Aufstieg

 

Vom Ursprung der Osmanen

Den Übergang von der "grauen Vorzeit" bis zur Gründung der osmanischen Dynastie charakterisierte Hammer-Purgstall einst wie folgt: "Der Strom der türkischen Geschichte, der sich bisher vom verborgenen Quellenhaupte der Sage durch das Gestrüppe gestürzter Stämme und vielfach verflochtener Zweige in eingeengtem Rinnsale mühsam durchgearbeitet hat, wird nun, sobald er nach Vereinigung mehrerer Zuflüsse und Zurücklassung ihrer Namen, den der Familie Osmans, angenommen, in breiterem und bequemeren Thalwege ruhiger und klärer fortfliessen."

"Das verborgene Quellenhaupt"- damit meint Hammer-Purgstall den Ursprung der Turkvölker, deren Urheimat in Zentralasien lag. Sie wanderten in mannigfaltiger Stammeszersplitterung vom Altai, Dsungarei, der Wüste Gobi aus nach Westen und nach Süden und gründeten kurzlebige Reiche (die vielleicht an Dimension, aber keineswegs an innerer Organisation und Dauerhaftigkeit mit dem Osmanischen Reich glichen). Das bekannteste davon wurde das Reich Attilas, des Hunnen, in der Völkerwanderungszeit. Der Kontakt mit der überlegenen islamischen Zivilisation wurde entscheidend, sowohl kulturell als auch geographisch, denn die Zersplitterung des Kalifenreiches begünstigte das Vordringen der Turkvölker nach Westen, bis in die kleinasiatische Halbinsel, nach Anatolien. Der Ursprung liegt in der Stammeskonföderation der Oğuz bzw. Oghusen, die nach dem Untergang des zweiten Göktürken-Reiches (742) erstmals auftauchten. Sie unterteilten sich in zwei große Gruppen, namens Bozok und Üçok. Unter den Stämmen des Verbandes der Bozok, war der Stamm Kayı, der später den Grundstein für das Osmanische Reich legen sollte. Mit dem "bequemen Thalweg" beschreibt Hammer-Purgstall das Leben von Süleyman Şah, dem Großvater des Reichsgründers Osman. Das Oberhaupt der Kayı musste mit seinem Stamm vor dem Mongolensturm des Dschingis Khan (1206-1227) fliehen. Von Mayhana an der Nordwestgrenze des Irans, durchzogen sie Persien, Mesopotamien und das nordöstliche Syrien. Nahe der großen Festung von Qalaat Jabar, die den Euphrat überblickte, versuchten die Flüchtlinge, den Fluss zu überqueren, doch Süleyman ertrank dabei. Doch schon im 11. Jahrhundert zogen Oghusen westwärts und eroberten weite Teile Anatoliens vom Byzantinischen Reich. Die Schlacht bei Manzikert in der Nähe des Vansees in Ostanatolien (1071), in der die von Seldschuken angeführten oghusischen Stämme ein byzantinisches Heer vernichtend schlugen, wird als Meilenstein im Aufstieg des ersten Seldschuken-Reich (1040-1194) betrachtet. Das Sultanat von Rum (bilâd al-Rûm), der anatolische Besitz der Seldschuken, war bis zu seiner Selbstständigkeit im Jahre 1134, ein Teil des Großseldschukischen Reiches.


Wanderung der Kayı nach Anatolien (12. Jh.) Karte: David Nicolle - Die Osmanen, S.26

Als der Stamm Kayı Anfang des 12. Jh. unter Süleyman die Steppe verließ, zählte der Stamm weniger als 400 Familien. Nach dem Tode Süleymans, waren seine Söhne uneins darüber, was als nächstes zu tun sei. Während zwei seiner Söhne (Sungur Tigin und Gündoğdu) mit einigen Stammesmitglieder in die Mongolei zurückkehrte und in die Dienste der Khane trat, führte Ertuğrul Gazi und Dündar die Übrigen nach Erzurum. Ertuğrul Gazi und seine Männer im Gefolge werden in alten Überlieferungen als kräftig, im Gefecht kampfentscheidend und ritterlich beschrieben. Als der Stamm das Gebiet östlich von Erzurum erreicht, hören sie plötzlich Schlachtgetöse. "Noch vom Schlachtfeld entfernt, und ohne noch unterscheiden zu können, wem die größere Truppe, wem die kleinere angehöre, fasste Ertuğrul den ritterlichen Entschluss, dem kleineren Haufen wieder den größeren beizustehen. Seine Hilfe entschied den Sieg", erzählt Hammer-Purgstall. An diesem Tage standen sich Seldschuken und Tataren als Feinde gegenüber. Die Seldschuken, welche dem oghusischen Stamm der Kinik im Stammesverband der Üçok angehörten, erhielten Hilfe von dem oghusischen Stamm der Kayı aus dem Stammesverband der Bozok. Nach dem Sieg jedoch unterwarf sich Ertuğrul Gazi mit seinem Stamm den Seldschuken und wurde mit einem kleinem Territorium in Westanatolien nahe der Küste des Marmarameeres belehnt. Dort endete die Wanderung des kleinen Nomadenstammes. Lange behaupteten Historiker, Ertuğrul habe nie gelebt, doch Archäologen fanden Münzen, die seinen Namen tragen und aus dem späten 13. Jh. stammen. Ertuğruls Reich lag in den Bergen von Söğüt und umfasste auch das Schlachtfeld von Eskişehir, was einer Größe von insgesamt 4.800 km² entsprach. Eines Nachts, so erzählt eine Legende, legte Ertuğrul den Koran nach seiner Lesung, an die höchste Stelle im ganzen Zelt. Er sagte zu seiner Frau, dass nichts höher stehen dürfte als das Wort Gottes. Als er sich schlafen legt, vernimmt er im Traum eine Stimme die zu ihm sagt: "Da du mein ewig bestehendes Wort so hoch ehrst, sollen auch deine Kinder und Kindeskinder durch kommende Geschlechter und Zeiten hochgeehrt sein!" Durch diese "göttliche Segnung" wurde der Grundstein für die Dynastie Osman gelegt.

Der Traum des Osman Gazi und die Gründung des Osmanischen Reiches

Die Konsequenz der mongolischen Eroberung des östlichen und mittleren Teil der islamischen Welt waren eine Zunahme des Nomadentums und ein Rückgang der Landwirtschaft. Aus dem Chaos, das die Mongolen in Anatolien anrichteten, zogen die Lokalfürsten den größten Nutzen. Es bildeten sich aus dem untergehenden Sultanat von Rum mehrere kleine Fürstentümer (Beyliks), die nicht länger bereit waren, für den Sultan der Rum-Seldschuken, geschweige für die Mongolen zu kämpfen, dessen Vasall der Seldschuken-Sultan war. Manche der aus dem Sultanat von Rum entstandenen Fürstentümer waren wohlhabend, kultiviert und zugleich ein lokaler Machtfaktor. Da die Beute aus den Eroberungen nicht nur zur Stabilisierung der eigenen Position, sondern auch für Militär und Kultur eingesetzt wurde, wie es von islamischen Herrschern verlangt wurde, blühten Religion, Literatur, Kunst, Architektur und Handel in vielen Beyliks auf. Als Osman Gazi nach dem Tode seines Vaters Ertuğrul Gazi 1282 die Nachfolge antritt, verwandelt er das bisher unbedeutende und winzige Fürstentum zu einem wichtigen Grenzstaat. So wurde anscheinend das aggressive Verhalten des osmanischen Beyliks zwischen 1281 bis 1299 so populär, dass Osman und seine Männer Eingang in die byzantinischen Chroniken fanden.


Das Fürstentum der Osmanen (Osmanoğlları Beyliği) Anfang des 13. Jahrhunderts, Karte: Ottoman Club

Noch bedeutender jedoch ist die Legende vom Traum des Osman Gazi, der zu Gast beim islamischen Gelehrten Edeb Ali in Adana war: "Eines Abends, als Osman im Hause Edeb Ali`s als Gast übernachtend, zu Bette gegangen war, leuchtete ihm aus verborgener Welt das folgende Traumbild in das, von außen schlummernden, nach innen geöffnete Auge. Er sah sich und den Scheich, seinen Gastherrn, ausgestreckt liegen. Aus Edeb Ali´s Brust stieg der Mond auf, der wachsende, der sich zu Osman neigend als Vollmond in dessen Brust barg, und versank. Da wuchs aus seinen Lenden ein Baum empor, und wuchs und wuchs an Schönheit und Stärke immer größer und größer, und breitete seine Äste und Zweige aus, immer weiter und weiter, über Länder und Meere bis an den äußersten Gesichtspunkt der drei Teile der Erde seinen Schatten verbreitend. Unter demselben standen Gebirge wie der Kaukasus und der Atlas, der Taurus und der Hämus (Balkangebirge), gleichsam die vier Pfeiler des unendlichen Laubzeltes; es strömten, als die vier Flüsse dieses paradiesischen Baumes unter den Wurzeln desselben, der Tigris und der Euphrat, der Nil und die Donau hervor." (Nach Hammer-Purgstall).
Osman berichtete Edeb Ali über seinen Traum, woraufhin der Scheich sprach: "Heil dir, mein Sohn Osman! Allah der Erhabene hat dir und deinem Geschlecht Herrschertum zugedacht! Gesegnet sei es euch! Und meine Tochter Malhun ist dir zum Weibe bestimmt!" Ein anderes Zeichen, dass die osmanische Herrschaft ankündigt, ist auch die Begegnung mit einem Geier, der in Zentralasien wegen seinen großen Schwingen als Schutzvogel betrachtet wird.

Diese Legenden, die mit ihrer kaum religiösen, sondern eher politischen Tendenz an die Propaganda-Sagen der Römer aus deren Frühzeit erinnern, lenken unseren Blick auf den wesentlichen Unterschied, der zwischen der arabischen Eroberung nach dem Tode des Propheten Muhammed und dem osmanischen Vormarsch in Kleinasien heraus besteht: Zwar geschehen beide unter dem Banner des Islams, doch ist dieses im osmanischen Fall auf Weltherrschaftsträume aufgesetzt, die keine islamischen, sondern zentralasiatische Wurzeln haben. Das Haus Osman war nach diesen Vorstellungen zur Weltherrschaft berufen, und alles Land, das seine Heere und seine Rosse jemals betraten, galt ohne weiteres als sein Eigentum. Osman galt als "Gazi" (dt. Glaubenskämpfer). Doch war dies kein Widerspruch. Die Osmanen sind von Jacob Burckhardt als Usurpatoren in der islamischen Welt bezeichnet worden. Genau das waren sie auch, denn sie benutzten die traditionelle islamische Legitimation des Gazitums, um mit ihrer Hilfe dem Traum der Weltherrschaft nachzujagen, was zu jener Zeit keine Besonderheit war. So schreibt Herbert Jansky passend: "Die übereinkommende Vorstellung des Abendlandes, der hauptsächliche, ja wohlmöglich einzige Anstoß zur Entstehung und kriegerischen Erweiterung des Osmanischen Reiches sei auf religiöse Idee (also Islam) und das Streben nach seiner Verbreitung gewesen, bedarf einer Berichtigung: Die wahre ideelle Grundlage der Schaffung und des Aufstiegs des Osmanenreichs war der Glaube an die Berufung des Hause Osman zur Weltherrschaft, die Quelle aber, aus der dieser Glaube und die auf ihm beruhenden Überlieferungen flossen, war ihrem Wesen nach unislamisch." (Herbert Jansky, Handbuch der europäischen Geschichte, Band 3)

Der Traum von Osman wurde durch Scheich Edeb Ali in weite Teile Anatoliens getragen, was dazuführte, dass viele Glaubenskrieger, die sich nicht mehr den Mongolenkhanen beugen wollten, zu Osman stießen. Da das Sultanat von Rum nicht mehr weit von seinem endgültigen Untergang stand, erklärte Osman sein Fürstentum im Jahre 1299/1300 für unabhängig. Das Osmanische Reich wurde geboren.  Osman nannte sich ab sofort "Bey" (dt. Fürst) und schlug am 17. Juli 1302 die siegreiche Schlacht gegen die Byzantiner bei Koyunhisar, in der Nähe von Izmit. Ein Heer von 2000 "Osmanen", wie sich die Soldaten selbst nannten, besiegte 5000 gut ausgerüsteter Byzantiner. Dieser Erfolg schien Osmans Kriegern den Weg zu Territorien unter oströmischer Herrschaft geebnet zu haben. Sie eroberten mehrere befestigte Plätze, deren Umfeld sie verwüstet  oder die sie ausgehungert hatten. Osmans Eroberungszüge bezweckten Territorialgewinn sowie die Unterwerfung der benachbarten Oghusenstämme, welche aber nicht vernichtet, sondern in das werdende Staatswesen Osmans eingegliedert wurden. Die Hauptgegner, auf deren Kosten er sein Herrschaftsgebiet am meisten ausdehnte, waren byzantinische Provinzen und Kleinfürstentümer in Nordwest-Anatolien. Zu einer wirklich großen Konfrontation mit dem Anfang des 14. Jh. bereits arg geschwächten Byzantinischen Reich kam es jedoch noch nicht. Schon gar nicht konnte davon die Rede sein, das Osman Bey europäische Territorien besetzte. Allerdings verzeichnete Hammer-Purgstall mehrere Übergänge nach Europa. 1307 überqueren zum ersten Mal Osmanen die Dardanellen. 1321 beunruhigen osmanische Schiffe die mazedonische und thrakische Küste. In den beiden letzten Jahrzehnten der Herrschaft Osmans beteiligten sich aber an den Kriegszügen längst nicht mehr die Männer seines Stammes allein: Krieger anderer Oghusenstämme, Perser, Araber und auch Christen schlossen sich Osman an. Historisch belegt und symbolträchtig war Osmans Freundschaft und Waffenbruderschaft mit Köse Mihal, einem christlichen Burgherrn. Der Grieche hatte sich Osman schon vor 1300 angeschlossen und ihm mit Rat und Tat geholfen. Die beiden kämpften in so mancher Schlacht Seite an Seite. Noch bei der Belagerung der byzantinischen Stadt Bursa (1326), saß Köse Mihal in Osmans Kriegsrat. Dieser Berater und kluge Entwicklungshelfer der jungen osmanischen Streitmacht ist schließlich letzten Endes auch zum Islam übergetreten. Sein Wirken begründete und symbolisierte zugleich die einzigartige osmanische Tradition einer zielbewussten massiven Einbringung von Abendländern in die Heeres- und Staatsführung. Die kurz- oder langlebigen Allianzen von Osman I. hatten alles andere als einen religiös-ideologischen Charakter: Er bekriegte und unterwarf muslimische Stämme, er verbündete sich mit christlichen Burgherren und sogar mit den Machthabern in Konstantinopel. Er vergrößerte sein Reich von 4.800 km² auf 18.000 km².

Der würdige Nachfolger: Orhan I.

Nach dem Tode seines Vaters, wurde Orhan I. Bey des osmanischen Fürstentums. Er vervierfachte das Reich von 18.000 km² auf rund 75.000 km², und erweiterte es damit auf ein Territorium, das die heutige Gesamtfläche der Beneluxländer (Belgien, Niederlange u. Luxemburg) übertrifft. Er eroberte das Fürstentum Karasi in West-Anatolien, Nikaia (Iznik, 1331) und Nikomedeia (Izmit, 1337). Nach dem Tode des byzantinischen Kaisers Andronicus III. 1341 heuerte Johannes VI. Kantakuzenos serbische und türkische Söldner an, um seinen Mitkaiser Johannes V. Palaiologus zu stürzen. Ein Großteil dieser türkischen Truppen kam aus dem Fürstentum Aydin und nicht von den Osmanen, doch wurde es ihnen erlaubt, weite Gebiete Mazedoniens zu plündern, bevor sie mit reicher Beute heimkehrten. Als der nächste Kantakuzenos Hilfe benötigte, und da Aydin nach dem Tode vom Umar Bey im Niedergang war, wandte er sich an seinen direkten Nachbarn Orhan I. Bey. Mit ca. 5.500 Mann überquerten die Osmanen die Dardanellen Richtung Thrakien. Mit dieser kleinen aber schlagkräftigen Armee wurden die Feinde des byzantinischen Herrschers besiegt und er gelangte zurück auf seinen Thron in Konstantinopel. Zum Dank wurde Orhan I. die Kaisertochter Theodora versprochen. Die osmanischen Truppen, unter dem Befehl von Orhans Sohn Süleyman Paşa, bekamen die Erlaubnis zur Plünderung aller Gebiete die Johannes nicht als Kaiser anerkannten. 1349 brachte die byzantinische Flotte die osmanische Armee unter Süleyman Paşa nach Thessaloniki, um den Hafen von den Serben zurückzuerobern. 1352 schlug eine byzantinisch-osmanische Streitmacht eine Allianz aus Serben und Bulgaren unter Johannes V. bei Didimotikon. 1353 errichteten die Osmanen unter dem Befehlshaber Gazi Evrenos Bey einen Brückenkopf an den Dardanellen ein, dank der eroberten Flotte des Fürstentums Karasi. 1354 fiel Angora (Ankara) in osmanischen Besitz. Er erließ die erste Kleiderreform, nachdem alle Männer einen weißen Turban zu tragen haben, um als Osmanen erkannt zu werden. Orhan I. Bey starb 1359 in Bursa.

Sultan Murad I. Han

Nach dem Tod von Süleyman Paşa und seinem Bruder Halil, fiel die Thronfolge überraschend auf den jüngsten Sohn Murad. Vorbereitet worden war die Einkreisung von Byzanz noch unter Orhan. Murad hat dann den Kessel geschlossen und seine Wände kräftig ausgebaut: Das, was dann vom oströmischen Reich übrig blieb, war der Raum von Konstantinopel. Unter Murad I. expandierte das Osmanische Reich erstmals in Südeuropa. Die gewaltige Expansion auf dem Balkan erfolgte schrittweise, den Gesetzen kluger Umsicht folgend. Von 1371-1387 wurde Mazedonien vom Golf von Saloniki bis in die Gegend von Skopje erobert, Zentralbulgarien viel in den 1380er ebenfalls und 1385 ergab sich Sofia der osmanischen Übermacht. Das Staatsgebiet wurde dank Murads Feldzügen von 75.000 km² auf 260.000 km² verdreifacht. Einen besonders wichtigen Erfolg erzielte Murad bereits 1361 mit der Eroberung von Adrianopel, die 1365 osmanische Hauptstadt werden sollte. Adrianopel wurde in Edirne umbenannt und wurde zum Sommersitz der Sultane. 1364 besiegten 11.000 Osmanen ein serbisch-bulgarisches Heer von 20.000 Mann unweit von Adrianopel. Murad I. gründete eine neue Eliteeinheit die Janitscharen, die sich zum Rückrat der osmanischen Armee bilden sollte. Seine Ermordung 1389 auf dem Schlachtfeld von Amselfeld führte desto trotz zu einem Sieg der osmanischen Truppen. Serbien fiel somit endgültig an das Osmanische Reich.

Sultan Bayezid I. Han und die Gefangennahme bei Ankara durch Timur Lenk

Nach der Ermordung von Murad I. Han bestieg sein Sohn Bayezid I. Han den Thron. Genannt "Yildirim" (dt. "der Blitz"). 1391 kam es zur ersten systematischen Belagerung Konstantinopels. Der osmanische  Sultan bedrohte die Stadt mit einem Heerlager vor der eigenen Haustüre, sodass diese Konstantinopel komplett von der Außenwelt abschottete. Schon seit Murad I. war der Kaiser von Konstantinopel dazu verpflichtet, Getreide von den Osmanen zu kaufen, welches von den Osmanen als Tributzahlung angesehen wurde. Der Versuch eines Kreuzfahrerheeres, Konstantinopel aus den Klammern der Osmanen zu befreien, scheiterte durch den großen Sieg der Osmanen bei Nikopolis. Man geht heute davon aus, dass die Allianz der Kreuzfahrer 1396 16.000 Mann betrug und die Osmanen 15.000 Mann ins Feld schickten. Nach dem Sieg bei Nikopolis soll der Abbasiden-Kalif in Kairo dem osmanischen Fürsten den Sultanstitel verliehen haben, man geht jedoch davon aus, dass Murad I. schon während seiner Regentschaft den Titel beanspruchte und verwendete. Als auf dem Balkan wieder Ruhe einkehrte, widmete sich Bayezid Anatolien zu, wo noch andere Oghusenbeys das Sagen hatten. Er unterwarf eines nach dem anderen. Das mächtigste unter ihnen, die Karaman, wurden von Bayezid mehrmals angegriffen, aber mehrmals zurückgeschlagen.

Dschingis Khans selbsternannter Erbe, Eroberer West- und Zentralasiens, fanatischer Muslim, genialer Staatsmann und Heerführer, erbarmungslos und grausam, aber kultivierter Förderer der Wissenschaften: Das alles war Timur Lenk (1335-1405) -, der das Osmanische Reich mit einem einzigen fürchterlichen Schlag fast zerschmettert hätte. Die ehemaligen Herrscher der oghusschen Stämme in Anatolien flohen alle zu Timur und auch die Karaman sahen in Timur einen guten Verbündeten gegen die Osmanen. Zum großen Krieg aber, gab es ein grausames Vorspiel: Timur drang 1400 in osmanisches Gebiet vor und belagerte die wichtige Stadt Sivas in Zentralanatolien. Nach tapferer Verteidigung fiel Sivas. Timur befahl die Brandschatzung, Plünderung und Ermordung der dort ansässigen Bevölkerung. Mit der Besatzung geriet auch ein Sohn Bayezids, Prinz Ertuğrul, in Gefangenschaft. Timur ließ ihn drei Tage später hinrichten. Sultan Bayezid begab sich mit seinem Heer nach Anatolien, doch Timur zog früh genug ab und begab sich nach Syrien. Erst 1402 kam er wieder. In der Schlacht von Ankara am 28. Juli 1402 standen 70.000 Osmanen und Verbündete, einem Heer von 160.000 gegenüber, nicht wie vermutend, bestehend aus Mongolen, sondern auch Turkvölkern Zentralasiens, Kirgisen, Turkmenen, Kasachen, Tataren und Uiguren. Die Schlacht endete in einer totalen Katastrophe: Mitten in der Schlacht laufen anatolische Truppenverbände (ca. 5000) zum Feind über; die serbischen Vasallen kämpfen zwar tapfer, aber können die Schlacht nicht für sich entscheiden; durch langes zögern, fällt die Sultansschanze und Sultan Bayezid wurde gefangen genommen. Wäre Bayezid rechtzeitig geflohen, so hätte das Osmanische Reich die Niederlage einfach verkraften können. Aber das Staatsoberhaupt zu verlieren und somit das Reich ohne Anführer zurückzulassen, führte fast zum Ende des Reiches.


Sultan Bayezid I. Han (rechts) in Gefangenschaft bei Timur Lenk

In seiner kurzen Regentschaft (1389-1402) vergrößerte Bayezid I. das Reich von ca. 250.000 km² auf 700.000 km². Unter Bayezids Herrschaft wehte ein eisiger Wind im osmanischen Reich. Annexionen und stramme, direkte osmanische Verwaltung zog er der Praxis seiner Vorgänger, sich mit unterworfenen Emiren in Anatolien, mit christlichen Fürsten auf dem Balkan als Vasallen und mit dem eingekesselten Byzanz zu arrangieren, entschieden vor.

Die Niederlage bei Ankara führte zum Osmanischen Interregnum, indem 4 Söhne Bayezids um den Thron des Osmanischen Reich kämpfen sollten.

 

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