Muslim-Markt interviewt
Thomas Weiberg, Autor des Buches "Zwischen Orient
und Ostsee"
vom
1. Oktober 2009
MM: Sehr
geehrter Herr Weiberg, wie kommt man dazu, sich
intensiv mit den Tagebüchern einer Großherzogin von
Oldenburg zu beschäftigen, die dieses Jahr 140 Jahre
alt geworden wäre, was war ihre Motivation?
Weiberg: Zu
dem Thema des Buches kam ich zunächst zufällig,
entwickelte aber zunehmend Interesse und
Begeisterung an der spannenden Geschichte der
deutsch-türkischen oder besser gesagt
deutsch-osmanischen Beziehungen vor 1918. Bei den
Recherchearbeiten zu meinem Buch über die Verlobung
und Verheiratung des letzten deutschen Kaiserpaares,
also Kaiser Wilhelm II. und Kaiserin Auguste
Victoria, wurde ich auf die in Familienbesitz
befindlichen Reisetagebücher der Großherzogin
Elisabeth von Oldenburg (1869-1955) aus den Jahren
1899 und 1902 aufmerksam. Nach einer ersten
Durchsicht wurde mir schnell klar, dass ich da einen
Schatz in Händen hielt, der einem breiteren
Leserschaft zugänglich gemacht werden sollte. Als
ich dann noch einen weiteren Reisebericht von einem
ihrer Begleiter entdeckte, entschied ich mich auch
ihn zu veröffentlichen, denn er beschreibt in sehr
anschaulicher Art die schillernde Metropole Istanbul
- oder Konstantinopel, wie die Europäer ganz
unkritisch damals noch sagten - im Jahr 1902, also
vor den großen Umwälzungen, die 1909 mit der
Revolution der Jungtürken einsetzten. Damit der
heutige Leser einen Einstieg in dieses Thema findet,
habe ich zwei einleitende Kapitel geschrieben -
eines beschäftigt sich mit den deutsch-osmanischen
Beziehungen um 1900, und das andere mit Reisen
fürstlicher Frauen im Wandel der Zeit.
MM: Die
Frau scheint ja viel gereist zu sein, u.a. zu den
Kalifen der Osmanen, was können wir von ihr bisher
weniger Bekanntes über die damaligen
deutsch-osmanischen Beziehungen erfahren?
Weiberg:
Der Leser erfährt eine ganze Menge von der
Atmosphäre der deutsch-osmanischen Beziehungen vor
1918. Das deutsche Kaiserreich war als einzige
europäische Großmacht damals an einem Erhalt des
Osmanischen Reiches interessiert. Dafür waren aber
keineswegs idealistische Motive ausschlaggebend.
Deutschland sah - aus heutiger Sicht ganz modern -
das riesige Osmanische Reich als Absatzmarkt für
seine Produkte! Im Rahmen seiner Kolonialpolitik
gegen Großbritannien wollte Deutschland außerdem das
Osmanische Reich enger an sich binden, was lag
näher, als Freundschaft mit dem Sultan zu knüpfen?
So muss man diesen Fürstenbesuch 1902 verstehen, er
diente der Festigung der beiderseitigen guten
Kontakte. Politische Gespräche wurden natürlich
nicht geführt, das war dem Kaiser und seinen
Diplomaten vorbehalten, aber man lernte sich kennen,
zeigte Interesse und baute herrschende Vorurteile
ab. Anfang 1902 hatten sich die Deutschen und die
Osmanen über den Bau der Bagdad-Bahn verständigt,
dieser Vertrag bildete sicherlich den Hintergrund
für den Besuch des oldenburgischen Großherzogspaares
und seinen freundlichen Empfang in Istanbul.
MM: Und was
haben die Besucher dem Gastgeber als Geschenk
mitgebracht?
Weiberg:
Bei meiner Beschäftigung mit diesem Thema bin ich
auf sehr aufschlussreiche Kleinigkeiten gestoßen:
Die beiderseitigen Beziehungen werden auch in den
Geschenken deutlich, die man sich machte: Der Sultan
erhielt einen Elefanten aus Halbedelsteinen, der in
einer Oldenburger Werkstatt entstanden war, das
Großherzogspaar erhielt wertvolle Teppiche,
Porzellane und Seidenstoffe. Da Kaiser Wilhelm II.
gerne Birnen aß, ließ ihm Sultan Abdülhamid II.
sogar ab und an eine Kiste mit besonderen Birnen aus
den Yildiz-Gärten senden, der deutsche Kaiser
schenkte dem Sultan, mit dem er persönlich
befreundet war, einen goldenen Spazierstock, der
einem Stock des preußischen Königs Friedrich des
Großen nachgebildet war. Die Großherzogin, die eine
gute Beobachterin war, liefert uns außerdem ein sehr
genaues Bild des Sultans. Abdülhamid II. wird bis
heute in der europäischen Literatur häufig völlig
verzerrt dargestellt, er gilt als wahnsinnig,
grausam und völlig ungebildet. Großherzogin
Elisabeth schildert ihn als einen charmanten,
würdigen Mann, der sich seinen oldenburgischen
Besuchern zunehmend öffnete, je länger er sie
kennenlernte. Am Ende des Besuches stellt der
deutsche Botschafter erstaunt fest, dass noch
niemals der Sultan so heiter und offen erlebt wurde
wie bei dem Besuch des Großherzogspaares. Also hatte
man das Ziel der Reise erreicht!
MM: Was
können Muslime für Eigenarten des osmanischen
Hofzeremoniells erfahren, das zu jener Zeit ja nicht
einmal mehr äußerlich etwas mit dem Islam zu tun
hatte?
Weiberg:
Das ist richtig, der osmanische Hof hatte sich seit
etwa 1830 zunehmend europäisiert, aber dennoch
hatten sich wichtige Bestandteile erhalten, die die
Würde des Sultans als Kalif betonten. Viele
europäische Besucher berichten auch darüber. So ließ
der Sultan bis 1918 jedes Jahr die sogenannte
"Heilige Karawane" ausrüsten, die Geschenke und ein
besonderes Schreiben an den Scherifen von Mekka in
diese heilige Stadt brachte. Der Abmarsch dieser
großen Karawane von Istanbul muss ein
farbenprächtiges Schauspiel gewesen sein, bei dem
der Hof in den Augen der Europäer seinen
orientalischen Glanz entfaltete. Das gilt auch für
den bis 1918 ganz besonders pompös in Szene
gesetzten wöchentlichen Moscheebesuch des Sultans.
An diesem sogenannten "Selamlik" nahmen als
Zuschauer Tausende von Menschen teil, wobei die
europäischen Ehrengäste des Sultans eingeladen
wurden von einem speziellen Kiosk der an der Moschee
unterhalb des Yildiz-Palastes errichtet wurde, dem
Zug der Hofbeamten, Sultaninen und des Sultans zur
Hamidyie-Moschee beizuwohnen. Ein scheinbar
islamisches Merkmal war auch bis um 1920 die
Existenz des Harems, wobei der Sultan mehr Frauen
hatte, als der Prophet es erlaubte. Dieser Harem
erregte sehr die Phantasie der europäischen
Besucher, die völlig falsche Vorstellungen vom Leben
in diesem Teil des Palastes hatten. Der Leser
erfährt außerdem interessante Details des Hoflebens:
In der Gegenwart des Padischahs durfte nur
geflüstert werden, was die Großherzogin sehr
irritierte, da sie schwerhörig war. Außerdem sprach
der Sultan nur türkisch mit seinen Gästen, ihn
direkt anzusprechen war verboten, so dass immer über
einen der Minister gedolmetscht werden musste.
Allerdings verstand der Sultan sehr gut französisch.
Die Damen durften in Gegenwart des Herrschers
Zigaretten rauchen, mussten dies sogar tun, wenn er
ihnen Zigaretten anbot. In Europa wäre das damals
völlig unvorstellbar gewesen, das Rauchen galt für
Damen als total unpassend. Man erfährt aber auch
Kleinigkeiten, die sonst kaum berichtet werden: Die
Mannschaft des Schiffes, mit dem der Großherzog
gekommen war, wurde jeden Tag aus der Küche des
Sultans mit Brot, Butter, Kefir (was keiner von den
Europäern damals kannte!) und Sekt versorgt.
MM: Sind
sie sicher, dass die Schiffsmannschaft Sekt erhalten
hat? Damen als Gäste, die Zigarre rauchen müssen,
während die eigenen dutzenden Ehefrauen gar nicht
dabei sind und Sekt für die Schiffsmannschaften, gab
es denn kein Befremden der gebildeten Gäste über
solch einen merkwürdigen Islam?
Weiberg:
Die Sitte mit den Zigaretten hat die Großherzogin
doch etwas erstaunt, aber sie nahm es hin, zumal sie
offenbar auch in Deutschland rauchte, allerdings
sicherlich nicht bei offiziellen Empfängen des Hofes
in Oldenburg. Man darf nicht vergessen, dass sie
natürlich so erzogen war, dem Wunsch eines Kaisers,
als das galt ja der Sultan in Europa, zu gehorchen.
Gegenüber Kaiser Wilhelm II. war das kaum anders.
Die Großherzogin und der Adjutant des Großherzogs
sprechen beide in ihren Berichten von Sekt für die
Schiffsmannschaft, das scheint zu stimmen. Befremdet
waren sie nicht, sie nahmen es als sehr tolerante
Geste der Muslime gegenüber den Europäern, denn sie
berichten auch beide, dass ihnen bei den offiziellen
Diners an der Tafel des Sultans im Yildiz-Palast nur
Wasser serviert wurde.
MM: Was
lässt sich zum damaligen Dialog zwischen Christentum
und Islam aus den Tagebüchern herauslesen?
Weiberg:
Die Großherzogin selbst gibt im Tagebuch folgendes
Gespräch mit dem Sekretär des Sultans wieder. Jener
Sekretär, Achmat Izzat al-'Abid, kurz Izzat-Bey
genannt, war einer der wichtigsten Hofbeamten und
Politiker dieser Zeit. Dass sie selbst sehr religiös
war zeigt sich in folgendem Gespräch sehr deutlich -
und auch, dass sie dem Islam voller Achtung und ohne
Vorurteil entgegentrat. Die Großherzogin schreibt:
„Wir sprachen über
Mohamedismus und Christentum, wir sagten, dass wir
doch nur eine Geschwisterschar eines Vaters seien,
und dass dieses Gespräch doch wieder ein schlagender
Beweis für diese Wahrheit sei, denn wo sich die
Menschen vorher nie gekannt, sich nie gesehen [...],
doch auf der einen Basis des Gottesglaubens fänden,
da reichten sie sich die Hände als Geschwister, als
Kinder eines Vaters, also als Bekannte. Er [Izzat-Bey]
sagte, die Lebensaufgabe jedes Menschen sei, seine
Seele so rein Gott abzuliefern, wie er sie ihm bei
der Geburt gegeben; ich sagte unter allen Menschen
nur Liebes anzutun und nie ein Leid, und das
bestätigte er.“
MM: Wie kam es dazu, dass Selim Djem (Cem), der
Nachkomme eines Sultans, einleitende Worte zu Ihrem
Buch verfasst hat?
Weiberg: Über den "Ottoman Club", einen
osmanischen Geschichtsverein in Köln und seinen sehr
engagierten Vorsitzenden Herrn Marz habe ich Kontakt
zu Prinz Selim Djem, der in der Schweiz lebt,
aufgenommen. Der Prinz ist sehr interessiert an der
Geschichte seiner Familie und des Osmanischen
Reiches. Ich schickte ihm mein Typoskript und nach
kurzer Zeit erhielt ich die Zusage, dass er ein
Vorwort schreiben würde. Der Prinz ist dann auch als
Ehrengast auf Einladung der Herausgeber des Buches
in Oldenburg bei der Buchvorstellung dabei gewesen
und hat einen interessanten Vortrag gehalten.
MM: Wie
waren die Reaktionen auf das Buch?
Weiberg:
Die positiven Reaktionen besonders aus der Gruppe
der Menschen, die durch Herkunft oder Interesse mit
der Türkei verbunden sind, sind für mich erstaunlich
groß und freuen mich sehr. Es ist eben eine
Gelegenheit sich einen Aspekt der gemeinsamen
Geschichte zu erschließen, von dem ich bislang auch
wenig wusste, der mich aber zunehmend so
interessiert, dass ich bereits an einem neuen Buch
arbeite, dass sich mit Sultan Abdülhamid II.
befasst.
MM:
Kaiserreich und Osmanisches Reich sind beide
Geschichte. Kann man denn aus der damaligen Zeit
etwas sinnvolles für heute ableiten?
Weiberg:
Ja, natürlich kann man das. Ein Fazit aus der
gemeinsamen Geschichte muss sein, dem Gegenüber, in
diesem Fall die Türkei, als gleichberechtigt zu
akzeptieren. Als Freund darf ich auch Dinge
kritisieren oder Veränderungen anregen, aber das
muss immer mit Augenmaß geschehen - und mit dem
Bewusstsein, dass die Geschichte einen langen Atem
hat, dass es also langsam gehen kann. Das Osmanische
Reich wollte sich damals Europa ebenso annähern wie
die Türkei heute. Ob die Europäer allerdings aus
ihrem sehr fragwürdigen Verhalten von damals gelernt
haben und heute - mehr als einhundert Jahre später -
sensibler vorgehen, erscheint mir immer wieder
fraglich, wenn ich an die aktuelle Situation denke.
Als militärischer Partner war das Osmanische Reich
für Europa damals ebenso wichtig wie die Türkei
heute, wenngleich sich die Beweggründe sehr geändert
haben. Auf die große Bedeutung der
Wirtschaftspolitik bin ich ja oben schon
eingegangen, daran hat sich bis heute nichts
geändert. Allerdings hat die Türkei im Vergleich zu
dem Osmanischen Reich bedeutend an politischem und
wirtschaftlichem Gewicht gewonnen, diese Tatsache
verändert auch ihr Auftreten gegenüber den
europäischen Partnern.
Die Ende des 19. Jahrhunderts begründete,
zukunftsweisende deutsch-osmanische Freundschaft war
der Ausgangspunkt für viele deutsch-türkische
Berührungen im 20. Jahrhundert: Ich erinnere nur
daran, dass viele Juden nach 1933 in der Türkei
Aufnahme fanden, als sie in Deutschland nicht mehr
leben durften. Dazu gehörte auch Hans Poelzig, der
schon 1916 einen Entwurf für das "Haus der
Freundschaft" in Istanbul lieferte.
MM: Herr
Weiberg, wir danken für das Interview.