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Sturz und Ermordung von Sultan Abdülâziz I. Hân

Im Winter 1875/76 nahm Midhat Paşa Kontakt zu Gruppen auf deren erklärtes Ziel die Absetzung des Großwesirs war. In der Opposition gegen Mahmud Nedim schlossen sich Menschen verschiedenster politischer Lager zusammen, wie es die osmanische Geschichte bis dato noch nicht kannte: in den vorderen Reihen protestierten die Theologiestudenten (Softas), die durch die höhere Geistlichkeit (Ulemâ) unterstützt wurden. Ihnen schlossen sich die Jungosmanen der Reformpartei an sowie die Alttürken des konservativen Lagers. Sie alle sahen in der Politik des Großwesirs die Existenz des Osmanischen Reiches gefährdet und schlossen während ihrer Proteste einen politischen Waffenstillstand der selbst die Frage nach einer Konstitution vorübergehend kalt stellte. Am 9. März 1876 verfasste Midhat Paşa das "Manifest muslimischer Patrioten" (Manifesto of the Muslim Patriots), das durch seinen armenischen Sekretär Odian Efendi an die Regierungen der europäischen Großmächte geschickt und in Konstantinopel unter einem Anonymus in der Presse veröffentlicht wurde. In seinem Manifest forderte er den Rücktritt von Mahmud Nedim, die Einberufung eines freien Parlaments und die Einführung einer Konstitution.[17] Als im April in Bulgarien ein separatistischer Aufstand gegen die Hohe Pforte ausbricht, entsendet die Regierung Truppen gegen die Revolutionäre. Als in Europa von einem Überfall der "Barbaren über die Bulgaren" und angeblicher Gräueltaten gesprochen wird, lässt der Großwesir osmanische Offiziere disziplinarisch maßregeln und bestrafen. Hierdurch musste notwendigerweise der Eindruck entstehen, dass die Schuld für die Ereignisse auf osmanischer Seite lag und somit ihre Regierung verantwortlich war.[18] Unter dem Einfluss von Ignatjew beschloss Großwesir Mahmud Nedim Paşa am 13. April 1876 die Zinszahlung für die Auslandskredite komplett einzustellen, was diese endgültig vernichtete. Die Unzufriedenheit der Bevölkerung erreichte Ende April ihren Höhepunkt, als neue Flüchtlingswellen aus Bulgarien nach Konstantinopel strömten und die Lebensmittelpreise anstiegen. Am 9. Mai 1876 forderten tausende Theologiestudenten (Softas) während einer Großdemonstration in Konstantinopel die Absetzung von Mahmud Nedim und die Rückkehr Mütercim Mehmed Rüşdi Paşa's. Sultan Abdülaziz verbannte seinen Günstling am 12. Mai 1876 auf die Insel Chios und ernannte Mütercim Mehmed Rüşdi Paşa zu seinem Nachfolger. Im neuen Kabinett waren u.a. vertreten:

Mütercim Mehmed Rüşdi Paşa - Großwesir Midhat Paşa - Minister ohne Portfolio Hüseyin Avni Paşa - Kriegsminister Süleyman Hüsnü Paşa - Polizeiminister

Kronprinz Murad Efendi

Mahmud Nedim Paşa war verbannt worden und eine neue Regierung aus den Reihen der Reformpartei und der Alttürken trat an seine Stelle. Doch Midhat Paşa befürchtete eine Rückkehr des verhassten Großwesirs, dessen Rache für die Reformisten ein schlimmes Ende bereiten würde und sah nur in der Absetzung des Sultans selbst die Lösung. Gleichzeitig planten der Kriegsminister Hüseyin Avni Paşa, der Polizeiminister Süleyman Hüsnü Paşa und der Marineminister Kayserili Ahmed Paşa einen Staatsstreich. Midhat Paşa wurde in die Pläne eingeweiht und kontaktierte Kronprinz Murad, der in der Thronfolge an zweiter Stelle stand. Kronprinz Murad residierte in einer Villa auf der Insel Büyükada, die zur Gruppe der "Prinzeninseln" gehört. Sein Onkel, der Sultan, lehnte den Kronprinz aufgrund seiner liberalen Ideen ab und sagte über ihn, dass "das Osmanische Reich einen Mann [als Sultan] und keinen Musiker brauche."[19] Trotz der gegenseitigen Ablehnung ließ Abdülaziz seinen Neffen nicht unter Aufsicht stellen, so dass der Kronprinz auch mit europäischen Herrschern und Würdenträgern in Kontakt stand und ein Leben außerhalb des Palastes führen konnte. Diese "Geste" des Sultans lässt sich aus der besonders starken Bindung zu seinem verstorbenen Bruder und Vorgänger, Sultan Abdülmecid I. Hân, erklären, dem er noch auf dem Sterbebett schwor sich seiner Kinder anzunehmen.[20] Midhat Paşa sah im Kronprinzen einen geeigneten Verbündeten um Abdülaziz zu stürzen und dem Osmanischen Reich eine liberale Verfassung zu geben. Midhat Paşa brach mit einem Brief des Großwesirs Rüşdi Paşa zur Residenz des Kronprinzen auf und informierte ihn über die geplante Absetzung seines Onkels. Murad erklärte sich bereit eine Verfassung zu unterstützen und neue Reformen einzuleiten, sollte er Sultan werden. Ob Murads jüngerer Bruder Hamid Efendi (der spätere Sultan Abdülhamid II.) an den Treffen teilnahm ist nicht bekannt, jedoch wusste er durch Midhat Paşa von den Plänen.[21] Nachdem der Kronprinz für den Staatsstreich gewonnen wurde, begann Midhat Paşa auch im Palast, im engsten Kreis des Sultans, Unterstützer für seinen Plan zu finden. So erklärten sich die zwei Schwäger des Sultans, Damad Mahmud Celâleddin Paşa und Damad Nuri Paşa, bereit, Midhat bei der Absetzung zu helfen, wenn ihnen dafür im Gegenzug hohe Staatsposten verliehen würden. Um einen unblutigen Sturz herbeizuführen musste Midhat Paşa auch den Palastkommandanten für die Sache gewinnen, damit die Palastgarden den Staatsstreich nicht vereiteln würden. Der Palastkommandant war der älteste Sohn des Sultans - Prinz Yusuf Izzeddîn Efendi. Für Midhat Paşa war es wohl die schwerste Hürde die er zu meistern hatte, doch wusste er wo die Differenzen zwischen Vater und Sohn lagen und nutzte diese geschickt aus. Midhat wusste von der Liebe zu einer Haremsfrau des Sultans und gab Yusuf sein Versprechen, dass er sie ehelichen dürfe. Weiterhin würde Midhat das Thronfolgegesetz durch die neue Verfassung ändern lassen, damit die Erstgeborenen (Yusuf Izzeddin) den Thron besteigen könnten. Der Verrat am Vater war somit perfekt. Der Staatsstreich sollte in der Nacht vom 29. auf den 30. Mai stattfinden. Zuvor erschienen Großwesir Mütercim Mehmed Rüşdi Paşa und Kriegsminister Hüseyin Avni Paşa zu einer Audienz beim Sultan und forderten angesichts der Lage des Osmanischen Reiches grundlegende Reformen, da sonst sein Thron in Gefahr wäre. Der Sultan brach in Wut aus, beschimpfte seine Minister als Verräter und drohte ihnen mit dem Tode.[22] Die Minister verließen den Audienzsaal und machten sich daran aus den Umsturzplänen vollendete Tatsachen zu machen. Währenddessen begab sich Midhat Paşa zum Sitz des Şeyh-ül islams Hasan Hayrullâh Efendi um ein islamisches Gutachten (Fatwâ) ausstellen zu lassen, das den Sturz des Sultans religiös legitimieren sollte. Am Abend des 29. Mai stattete Midhat Paşa dem Sultan einen letzten Besuch ab.[23] Der Inhalt dieses Gesprächs ist nicht überliefert. Mit der einbrechenden Dunkelheit begannen die Verschwörer ihre Tat umzusetzen: Kriegsminister Hüseyin Avni Paşa setzte zwei Bataillone der osmanischen Armee in Marsch. Ihr Ziel war der Dolmabahçe Palast. Marineminister Kayserili Ahmed Paşa gab der osmanischen Panzerflotte den Befehl zu einem Seemanöver im Bosporus. Er selbst ging an Bord der Aziziye, dem Lieblingsschiff des Sultans. Die Absperrung von der Land- und Seeseite war somit gesichert. Polizeiminister Süleyman Hüsnü Paşa ließ die Kadetten der Militärschule nächtlich bewaffnen und zum Palast heranrücken. Die Kanonen des Kriegsministeriums wurden auf Befehl des Kriegsministers in die Richtung des Dolmabahçe Palastes gedreht. Zur gleichen Zeit schiffte sich Midhat Paşa auf die Insel Büyükada ein, um den Kronprinzen Murad für die bevorstehende Thronbesteigung abzuholen. Als der Kronprinz geweckt und über die Absetzung des Sultans informiert wird, hält er dies für eine Falle seines Onkels. Murad schrie Midhat an: "Lasst meinen Onkel in Ruhe!" Aus Angst vor Meuchelmord brach der Kronprinz in Tränen aus. Midhat warf sich auf die Knie und flehte den Kronprinzen an mit ihm zu kommen, da seine Untertanen in der Hauptstadt auf ihn warten würden. Als Midhat's Plan vor dem Scheitern steht, nutzt er die Feindschaft zwischen Murad und seinem Bruder Hamid gezielt aus: "Wenn Eure Kaiserliche Hoheit es ablehnen, den Thron zu besteigen, ist der nächste in der Thronfolge Eurer Majestät Bruder Prinz Hamid." Der verhasste Name löste beim Kronprinzen einen Umschwung der Gefühle aus. "Niemals soll das geschehen! Ich werde mich zu meinen Untertanen begeben - Allahs Wille soll geschehen!" [24]

Um 1 Uhr fiel der erste Kanonenschuss als Zeichen des erfolgreichen Staatsstreiches. Sultan Abdülaziz, geweckt von der Kanonensalve und dem Tumult auf dem Platz des Palastes, blickte vom Fenster seiner Gemächer auf den Bosporus, auf dem seine stolze Panzerflotte patrouillierte. Als die Mutter des Sultans den Raum betritt, sagte Sultan Abdülaziz: "Sie haben Murad auf den Thron gebracht." "Es ist der Wille Allahs", entgegnete Sie. In Anspielung auf die Absetzung von Sultan Selim III. (1807) erwiderte Abdülaziz: "Haben sie vor mich in einen Sultan Selim zu verwandeln?" Er fügte hinzu: "Ich hatte es in meinen Träumen schon lange kommen gesehen."[25] Die Soldaten, angeführt durch Kriegsminister Hüseyin Avni Paşa, stürmten den Thronsaal. Die Palastgarden, die zuvor vom Sultanssohn Prinz Yusuf Izzeddin Efendi instrumentalisiert wurden, leisteten keinen Widerstand und ergaben sich. Sultan Abdülaziz eilte mit gezogenem Degen in den Thronsaal und sah von der Treppe auf die Menge der Soldaten herab. Er war nicht bereit sich einfach zu ergeben. Erst als der Kriegsminister die Fatwa des Şeyh-ül islams herausholte fügte sich Abdülaziz seinem Schicksal. Gegen 2 Uhr brach der Kriegsminister nach Sirkeci auf um den Kronprinzen zu empfangen. In Begleitung des Kriegsministers bestiegen Sultan Murad V. und Midhat Paşa die Kutsche, die an der Landungsstelle in Sirkeci auf sie wartete und begaben sich direkt zum Kriegsministerium. Dort erwarteten sie der Großwesir Mehmed Rüşdi Paşa und Şeyh-ül islam Hayrullah Efendi, die zum Ministerium geeilt waren, sobald man sie von der Ankunft des neuen Sultans benachrichtigt hatte. Sie geleiteten Sultan Murad zu den kaiserlichen Appartements im Ministerium, worauf die Zeremonie unmittelbar folgte. Şerif Abdalmuttalib (der Emir von Mekka) und die Minister, hohe Würdenträger und Andere, die erfahren hatten, was vorgefallen war, eilten einer nach dem anderen herbei und schworen den Treueeid mit außerordentlicher Freude und unter großem Jubel. Gegen Ende der Zeremonie im Kriegsministerium sandte Hüseyin Avni Paşa durch Oberst Mustafa Bey, seinem ersten Aide de-Camp, folgende Nachricht an Süleyman Hüsnü Paşa: "Seine Majestät, Sultan Murad V. Hân wird den Palast von Dolmabahçe nicht betreten, bevor Sultan Abdülaziz ihn nicht verlassen und sich in den Topkapi-Saray begeben haben wird!" Süleyman Hüsnü Paşa informierte die Palasteunuchen: "Diese Nation konnte nicht akzeptieren, dass dies der Wille des Schicksals war. Sie war unzufrieden mit dem Tun und Treiben von Sultan Abdülaziz und hat ihn nun abgesetzt. Sultan Murad hat mit Zustimmung der Ulema, der Minister und der Nation den Thron bestiegen. Er hat verordnet, dass seine Hoheit, Abdülaziz Efendi, sofort zum Topkapı Saray umzieht. Er möge so viele seiner Kinder und so viele seiner Leute seines Haushalts mitnehmen, wie er will. Er habe nichts zu befürchten und nicht um sein Leben zu bangen. Er sei frei von Gefahr. Wenn er es aber hinauszögere oder Widerstand leiste, werde das Ergebnis gefährlich sein und die Verantwortung für die Gefahr bei ihm liegen." [26] Obwohl Murad eine starke Abneigung gegen seinen Onkel besaß, hatte er nicht vor an ihm Vergeltung zu verüben. Murad versicherte Abdülaziz und seiner Familie sicheres Geleit und hoheitlichen Schutz. Von Kanonenbooten umgeben, bestieg Sultan Abdülaziz - begleitet von seiner Familie und treuen Dienern - eine der kaiserlichen Gondeln mit dem Ziel Topkapı Saray. Später veranlasste Sultan Murad V. Abdülaziz samt Haushalt in den Çırağan Saray unterzubringen, da der alte Palast sich nicht für eine dauerhafte Bewohnung eignete. Doch zu groß war die Angst der Putschisten, dass Anhänger des alten Sultans einen Versuch unternehmen würden Abdülaziz die Rückkehr auf den Thron zu ermöglichen. Schon wenige Wochen nach dem Sturz des Sultans Abdülaziz machten Verschwörungstheorien die Runde, dass Midhat nur durch britische Unterstützung die Absetzung des Sultans erreicht hätte. In Wirklichkeit war die britische Regierung unter Disraeli über den Umsturz in Konstantinopel besorgt. In den Tagen des Umbruchs meldete Disraeli der Queen sehr schlechte Neuigkeiten aus dem Osmanischen Reich (We have very bad news from the Ottoman Empire). In einem Brief an Lady Bradford bezeichnete der englische Premierminister die Situation in Konstantinopel als "höchst alarmierend". Um die Integrität des osmanischen Staates zu sichern, wurde ein britisches Kriegsschiff nach Konstantinopel geschickt.[27]

Die Mordnacht

Die Nacht vom 3. auf den 4. Juni 1876 gehört zu den dunkelsten Kapiteln der Osmanischen Geschichte. Der abgesetzte Sultan verbrachte den Abend des 3. Juni in der Gesellschaft seiner Mutter und seines Sohnes Yusuf Izzeddin. Gegen Mitternacht verabschiedete sich der Sultan von seiner Familie in ungewohnter Weise, als ob er eine Vorahnung gehabt hätte was mit ihm in den kommenden Stunden passieren würde. Der drittälteste Sohn des Sultans und spätere Kalif, Abdülmecid Efendi, berichtete: "Nie vergesse ich jene letzten Tage meines Vaters hier in diesen Zimmern. Todesahnungen bedrückten ihn. Einmal rief er Yusuf und mich zu sich und flehte meinen älteren Bruder an, sich meiner anzunehmen, am Bruder gutzumachen, was er am Vater verbrochen habe. Aber schon wenige Tage später, am 4. Juni 1876, als Yusuf die Gelegenheit hatte, das Leben seines und meines Vaters zu verteidigen, wurde mir klar, dass ich in ihm nie mehr einen Bruder erblicken könnte. Sie wissen, dass es bis zum heutigen Tage so geblieben ist. Damals liebte Yusuf eine der Haremsschönen meines Vaters. In jenen wenigen Tagen, die mein unglücklicher Vater noch zu leben hatte, und in denen Trauer und Schmerz das Leitmotiv dieses traurigen Mannes waren, verbrachte er [Yusuf] Stunden und Stunden mit ihr [der Haremsfrau], und als an jenem düsteren Morgen des 4. Juni plötzlich laute Hilfeschreie meines Vaters durch das Haus schallten und ich selbst mit Dienerinnen in diesen mir jetzt als Arbeitszimmer dienenden Raum eilte, lag mein Vater blutüberströmt und bewusstlos am Boden; und der einzige Mann, der ihn vor den Messern dreier gedungener Mörder hätte bewahren können, beschäftigte sich süß mit seiner Geliebten." [28] Sultan Abdülaziz fand man mit aufgeschnittenen Pulsadern neben einer niedrigen Ottomane auf dem Boden seines Schlafgemachs. Ein Bein lag hochgelegt auf dem Möbelstück, seine Ärmel waren bis zu den Ellenbogen hochgekrempelt er selbst nur leicht bekleidet. Die Tatwaffe, eine Schere, lag unmittelbar neben der Leiche. Eine Zweite befand sich auf dem Tisch. Der Eunuch, der zu dieser Zeit die Frühwache halten sollte, befand sich nicht auf seinem Posten. Kriegsminister Hüseyin Avni Paşa ließ die Nachricht verbreiten, dass der abgesetzte Sultan Selbstmord begangen hätte.[29] Hierfür sprachen jedoch viele Argumente gegen:
1. Ahmed Cevdet
Paşa lehnte unter Berufung von unabhängigen Ärzten die offizielle Suizid-These ab, da die Schnittwunden so tief und stark waren, dass der linke Arm, dem die Wunde zuerst beigebracht wurde, unmöglich mehr die Kraft besessen haben konnte, die Pulsadern des rechten Arms aufzuschneiden. Hinzu kam, dass die Schnittwunden chirurgisch präzise zugefügt wurden, der Sultan selbst jedoch keine Kenntnisse in Bereich der Anatomie besaß.
2. Auf der Ottomane, auf der sich der Sultan angeblich setzte um seinen Suizid zu begehen, fanden sich keine Blutspuren. Die Blutlache fand sich nur auf dem Boden, die Leiche wurde wohl so platziert, damit es so aussehen sollte, als ob der Sultan von der Ottomane gefallen sei.
3. Jede Person die den Tatort betreten hatte, vernahm einen penetranten Chloroformgeruch. Eine Phiole konnte jedoch nicht gefunden werden. Da Sultan Abdülaziz von kräftiger Statur war und das Ringen zu seinen Lieblingsbeschäftigungen zählte, kann davon ausgegangen werden, dass er durch Chloroform betäubt wurde.[30][31]
4. Kriegsminister Hüseyin Avni Paşa konsultierte einen Tag vor dem Ereignis (2. Juni) einen Militärarzt, dessen Visite mehrere Stunden dauerte. Der Kriegsminister verweigerte sogar später eine Obduktion des Leichnams.

Als der Neffe des ermordeten Sultans, Sultan Murad V. Hân, in den frühen Morgenstunden von der schrecklichen Tragödie erfährt, bricht er in Tränen aus und kann kaum beruhigt werden. Er verfällt daraufhin schwerer Depressionen. Die Sultansmutter klagt die Schuldigen öffentlich an: "Man hat ihn ermordet! Gott wird das Verbrechen rächen!" Gerächt wurde der Mord am 15. Juni 1876, als der Schwager des abgesetzten Sultans, Çerkes Hasan, eine Regierungssitzung stürmte und Kriegsminister Hüseyin Avni Paşa und Außenminister Raşid Paşa erschoss. Midhat Paşa konnte aus dem Gebäude flüchten. 1881 fand unter Sultan Abdülhamid II. ein Tribunal statt, das Midhat und seine Mitverschwörer für schuldig befand und viele zum Tode verurteilen ließ.

 

[1] Ahmed Izzet Paşa: Denkwürdigkeiten des Marschalls Izzet Pascha, Leipzig 1927, S. 73
[2] Fuat Andic: The Political Testaments of Richelieu and Ali Pasha, Istanbul 1996, S. 8
[3] A.D. Mordtmann: Stambul und das moderne Türkentum, Leipzig 1878, S. 92
[4] Mordtmann, S. 118
[5] Ali Haydar Midhat: The Life of Midhat Pasha the Life of Midhat Pasha, London 1903, S. 61-62
[6] Mathias Bernath, Felix von Schroeder, Gerda Bartl: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas, Bd. 3, S. 193
[7] Andre Wink: Al-Hind, the Making of the Indo-Islamic World, S. 1033 in Encyclopaedia of Islam Vol. IV
[8]Perspectives on Ottoman studies: papers from the 18th Symposium of the International Committee of Pre-Ottoman and Ottoman Studies (CIEPO) at the University of Zagreb 2008, S. 691
[9] Wink, S. 1033
[10] Fanny Davis: The Ottoman lady: a social history from 1718 to 1918, Westport 1986, S. 178
[11] Murat Birdal: The Political Economy of Ottoman Public Debt: Insolvency and European Financial Control in the late Nineteenth Century, New York 2010, S. 36
[12] Carsten Wieland: Nationalstaat wider Willen: Politisierung von Ethnien und Ethnisierung der Politik: Bosnien, Indien, Pakistan, Hamburg 2000, S. 182
[13] Birdal, S. 39
[14] Suraiya Faroqhi: Kultur und Alltag im Osmanischen Reich: Vom Mittelalter bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts, 1995, S. 275
[15] Stanford Shaw: History of the Ottoman Empire and Modern Turkey. Vol. II, Cambridge 1977, S. 158-159
[16] Shaw, S. 154
[17] Wink, S. 1033
[18] Ahmed Izzet PaÅŸa, S. 76
[19] Djemaleddin Bey: Sultan Murad V. - The Turkish Dynastic Mystery 1876-1895, London 1895, S. 31
[20] J.A. Rossi: Linzer Wochen-Bulletin für Theater Kunst und Belletristik, Linz 1861
[21] Joan Haslip: Der Sultan - Das Leben Abd ul-Hamids II., München 1968, S. 76
[22] Richard Davey: The Sultan and his subjects, London 1907, S. 180
[23] Felix Bamberg: Geschichte der orientalischen Angelegenheit im Zeitraume des Pariser und des Berliner Friedens, Berlin 1888, S. 456
[24] Haslip, S. 80
[25] Davis, S. 179
[26] Klaus Kreiser: Istanbul - ein historischer Stadtführer, München 2009, S. 225-228
[27] Miloš Ković: Disraeli and the Eastern Question, Oxford 2010, S.105 Kovic, S. 105 [28] Dr. Albrecht Wirth: Die Geschichte der Türken, Stuttgart 1912, S. 61
[29] Ahmed Cevdet PaÅŸa: Tezakir, IV., S. 155-160
[30] Abdurrahman Şeref: Sultân Abdülaziz’in Vefatı İntihar mı Katl mi?, Istanbul 1917, S. 321-325
[31] Hakkı Uzunçarşılı: Sultân Abdülaziz Vak'asına Dair Vak'anüvis Lütfi Efendi'nin Bir Risalesi, Ankara 1943, S. 349-373.
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