Charles Porion « Les Souverains venus à Paris en 1867 pour l'exposition universelle » | 6.v.l.: Sultan Abdülaziz I. Han

Weltausstellung in Paris 1867

 

Die Europareise von Sultan Abdülaziz I. Han

Die Europareise von Sultan Abdülaziz I. Han im Juli 1867 brachte eine neue Ära der diplomatischen Beziehungen, zwischen dem Osmanischen Reich und Europa, mit sich. Bis dato hatte kein osmanischer Herrscher jemals, es sei denn in der Rolle des Eroberers, die Grenzen seines Reiches überschritten. Ganz Europa sprach über die Einladung von Kaiser Napoleon III. zur Pariser Weltausstellung und über die Teilnahme des Sultans. Kaiser, Könige, Prinzen und Staatsmänner betraten und verließen die Tuilerien in Paris, aber niemand aus der Menge der gekrönten Häupter Europas erregte mehr Aufsehen als Seine Kaiserliche Majestät der Sultan des Osmanischen Reiches. Seit dem Frühjahr kursierten die seltsamsten Gerüchte durch die Herrenclubs und höheren Kreisen. Es hieß, "der Sultan fahre in einer goldenen Kutsche einher, gezogen von seinen Vasallenfürsten, und lässt seine Schuhe mit Sand aus dem Marmarameer füllen, damit seine Füße nicht durch die Berührung christlicher Erde entweiht würden." Die Gerüchte erreichten ein solches Ausmaß, dass man dem Sultan schließlich ein Gefolge von Löwen und Elefanten andichtete. Der Sultan bereiste mit Veliahd Murad Efendi, Sehzade Hamid Efendi, Sehzade Yusuf Izzeddin Efendi und Fuad Paşa, sowie vielen weiteren Delegationsmitgliedern Frankreich, England, Belgien, Deutschland und Österreich. Der 37-jährige Sultan bestrebte den Ausbau der diplomatischen Beziehungen zu den europäischen Großmächten und wollte durch den Besuch neue Ideen zur Reformierung seines Landes einholen. Anlässlich seiner Reise wurde Großwesir Mehmed Emin Ali Paşa zum Regenten bzw. zum Reichsverweser ernannt der die Amtsgeschäfte des Sultans für die Dauer der Reise übernahm.

Frankreich

Am Nachmittag des 30. Juni 1867 kam die osmanische Delegation in Paris an. Am Bahnsteig Gare de Lyon bereitete man dem Sultan einen großen Empfang, die internationale Presse drängte sich durch die Menschenmasse um den Sultan zu erreichen. Während eines Dinners in den Tuileries, traf der Sultan erstmals auf Kaiserin Eugenie, mit der er später eine sehr innige Freundschaft pflegen sollte. Einem Bericht ist zu entnehmen, dass die Kaiserin den Sultan zum lächeln brachte, als sie seinen jüngsten Sohn Yusuf Izzeddin auf ihren Schoß hob. Währenddessen erfreute sich sein Neffe, der Kronprinz Murad, großer Beliebtheit, da er mit seinem vorzüglichen Französisch die Aufmerksamkeit des Kaisers und der Adeligen gewann. Sein Bruder Abdülhamid hingegen verhielt sich ruhig, wechselte nur wenige Worte und diese Unauffälligkeit gab ihm größere Freiheit, seine Umgebung zu beobachten, um nicht die Eifersucht seines Onkels zu erregen. Der Sultan selbst fand jedoch wenig Gefallen am Besuch in Paris, auch gerade weil es Fuad Paşa nicht gelang, den Baronen der Hochfinanz soviel Geld zu entlocken, wie er es gehofft hatte. Eine Aversion fasste der Sultan gegen seinen Gastgeber, als Napoleon, um eine persönliche Note ins Gespräch zu bringen, eines Tages darauf hinzuweisen wagte, dass sie beide über ihre Großmütter miteinander verwandt seien - eine als Kompliment gedachte Bemerkung, die Sultan Abdülaziz als einen höchst plumpen Insult aufnahm.

England

Am Freitag den 5. Juli verabschiedeten sich Sultan und Kaiser in Boulogne und die osmanische Delegation reiste auf der Jacht "Reine Hortense" weiter nach London. Nachdem sie in Dover einfuhren, brachte sie ein Spezial-Zug zum Londoner Bahnhof Charing Cross. Von dort aus eskortierte die Leibgarde der Queen die Delegation zum Buckingham Palast. Dort bezog der Sultan eine Suite, wohingegen die Königin in Windsor Castle verweilte. Am Samstag lud Königin Victoria ihre Gäste zum Frühstück nach Windsor ein, wo der osmanischen Gesellschaft englische Kost vorgesetzt wurde, was für sie ein merkwürdiges Ereignis gewesen sein musste. Doch mit großer Bewunderung begrüßte Abdülaziz die Königin, die ganz in schwarzer Witwentracht die Osmanen empfing. So notierte Königin Victoria in ihr Tagebuch: "Unser orientalischer Cousin hat glänzende Augen. Er lässt sein Essen schneiden, und in meiner Gegenwart rührte er keinen Wein an." Die Briten umjubelten den Sultan, da sie in ihm immer noch einen Bundesgenossen sahen (Krimkrieg 1853-56). Am 16. Juli veranstaltete man ihm zu Ehren ein "extraordinary musical festival" im Crystal Palace, welches mit einem großen Feuerwerk endete. Anlässlich des Abends wurde das Lied "Ode to the Sultan" gespielt, welches von Zafiraki Efendi verfasst wurde. Sultan Abdülaziz spendete 1000 Pfund für den Wiederaufbau des Nordflügels des Palastes, der bei einem Brand im Dezember 1866 zerstört wurde. Nach diesem Abend im Crystal Palace wurden sie in Guildhall empfangen, ihnen wurde ein Ball im India House gegeben, eine Flottendemonstration in Spithead präsentiert und viele Dinners. Als besondere Geste verlieh Königin Victoria dem Sultan den Hosenband-Orden und während seines Aufenthalts in London bekam Abdülaziz von der Presse den Spitznamen "Löwe von London". Der Sultan war von seinem Empfang derart angenehm gerührt, bei aller Abneigung gegen Europäer von den Aufmerksamkeiten seiner Gastgeber so geschmeichelt, dass Fuad sich zum Erfolg des Besuches gratulieren konnte. Nicht nur, dass England einen guten Eindruck auf den Sultan machte, auch der Sultan machte einen guten Eindruck auf die Engländer. Bei einem Bankett in der Guildhall, zu dem er in Uniform, Ordensschmuck und Fez auf einem weißen Schimmel auftrat, ließ er es sich nicht nehmen, mittels eines Dolmetschers eine Ansprache zu halten. Seine Worte fanden bei den würdigen Kaufherrn der City, die im Osmanischen Reich einen riesigen und bislang noch kaum erschlossenen Markt für britische Waren sahen, begeisterten Widerhall. Der Sultan war zwar durch die Reformen ein großer Schuldner, aber er war es in solchem Umfang, dass er Respekt einflößte, und die erst kürzlich emittierten "Osmanischen Anleihefonds" waren in England des hohen Zinssatzes und des niedrigen Ausgabenpreises wegen sehr beliebt. Der Höhepunkt des Besuches war jedoch eine Flottenrevue vor Spithead. Der Marineliebhaber Abdülaziz fühlte sich jedoch an diesem Tage sehr unwohl, wie Königin Victoria es in ihrem Tagebuch notierte. Dieses Flottenmanöver hinterließ jedoch bei seinem Neffen Abdülhamid eine große Wirkung, eine Angst vor der mächtigen Royal Navy die ihn bis zu seinem Sturz später verfolgen sollte.

Belgien, Deutschland und Österreich

Am 26. Juli verließ die osmanische Delegation England auf der königlichen Jacht "Osborne" und reiste zurück nach Frankreich, wo sie ihre Tour nach Belgien fortsetzte. In Belgien traf Sultan Abdülaziz auf König Leopold II., in Deutschland empfing sie König Wilhelm I. von Preußen im Kurfürstlichen Schloss Koblenz. Aber auch in Wien fand ein wichtiges geschichtliches Ereignis statt, denn zum ersten Mal standen sich ein Sultan des Osmanischen Reiches und ein Nachkomme der Kaiser des Hl. Römischen Reichs Deutscher Nation gegenüber, in friedlicher Absicht. Kaiser Franz Josef empfing die Delegation herzlich in Schöbrunn und erkundigte sich täglich über das Befinden des Prinzen Abdülhamid, der wegen Krankheit nicht an den Audienzen teilnehmen konnte. Die Reise des Sultans endete mich einer großen Verabschiedung und blumengeschmückte Schiffe, brachten den Sultan und seine Begleiter Donau-abwärts zur osmanischen Grenze.

Literatur:
Nihat Karaer:
Paris, Londra, Viyana; Abdülaziz'in Avrupa Seyahati

Dokumentationen:
Avrupada Bir Sultan / TRT Arsiv Serisi 3

 

 

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