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Osmanen in Kashgar (Xinjiang/China)

von Rasim Marz

Jenseits des Himalayas und des großen Kunlun, dort wo die alten Handelsrouten der Seidenstraße aufeinandertrafen, wo das Uigurische das Chinesische längt abgelöst hat, liegt die Wiege der islamischen Zivilisation Asiens - Kashgar. Die heimliche Hauptstadt der Uiguren, die in der chinesischen Provinz Xinjiang liegt, hat bis heute ihren Drang nach Unabhängigkeit nicht verloren. Der Konflikt zwischen den Uiguren in Ost-Turkestan und den Chinesen reicht weit in die Geschichte zurück. Das Osmanische Reich unterstützte Kashgar gegen die chinesische Expansion - 4000 Kilometer von der Hohen Pforte in Konstantinopel entfernt. 1864 kam es in Turkestan zu muslimischen Aufständen gegen das Qing-China. 1865 stürzte der tadschikische Befehlshaber Muhammad Yakub Bey (auch Yaqub Beg genannt) die Dynastie der Makhdumzada-Hodschas und gründete das Djety-Shahr-Reich im südwestlichen Ost-Turkestan. Der selbsternannte Glaubenskrieger (Gâzi) stand einst im Dienst des Khanats von Kokand, einem Vasallen Chinas. Der erste Kontakt zum Osmanischen Reich wurde durch Yakub's Neffen, Sayyid Yaqub Khan, hergestellt. Als Sondergesandter wurde er von General Alim Quli, Regent des Khanats von Kokand, 1865 nach Konstantinopel geschickt, um beim osmanischen Sultan Abdülâziz I. Hân für Unterstützung zu werben. Kurz vor seiner Abreise stirbt Alim Quli was die Mission fast zum erliegen gebracht hätte. Doch Sayyid Yaqub reiste nach Konstantinopel, wo die Aktivitäten Yakub Bey's in Zentralasien auf großes Interesse stießen, und erhielt beim osmanischen Sultan eine Audienz. Sultan Abdülâziz I. Hân versicherte Sayyid Yaqub, dass das Osmanische Reich die Muslime in Zentralasien in jedem Fall unterstützen werde. Er überreichte ihm zwei kaiserliche Grußbotschaften (Nâme-î Hümâyun) sowie zwei Osmani-Orden für Yakub Bey und Hüdayar Khan, dem Herrscher von Kokand. Die osmanische Regierung teilte dem Sondergesandten mit, dass sie neben Waffen auch Uniformen bereitstellen würden.[1] 1869 berichtete Sayyid Yaqub, "dass obwohl die Russen Fergana besetzten, sich viele Muslime im Land des chinesischen Kaisers erhoben und das Ziel, den Islam zu verbreiten und zum Sieg zu verhelfen, erreichten. Als Seine Majestät der Kalif [Sultan Abdülâziz I. Hân] diese Nachrichten hörte, erließ er einen Befehl, nach dem Ende des rituellen Gebets für die Muslime des Ostens, die den Islam verbreiten, ein Gebet für deren Unterstützung zu sprechen. Er selbst betet für die Muslime des Ostens als Erster vor allen Anderen." Sayyid Yaqub schlug Yakub Bey vor, dass Kashgar sich unter die Suzeränität der Osmanen stellen sollte: "Seid der Gründung des Osmanischen Reiches, dem Kalifat von Rum und Beschützer der Muslime, haben die Muslime dieser Erde immer wieder zu diesem Reich hoch geschaut. Der Kalif ist erfreut und betet für unseren Erfolg! Und wenn er von unseren Niederlagen hört, ist er bekümmert und wird unglücklich und betet für unseren Sieg. Welche Nachrichten er auch von den Muslimen hört, er schreibt sie sich auf ein Dokument und macht sie bekannt. Dieses Land [Kashgar] gehört Eurer Hoheit [Yakub Bey] und es ist erforderlich und ebenso verpflichtend für Euch, den Kalifen zu informieren."[2] Yakub Bey entsandte Sayyid Yaqub daraufhin nach Konstantinopel. Im Mai 1873 erreichte Sayyid Yaqub die osmanische Hauptstadt und erhielt beim osmanischen Sultan eine Audienz.[3] Der Sultan erklärte sich bereit die Suzeränität über Kashgar anzunehmen und das zentralasiatische Land als Teil des Osmanischen Reiches anzuerkennen. In einem feierlichen Akt überreichte der Sultan dem Gesandten am 16. Juni 1873 den Mecidiye-Orden Erster Klasse und ein Schwert im Wert von 20.000 Kuruş für Yakub Bey, "dem Herrscher (Hakim) von Kashgar." Sayyid Yaqub bekam den Mecidiye-Orden Zweiter Klasse verliehen und ein Reisegeschenk von 10.000 Kuruş.[4] Im August 1873 übermittelte die osmanische Regierung eine Antwort auf das Schreiben von Yakub Bey, in dem Unterstützung zugesagt wurde. Neben vier osmanischen Offizieren und einem Beamten des Innenministeriums wurden sechs Kanonen, 1000 Gewehre älteren- und 200 Gewehre modernen Typs nach Kashgar entsandt. Während seines Aufenthalts in Konstantinopel traf sich Sayyid Yaqub Khan mit führenden Intellektuellen in der Residenz des osmanischen Politikers und späteren Großwesirs Ahmed Vefik Paşa. Neben Vertretern der Politik empfing Sayyid Yusuf auch Vertreter der Sufi-Orden, u.a. von der Uzbek Tekke des Nakşibendi-Ordens.[5] Er verließ mit der Gesandtschaft die Hauptstadt am 14. August 1873. Nach seiner Ankunft in Kashgar fand eine außergewöhnliche Prozession statt: im Mausoleum des islamischen Gelehrten Afaq Khoja übergab Sayyid Yaqub feierlich das Schwert und den Orden des Sultans an Yakub Bey. Es wurden hundert Salutschüsse abgegeben und eine Militärparade aufgehalten. Yakub Bey, nunmehr "Befehlshaber der Gläubigen" (Amir al-muminin), veranlasste, dass in allen Moscheen seines Reiches der Name von Sultan Abdülâziz I. Hân ins Freitagsgebet einbezogen und die Münzen mit seinem großherrlichen Namen geprägt werden. Er erklärte fortan sich in die Dienste des osmanischen Sultan-Kalifen zu stellen.[6] Am 23. April 1875 erfolgte die zweite offizielle Reise Sayyid Yakubs nach Konstantinopel zur Überbringung einer Dankesbotschaft von Yakub Bey. In einem Brief, der für den Sultan ins Osmanische übersetzt wurde, listete Sayyid Yaqub auf, welche Veränderungen nach der Übernahme der Suzeränität durch die Osmanen unternommen wurden. Dazu gehörten neben der namentlichen Nennung im Freitagsgebet (Khutba) und der Münzprägung auch die Hissung der osmanischen Flagge in Kashgar. Yakub Bey schwor in seinem Brief, "die Gunst des Sultans bis zum Endes seines Lebens nicht zu vergessen und jeden Befehl auszuführen der ihm auferlegt werden würde." Die Muslime Zentralasiens "wenden ihren Geist und Körper zum Sultan und wünschen sich nichts sehnlicheres als unter ihrem Kalifen vereinigt zu werden."[7]

"Abdülâziz Hân, mit seinem Zepter der rechtschaffenen Gerichtsbarkeit, gehört der kaiserliche Besitz aller Herrscher auf Erden. Der Beweis findet sich im Land von Kashgar. Denn die Khutba und die Münzen werden in seinem Namen gemacht."[8]

Goldmünze mit der Prägung des Sultans Abdülaziz I. Hân (1290 AH)

Die Gesandtschaft aus Kashgar erhielt vom Sultan mehrere kostbare Geschenke. Darunter ein wertvoller Dolch, 2000 Gewehre, sechs Kanonen, eine wertvolle Standuhr mit der Insignie des Sultans, ein Zeremoniengewand sowie 500 gedruckte Korane. Yakub Bey bat den Sultan über die Thronfolgeregelung in Kashgar zu entscheiden. Am 17. August 1875 stellte der Sultan ein kaiserliches Edikt aus, das er Sayyid Yusuf übergab. In diesem Edikt bestimmte der Sultan den ältesten Sohn Yakub Beys, Beg Quli, beim Ableben seines Vaters zum Nachfolger. In dem Edik stellter der osmanische Sultan jedoch drei Bedingungen: 1. Im Namen des Sultans werden weiterhin die Khutba gehalten und Münzen geprägt. 2. Die Farbe und Form der osmanische Flagge darf nicht geändert werden und 3. darf Yakub Bey keine unnötigen Konflikte mit seinen Nachbarländern führen.[9] Yakub Bey nahm die Bedingungen an. Osmanische Offiziere bildeten währenddessen in Kashgar und Ush Turfan die Soldaten Yakub Beys aus, die sie auch beim chinesischen Überfall auf Kashgar (1877) persönlich anführten. Den Offizieren unterstanden undisziplinierte Soldaten, die sich weigerten sich militärischen Neuerungen zu unterwerfen. So kritisierte Ismail Hakki Efendi die Zustände wie folgt: "Der osmanische Sultan, Gottes Schatten auf Erden, hat uns hierher geschickt um euch zu unterstützen und unser Bestes für eure Erziehung und Reformierung der Armee zu geben. Wir sind darum bemüht und entschlossen den Islam mit Seele und Körper zu dienen, aber ab diesem Tag ziehen wir uns ins Haus zurück und werden nichts Dergleichen tun. Wenn wir uns nicht verpflichtet fühlten den Islam zu stärken, so würden wir wieder in unser Land zurückkehren." 10.000 Mann, unter dem Befehl von Yakub Bey und seinen osmanischen Offizieren, standen einer chinesischen Armee aus ca. 30.-40.000 Mann gegenüber. Aufgrund der mangelnden Disziplin der Soldaten, wurden die Kashgarier vernichtend geschlagen. Yakub Bey starb zur gleichen Zeit unter mysteriösen Umständen, die osmanischen Offiziere gerieten mit weiteren tausend Soldaten in chinesische Gefangenschaft. Nach fünfmonatiger Haft konnten sie nach Konstantinopel zurückkehren. Das Reich des Yakub Bey wurde durch die Chinesen besetzt und endgültig dem Qing-Reich einverleibt. Der älteste Sohn Beg Quli flüchtete mit einigen Getreuen in die Berge. Er verfasste eine Bittschrift an den Sultan, in dem er Unterstützung für die Wiederherstellung seiner Autorität ersuchte. Aus Konstantinopel erfolgte jedoch keine Antwort.[10] 1880 begab sich Beg Quli höchstselbst nach Konstantinopel und ließ Sultan Abdülhamid II. Hân eine lange Petition von einem kashgarischen Offizier überbringen, in der er nochmals Unterstützung für einen bewaffneten Kampf gegen die Chinesen ersuchte und auf sein von Sultan Abdülaziz gegebenes Recht plädierte. Beg Quli wartete vergeblich auf eine Audienz und verließ 1881 schließlich das Osmanische Reich.[11]

Fazit und Nachwirkung

Der "Fall Kashgar" kann als Paradebeispiel für panislamische Unternehmungen des Osmanischen Reiches in Asien genommen und als Vorläufer der panislamischen Ära des Sultans Abdülhamid II. Hân (1878-1908) angesehen werden. Die Unterstützung der zentralasiatischen Muslime verfolgte mehrere Ziele: 1. Den Machtbereich des osmanischen Sultans als Kalifen, als Oberhaupt aller Muslime, zu vergrößern und seinen Einfluss dort zu festigen. 2. Einen Bündnispartner gegen den Erzfeind Russland zu finden und 3. den Islam in weite Teile Chinas zu tragen, um sowohl die Religion als auch das Prestige der Osmanen zu mehren (siehe Punkt 1). Über die Existenz von zentralasiatischen Muslimen wusste man -laut dem zeitgenössischen Schriftsteller Namık Kemal- bis in die 1870er nichts.[12] Die Gruppe der Jungosmanen (zu denen N. Kemal gehörte) engagierte sich aktiv für deren Unterstützung. Es bildete sich der panislamische Gedanke zur Einheit der Muslime (Ittifak-i Islam), die vom osmanischen Sultan-Kalifen regiert werden sollten. Die nahezu propagandistischen Aufrufe der Liberalen endeten in maßlosen Übertreibungen. So kursierten in der osmanischen Presse mehrere Artikel, die von einem Aufstand von "16 Millionen Muslimen gegen die chinesische Herrschaft" berichteten. Yakub Bey sollte sogar Anführer von "20 Millionen Muslimen" gewesen sein.[13] Unterstützt wurde Yakub Bey auch von Großbritannien. Da sich das britische Empire durch seine asiatischen Kolonien näher an Kashgar befand als das weitentfernte Reich des Sultans, beschloss man auch dort militärische Unterstützung zu suchen. Da sich das Osmanische Reich und Großbritannien zu dieser Zeit als Verbündete gegen die russische Expansion betrachteten (seit dem Krimkrieg von 1853), erteilte der Sultan seine Zustimmung bei der Kontaktaufnahme mit den Briten in Indien. Als das Osmanische Reich 1875 seinen Staatsbankrott erklärt und Sultan Abdülâziz ein Jahr darauf abgesetzt und ermordet wird, gerät der Fall Kashgar ins Abseits. Der Tod von Yakub Bey, die chinesische Okkupation Kashgars sowie die katastrophale Niederlage des Osmanischen Reiches im Russisch-Osmanischen Krieg von 1877-1878 versetzten dem panislamischen Gedanken in Zentralasien den Todesstoß. Obwohl die osmanische Regierung danach nie wieder die diplomatischen Beziehungen nach Ostturkestan wiederherstellte, ist die kurze osmanische Periode (1873-1877) bis heute fest in die Unabhängigkeitsgeschichte des Landes verankert. 1933 führte die Regierung der "Türkisch Islamischen Republik Ostturkestan", die nur wenige Monate Bestand hatte, in ihrer Flagge das großherrliche Emblem von Sultan Abdülaziz.

Vertreter der turkestanischen Regierung in Kashgar. Im Hintergrund die großherrliche Tuğra des osmanischen Sultans Abdülâziz I. Hân (1861-1876)

Quellen
[1] Irade Hariciye, no. 13785, Başbakanlık Develet Arşivleri Genel Müdürlüğü: Osmalı devleti ile Kafkasya, Türkistan ve Kırım Hanlıkları arasındaki münasebetlere dair arşiv belgeleri (1687–1908), Ankara 1992, vgl. Mehmet Saray: Rus İşgali Devrinde Osmanlı Devleti ile Türkistan Hanlıkları Arasındaki Siyasi Münasebetler (1775 - 1875), Ankara 1994, S. 70-71
[2] Hodong Kim: Holy War in China: The Muslim Rebellion and State in Chinese Central Asia, 1864-1877, Stanford 2004, S. 148 zit. n. Enver Baytur
[3] Irade Dahiliye, No. 46454
[4] Irade Dahiliye, No. 15524
[5] Saray, S. 86
[6] Kim, S. 153
[7] Rana von Mende-Altayli: Die Beziehungen des Osmanischen Reiches zu Kashgar und seinem Herrscher Yakub Beg, Bloomington 1999, S. 50–51.
[8] Ismail Aka/C. Telci/Mehmed Âtıf: Kaşgar Tarihi Bâis-i Hayret Ahvâl-i Garibesi, Kırıkkale 1998, S. 386-387
[9] Irade Dahiliye, No. 49426 vgl. Saray, S. 105.
[10] Kemal Karpat: Yakub Bey’s Relations with the Ottoman Sultans: A Reinterpretation, 1991, S. 26
[11] Aka, Telci, Atif, S. 457
[12] Åžerif Mardin: The Genesis of Young Ottoman Thought, Princeton 1962, S. 60
[13] Aka, Telci, Atif, S. 366
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