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Quelle: Süddeutsche Zeitung, 14. Dezember 2009
Gipfel der Erbfeinde
Treffen zwischen Osmanen und Romanows in Istanbul
An
so einer Dynastie trägt es sich nicht leicht. Vor
allem, wenn ihr Land und Volk verloren gingen. Wenn
Zar und Sultan vom Thron gestoßen, exekutiert oder
des Landes verwiesen und, vielleicht am
schmerzlichsten, nach ein paar Jahren von ihrem Volk
gar nicht vermisst werden. Die Romanows. Die
Osmanen. Namen sind das schon. Die beiden also jetzt
an einem Ort. Ein Wochenende lang. In Istanbul. Der
Topkapi-Palast. Noch so ein Name. Gehörte einmal den
Osmanen. Ist auch schon fast ein Jahrhundert her.
Wir eilen die Gänge entlang, ein einsamer Flurfeger
in Sicht. "Verzeihung, hier muss doch eben eine
Gruppe durchgekommen sein . . . Mitglieder der
Familien Romanow und Osman." Ein müder Blick.
"Romanows? Osmanen? Hä? Ich putze hier bloß."
"Rette sich wer kann, meine Liebe"
Ein paar Minuten später haben wir sie eingeholt. In
der Kammer mit den Reliquien des Propheten Mohammed.
Großfürstin Maria bewundert den Mantel und das in
einem Glas fein aufgezogene Barthaar des Propheten.
Ehrfüchtige Stille. Auf dem Weg war uns Hanzade
Sultan entgegengeeilt, eine Enkelin des letzten
Sultans (bei Frauen steht der Titel "Sultan" hinter
dem Namen). Beim Vorübergehen hatte die Flüchtende
ihrer Begleiterin zugeraunt: "Rette sich wer kann,
meine Liebe." Maria Wladimirowna Romanowa. Bei der
Pressekonferenz gibt sich die Großfürstin alle Mühe.
Sie fühle sich glücklich ob des Empfangs durch die
Mitglieder des Hauses Osman. "Solche Treffen sind
wichtig. Ein Land ohne Geschichte kann nicht in die
Zukunft schreiten." Einer der osmanischen Prinzen
ergreift das Wort: Er sagt, auch er empfinde heute
große Ehre. "Weil ich Professor Ilber Ortayli
kennenlernen darf".
Ilber Ortayli sitzt in der Mitte. Er ist heute der
Herr des Topkapi-Palastes, sein Direktor. Und so
viel mehr. Ortayli ist der große alte Herr und Star
der türkischen Historiker. Kein Osmane, aber
irgendwie adoptiert. Der zweite osmanische Prinz,
bewundernd: "Er ist unser Augapfel." Dann spricht
der Hausherr selbst. An die Großfürstin gewandt sagt
Ilber Ortayli: "Den Besuch als eine Ehre für unseren
Palast zu bezeichnen wäre zwar zu viel gesagt" - die
vier Journalisten, die gekommen sind, halten den
Atem an - "aber wir freuen uns." Es war wohl nicht
zu erwarten, dass nach so viel unguter Zeit zwischen
den beiden Herrscherhäusern sofort die Liebe vom
Himmel regnet. Aber bis zum großen Ball am Abend
sind es ja noch ein paar Stunden. Das russische
Zarenreich und der osmanische Sultansstaat.
Praktisch vom ersten Augenblick an haben die beiden
sich aneinander gerieben. Intrigen, Kriege,
Eroberungen: Die Osmanen waren auf ihrem Höhepunkt
angelangt, als die Russen gerade begannen, ihr Reich
zu formen. 1783 verloren die Osmanen die Krim, am
Ende ganze Teile Anatoliens an die Armeen der
Romanows. Es wuchs eine Erbfeindschaft, dem Konflikt
zwischen Deutschen und Franzosen nicht unähnlich.
Hinter aller Unbill witterten die Osmanen
schließlich "Moskof", unter jedem Stein vermuteten
sie den russischen Teufel. Den Zar Peter den Großen,
Russlands großen Reformer, taten sie ab als "Deli
Petro", als "verrückten Peter", statt ihm
nachzueifern bei der Modernisierung ihres Landes. Am
Ende erwischte es beide. Der letzte Sultan Vahdettin
kam zwar nicht vors Erschießungskommando wie Zar
Nikolaus II, aber auch seine Familie zerstreute es,
1924 des Landes verwiesen, in alle Winde. Erst 1992
durfte wieder ein osmanischer Prinz türkischen Boden
betreten. Und Kronprinz Osman Ertugrul erhielt erst
2004 einen türkischen Pass. Immerhin: Als er diesen
September starb, erlaubte die Regierung sein
Begräbnis in Istanbul. Die Osmanen heute sind,
gemessen am Hochadel anderswo, eine bescheidene
Familie. Die türkische Republik war erstaunlich
erfolgreich darin, die Erinnerung an ihre Vorgänger
auszulöschen. In gewissem Sinne war Osman Ertugrul
der letzte Osmane. Nach seinem Tod im September trat
die bald 90-jährige Neslisah Sultan vor die Presse
und erklärte die Dynastie für tot: "Wir sind nur
mehr eine normale Familie".
Im Palast geboren
Das Wort der Prinzessin Neslisah hat besonderes
Gewicht: Sie ist die letzte lebende Osmanin, die
noch im Palast geboren wurde. Frauen aber durften
bei den Osmanen nie auf den Thron. "Die meisten
Türken haben ihre Osmanen ohnehin schon vergessen",
sagt Erkan Murat. "Wir Türken lesen keine
Geschichtsbücher." Erkan Murat macht Geschäfte mit
Russland. Bau. Tourismus. Er hat den großen Ball
organisiert. "Es ist ein historischer Moment", sagt
er. "Zum ersten Mal in der Geschichte treffen sich
die beiden Familien offiziell."
Der Ball. Im russischen Konsulat. Erbaut 1845.
Großer Spiegelsaal. Livrierte Diener mit Perücke.
Man feiert den Geburtstag des Dichters Puschkin.
"Ein großer Freund des Orients", sagt Organisator
Murat. Man feiert aber vor allem Großfürstin Maria.
Oder vielmehr "Ihre Majestät, Großfürstin Maria
Wladimirowna Romanowa, Oberhaupt des Herrscherhauses
des russischen Reiches". So wird sie ausgerufen, so
steht das auf der Speisekarte. Zuerst aber schwebt
die Großfürstin ein, ihre imposante Erscheinung ganz
in türkise Seide gehüllt. Zwei Hofdamen an ihrer
Seite, das Dekolleté historisierend eingerahmt. Die
Gäste stehen Spalier. Die Großfürstin lebt in
Spanien und Frankreich. Natürlich stellen ihr andere
Familienzweige nach mit wütenden Erklärungen, dass
sie sich keinesfalls von ihr vertreten fühlten.
Maria Wladimirowna hat aber, anders als die Osmanen,
nie einen Zweifel daran gelassen, dass sie bereit
steht, "dem Ruf des Volkes Folge zu leisten". So
steht das tapfer auf ihrer Webseite, die als letzte
Amtshandlung die Verleihung des "Reichsmilitärordens
erster Klasse" an den AK-47-Erfinder Michail
Kalaschnikow anlässlich dessen 90. Geburtstag
vermeldet.
Edel sind auch die Sponsoren
Wie sich herausstellt, ist der Großfürstin
Anwesenheit nicht nur getragen vom hehren Ziel der
türkisch-russischen Versöhnung, sondern auch vom
guten Willen einer Reihe zahlungskräftiger Firmen,
die sie in ihrer Ansprache pflichtbewusst
herunterbetet, bevor sie dann in vollendeter Demut
die Reden der Sponsoren über sich ergehen lässt. Ab
und an ein ergebenes Nicken, das die Geschmeide an
ihren Ohren erzittern lässt. Der Saal dankt den
Herren ihren Edelmut derweil mit großzügigem Genuss
des von ihnen finanzierten Champagners, und
spätestens als das aus Moskau eingeflogene Orchester
loslegt und ein russischer Ballettengel den Prinzen
Osman zum Walzer nötigt, kann der Ball beginnen.
Es ist ein eigenartiges Fest, ein Ding zwischen
Staatsakt und Kostümball. Es wird Monarchie
gespielt, aber so richtig historisch ist nur wenigen
zumute. Ja, es gibt Kronleuchter aus der Zarenzeit
und Frauen, die ihrem Dekolleté mit chinesischen
Fächern Kühlung zuwedeln; es gibt livrierte Diener,
Pfauenfedern im Haar und Balalaikas auf der Bühne.
Es gibt aber auch Schaschlikspieße mit Ketchup,
hautenge Paillettenkleider zu hüfthohen
Lackstiefeln, eine Menge Tattoos auf den
freigelegten Schulterblättern und fröhliches Johlen
und Kreischen, wenn die Kapelle zum Kosakentanz
aufspielt. Das Abendessen ist, nun ja, russisch. Die
Kapelle spielt "Doktor Schiwago". Unser Tischnachbar
ist Alexander Zakatow, Direktor des Kabinetts der
Großfürstin, ein junger, freundlicher Mann. Er
schwärmt von Konstantinopel, der heiligen Stadt, von
der aus die byzantinischen Mönche Kyrill und Method
den Slawen den orthodoxen Glauben gebracht hatten.
Eine große Familie
Ja, sagt er, natürlich glaube er an die Wiederkehr
der Monarchie: "Die Geschichte verläuft in Zyklen,
alles kehrt einmal zurück. Im Moment merken die
Leute schon, dass die Republik nicht die ideale
Staatsform ist. Es herrscht Krise, die Menschen
sehnen sich nach Tradition." In der Monarchie seien
Staat und Volk eine große Familie, anders als in der
Republik. "Wie sagt unsere Großfürstin immer: Kein
Mensch wird seine Familie durch seine Firma ersetzen
wollen". Die Romanowa ist noch immer mit ergebenem
Lächeln beschäftigt: Ein Gast nach dem anderen
zwängt sich grinsend neben sie und lässt sich vom
winkenden Partner knipsen. Die Souvenirfürstin. Auf
der Tanzfläche drehen sich derweil nicht mehr ganz
standfest die kostümierten Saaldiener im Kreis, die
eine Hand am eifrig nachgefüllten Champagnerglas,
mit der anderen die Schweißtropfen unter der Perücke
wegwischend, auch sie einander feixend
fotografierend. Zuletzt spielt die Kapelle auf zur
Polonaise, "Freundschaft!" befiehlt die
Zeremonienmeisterin, die Menschen zerren aneinander,
die Kapelle legt an Tempo zu, bis der Wurm sich
unter jauchzenden Zuckungen auflöst und mitten drin,
nun auch schon 69 Jahre alt, Prinz Osman Selahattin
Osmanoglu, mit vor Vergnügen hochrotem Gesicht. Die
Großfürstin ist da schon gegangen.
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Teil 1
und
Teil 2
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