XVI. beherzigte die Worte seines Ministers; niemand wurde früher
im königlichen Grab begraben als Frankreich; blind vor Wut und sein Grab
entehrt durch das Blut seiner eigenen Kinder."
Damit stieß er auf wenig Gegenliebe. Als der Kammerherr den Sultan
einmal fragte, warum er Mehmed Emin Âli Paşa denn nicht einfach aus
dem Amt entließe, antwortete er: "Wen soll ich an seine Stelle
setzen? Wer ist in Europa so anerkannt wie er?" Damit unterwarf sich
der Sultan letzten Endes der pragmatischen Politik seines Großwesirs. Âli Paşa
war für das Osmanische Reich unerlässlich geworden, seine Macht und sein
Status blieben bis zu seinem Lebensende ungebrochen. Was sein Familienleben betraf, wurde er durch eine starke
Ehefrau unterstützt, mit der er vier Kinder hatte. So war es seine
Ehefrau, die ihn immer wieder ermutigte an seinen Reformen festzuhalten
und die Politik in seinem Sinne fortzuführen. Seine beiden Söhne standen
im Dienst des auswärtigen Amtes und hatten eine vorbildliche Erziehung
genossen. Ebenso seine zwei Töchter die in Offizierkreisen
einheirateten.
Die Behauptung, Großwesir Mehmed Emin Âli Paşa wäre ein Verehrer
Frankreichs - also frankophil gewesen -, trifft nicht zu. Seine
Realpolitik richtete sich an die zeitgemäßen Verhältnisse dem das
Osmanische Reich ausgesetzt war. Er selbst sah in Frankreich und in
Russland die Staaten, die auf den weiteren Niedergang des Reiches
hinarbeiteten. Die These seiner angeblichen Frankophilie wurde nach
seinem Tod geschürt. Einige anti-osmanische Zeitungen in Europa
betrachteten seinen Tod sogar als Folge der französischen Niederlage im
Krieg 1870/71. Seine enge Freundschaft zum österreichischen Botschafter
Graf Anton Prokesch von Osten wurde sogar von französischen Diplomaten
missbilligt, worauf sie den Großwesir beschuldigten "österreichische
Politik zu betreiben." Englands neutrale Einstellung Mitte des 19.
Jahrhunderts betrachtete Mehmed Emin Âli Paşa mit großem Argwohn.
Zitate
"Mein Padişah, die
Mehrheit der Beamten werden schlecht bezahlt. Das Resultat ist, dass
qualifizierte und talentierte Männer den öffentlichen Dienst meiden. Die
Regierung Eurer Majestät ist dann gezwungen mittelmäßiges Personal zu
rekrutieren, deren einziges Ziel es ist, ihre schwache finanzielle
Situation aufzubessern. Intelligente, hart arbeitende, kompetente und
motivierte Personen sollten den öffentlichen Dienst Eures Reiches
führen. Wenn geklärt ist was sie verdienen sollen, wird sich die Anzahl
der Beamten, gemessen am gegenwärtigen Dienst, um einviertel
reduzieren."
- Großwesir Mehmed Emin Âli Paşa
1871 zu Sultan Abdülâziz I. Hân
[Andic Fuat/Suphan Andic: The Last of the Ottoman
Grandees: The Life and Political Testament of Ali Pasha]
Anm.: Dieses Zitat fand 1997
Verwendung in der Einleitung des "Policy Research Working Paper 1771",
dem Background Paper für den "World Development Report 1997" der
Weltbank, siehe hierzu "The Importance of a Sound Civil Service"
"Deshalb erklärt Russland keinen Krieg; dagegen hetzt es einerseits
die christlichen Einwohner zu Klagen und Aufständen gegen die hohe
Pforte auf, andrerseits aber benutzt es ein hinterlistiges Gewebe von
Lügen und Verleumdungen als Vorhang, um die Augen der Europäer und der
Anhänger des Liberalismus und des Nationalitätenprincips zu blenden."
- Großwesir Mehmed Emin Âli Paşa
[Âli Paşa: Memorandum vom 30. November 1867, S. 5]
"Also in Frankreich noch immer die Politik, welche uns die ungeheuren
Ausgaben für Kreta aufgenötigt hat, die Politik der Bevormundung des
Sultans und des völligen Gewährenlassens in Griechenland! Frankreich
kann sich rühmen, dass keine Macht, auch nicht Russland, unablässiger,
eifriger an der Zerstörung des Osmanischen Reiches arbeitet! Es nenne
nur den "kranken Mann"; ich kenne einen weit kränkeren, und dieser ist
Frankreich selbst!"
- Großwesir Mehmed Emin Âli Paşa
[A. Prokesch v. Osten: 16 Jahre in Konstantinopel, S. 779]
"Ich vergesse Alles um nur an den riesigen und irreparablen Verlust,
den das Reich gerade erlitten hat, zu denken, um den Mann zu beweinen,
den ich als meinen Vater und meinen Wohltäter anzusehen pflegte."
- Großwesir Mehmed Emin Âli Paşa
über den Tod von Reşid
Paşa in einem Telegramm an Prokesch [Privatschreiben vom
7. Januar 1858 in "Nach dem plötzlichen Tod Rechid-Paschas"]
Der Großwesir in der
Beurteilung der Zeitgenossen
"Er hing mit voller Überzeugung an dem Wesentlichen seiner Religion
(Islam) und wollte die unbeirrte Freiheit aller Culte. Fanatismus lag
gänzlich außerhalb seines Wesens. Er hielt keine Gesellschaft, von der
kleinsten bis zu der größten, für möglich ohne Anerkennung des
Autoritätsprincips, und die dermalen in Europa darüber gangbaren Ideen
erschienen ihm als eine vorübergehende Verirrung. Er achtete Kunst und
Wissenschaft, kannte alle Literaturen, insofern sie ihm durch die
französische Sprache zugänglich waren, maß sie aber alle am Maßstabe des
gesunden Menschenverstandes, der Sittlichkeit, der Ehrlichkeit der
Überzeugung oder Brauchbarkeit für Staat und Volk. Ein
unerschütterliches Pflichtgefühl band ihn an sein hohes Amt. Keine
gemeine Leidenschaft behinderte oder verlockte ihn darin. Er war eben so
furchtlos als ruhig und fest, ohne jedes Verlangen nach Schein und Lob.
Sein Glaube an den Bestand des Osmanischen Reiches ruhte in der
unerschütterten Geltung des Autoritätsprincips bei allen ihren Völkern,
in dem Gleichgewicht in welchem sich im Umfange des Reiches die
verschiedenen Religionen und Nationalitäten halten, und in der
Möglichkeit für das Osmanische Reich sich die Vorteile der europäischen
Zivilisation anzueignen, ohne gleichzeitig ihre Gebrechen mit in den
Kauf zu nehmen. Er konnte die gesamte Verwaltungsmaschinerie ummodeln,
das Kriegswesen auf zeitgemäße Grundlagen stellen, den Bau von
Eisenbahnen beginnen, das ganze Reich mit Telegrafendrähten durchziehen
lassen. Hätte ihn der Tod nicht so unerwartet früh weggenommen, er würde
es endlich auch erreicht haben die Kapitulationen den veränderten
Verhältnissen anzupassen, den Staat im Staate abzuschaffen, und dadurch
die letzte Schranke wegzuheben welche dem Osmanischen Reich den Weg des
wirklichen Fortschritts noch verrammelt."
- Anton Prokesch von Osten, österr.
Botschafter in Konstantinopel [Nachruf für Ali Pascha, Allgemeine
Zeitung, 1871]
"Die Türken haben einen Großwesir verloren, Europa einen großen Mann.
Gegen Ende des Krieges war es zuerst Ali Pascha, der beide Seiten zum
Frieden aufrief. Die Schriften, die er für den Frieden schrieb, habe ich
in einem besonderen Fach in unserem Archiv aufbewahren lassen. Der Tod
eines solchen Diplomaten ist ein großer Verlust."
- Fürst Otto von Bismarck, deutscher
Reichskanzler und Staatsmann [Basiretçi
Ali Efendi:
İstanbul'da Yarım Asırlık Vekayi-i
Mühimme, S. 125]
"Ich rechne es zu meinen interessantesten Erinnerungen, dass mir die
Gelegenheit geboten wurde, mit den beiden großen türkischen
Staatsmännern, welche nie wieder ersetzt wurden, nämlich Ali und Fuad,
zu verkehren."
- Friedrich Ferdinand von Beust,
österreichischer Staatsmann [Aus drei Viertel-Jahrhunderten 2 Bd.
S. 127 (1887)]
"Er war der größte Staatsmann der jungen Türkei."
- Hermann Vámbéry, ungarischer
Orientalist [Vámbéry: Islam, S. 153 (1875)]
Literatur:
Daniel Bertsch: Anton Prokesch von Osten
(1795-1876). Ein
Diplomat Österreichs in Athen und an
der Hohen Pforte
Fuat Andıç & Süphan Andıç: Sadrazam Ali Paşa Hayatı,
Zamanı ve Siyasi Vasiyetnamesi
İbn-ül-Emin Mahmûd Kemâl: Son Sadrâzamlar
Ahmed Cevdet Paşa: Tezâkir
|
|