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Die Absetzung von Sultan Abdülâziz I. Hân

von Rasim Marz

Am 7. Oktober 1875 erklärte die osmanische Regierung unter Großwesir Mahmud Nedim Paşa den Staatsbankrott des Osmanischen Reiches. Ihr gingen Aufstände in Bosnien und der Herzegowina voraus, in der sich christliche Untertanen unter dem Vorwand von hohen "Sondersteuern" gegen die Hohe Pforte erhoben, jedoch mithilfe russischer Agenten ihre Unabhängigkeit erlangen wollten. Großwesir Mahmud Nedim Paşa vernichtete den Kredit der ausländischen Gläubiger, in dem er die Zinsen eigenmächtig halbieren ließ und damit eine Herabsetzung der Bonität des Reiches auslöste. Der Nennwert der emittierten Anleihen betrug 4.811 Millionen Franken wozu noch weitere 185 Millionen Franken kamen, die die Regierung den Konstantinopeler Bankenhäusern schuldeten.[1] Die jungosmanische Opposition der "Reformpartei" unter ihrem Anführer Midhat Paşa machte den extravaganten Lebensstil des Sultans und seiner Haremsfrauen für den Staatsbankrott verantwortlich und propagierte, dass der Sultan von einem Persönlichen Regiment umgeben sei, das durch den russischen Botschafter Nikolai Pawlowitsch Ignatjew beeinflusst und gelenkt würde. Allen voran der Großwesir selbst laufe Gefahr mit einem pro-russischen Kurs das Osmanische Reich in den Untergang zu treiben. Was die Ursachen der finanziellen Katastrophe betrifft, so waren Zweidrittel der Anleihen für die Modernisierung von Heer und Marine und dem Ausbau des Verkehrswesen genutzt worden. Sultan Abdülâziz wendete sich mit einer außergewöhnlichen Hingabe Militärreformen zu. Unter seiner Regentschaft stieg das Osmanische Reich zur drittgrößten Seemacht der Welt auf. Heeresreformen ermöglichten die spätere Niederschlagung der Aufstände auf dem Balkan. Das Persönliche Regiment hingegen wurde für den Sultan zum Verhängnis. Mit dem Tod der osmanischen Staatsmänner Keçecizade Fuad Paşa (1869) und Mehmed Emin Ali Paşa (1871) verlor das Osmanische Reich seine wichtigsten Vertreter der Reform- bzw. Tanzimât-Bewegung. Seit der Thronbesteigung des Sultans im Jahr 1861, lagen die Regierungsgeschäfte in den Händen der zwei großen Staatsmänner Ali Paşa und Fuad Paşa. Beide kannten die Vorlieben ihres Herrschers und die Möglichkeiten ihn zu instrumentalisieren. Deshalb setzten sie dem Sultan auch in vielen politischen Angelegenheiten Schranken, um die Macht ihres Herrschers zum Wohle des Staates und seines Thrones zu begrenzen. Im Laufe der Jahre wurden sie für den osmanischen Staat so unerlässlich, dass der Sultan sich selbst eingestand, dass für keinen von beiden Ersatz zu finden sei.[2] Der Tod von Ali Paşa leitete die zweite Hälfte der Regentschaft Abdülaziz' ein, die durch Krisen und Aufständen maßgeblich gekennzeichnet war.

Macht- und Intrigenspiel: Mahmud Nedim PaÅŸa

Als Ali Paşa noch auf dem Sterbebett lag, entbrannte eine heftige Diskussion wer seine Nachfolge als Großwesir antreten solle. Zwei Männer erklärten ihre Bereitschaft das höchste Amt im Reich annehmen zu wollen: Mütercim Mehmed Rüşdi Paşa und Mahmud Nedim Paşa. Rüşdi Paşa war Vertreter des gemäßigten Flügels der Reformpartei und lehnte den radikalen Flügel unter Midhat Paşa ab. Er hatte bereits zweimal das Großwesirat inne und kannte die Aufgaben die das Amt mit sich brachten. Mahmud Nedim Paşa hingegen entsprang der alttürkischen Partei, beherrschte nur die Osmanische Sprache und war als Gouverneur, Justiz- und Marineminister zuständig. Im letzten Kabinett von Ali Paşa hatte er das Amt des Marineministers inne, das ihm die Gunst des Sultans einbringen sollte. Abdülâziz, ein Liebhaber der Panzerflotte, fand in Mahmud Nedim Paşa ein Werkzeug zur Ausführung eigener Pläne. Hinzu kam, dass Mahmud Nedim Paşa eine Änderung des Thronfolgegesetzes zu Gunsten von Abdülaziz' Sohn, Yusuf Izzeddîn Efendi, unterstützte. Rüşdi Paşa hingegen lehnte die Änderung ab, forderte einen harten Sparkurs und eine Reformierung des Staatswesens.[3] Damit schied er aus dem Rennen. Abdülaziz wollte nicht mehr "des Großwesirs Sultan" sein, wie zu Zeiten von Ali und Fuad. Unter Rüşdi Paşa befürchtete er eine Wiederkehr dieses Regierungsstils, weshalb er Mahmud Nedim Paşa zum Großwesir ernannte. Mahmuds kriecherische und unterwürfige Art steigerte das Selbstwertgefühl des Sultans, das ihn die Ali-Fuad-Ära vermissen ließ. Das Mahmud Nedim Paşa jedoch nur als "Befehlsempfänger" seines Großherrn agierte, bedarf einer Einschränkung. Er verstand es das Vertrauen des Sultans zu gewinnen, indem er Abdülaziz in Regierungsangelegenheiten zu Rate zog, seine Gedanken und Ideen in den Himmel lobte und letztlich als Sprachrohr des Monarchen diente. Es galt dem Monarchen einzureden, dass er weiterhin persönlich die Regierungsgeschäfte leite. Die Manipulierung des Sultans öffnete dem Großwesir Tür und Tor für ein weit vernetztes Intrigenspiel. Rückhalt fand Mahmud Nedim Paşa beim russischen Gesandten Ignatjew, mit dessen Hilfe er seine Macht festigen konnte. Zu seinen ersten Handlungen als Großwesir gehörte die Entlassung des Personalstabes des verstorbenen Großwesirs Ali Paşa im Außenministerium. Es folgten die Absetzungen und Verbannungen des Kriegsminister Hüseyin Avni Paşa, des Finanzministers Şirvanlızade Mehmed Rüşdi Paşa und des Polizeiministers Hüsni Paşa sowie des ehm. Großwesirs Mütercim Mehmed Rüşdi Paşa (Midhat Paşa erreichte später beim Sultan eine Begnadigung aller). Um "Einsparungen" durchzuführen entließ die osmanische Regierung einen Großteil ihrer Beamten und senkte die Löhne der noch Verbliebenen um 40%. Als Mahmud Nedim Paşa einsehen musste, dass eine Änderung des Thronfolgegesetzes eine landesweite Empörung verursachen würde und er Sultan Abdülâziz die Undurchführbarkeit des Plans erläutert, lässt ihn der Sultan fallen. Abdülâziz berief daraufhin Midhat Paşa, den damaligen Gouverneur von Bagdad und Gegner Mahmud Nedims, nach Konstantinopel, um ihn zum neuen Gouverneur von Adrianopel zu ernennen. Um seine Stellung besorgt, erteilt Großwesir Mahmud Nedim Paşa ihm die Order, solange in Bagdad zu bleiben bis sein Nachfolger eingetroffen sei, um mit ihm die Finanzen abzusprechen. Entgegen diesen Befehl bricht Midhat nach Konstantinopel auf, trotz der Drohung des Großwesirs nach Ankara in die Verbannung geschickt zu werden. In der Hauptstadt angekommen, ernennt ihn der Sultan in einer Audienz zum Vali von Adrianopel. Als Midhat den Sultan um einen Urlaub vor Amtsantritt bittet, um eine Krankheit auskurieren zu lassen und dieser einwilligt, verweist Midhat Paşa auf die Verfügung des Großwesirs, dass er in die Verbannung nach Ankara geschickt werden soll. "Wer ist Herr, er oder ich?" entgegnete der Sultan und entsandte wutentbrannt seinen Adjutanten zum Anwesen des Großwesirs um ihm das Staatssiegel und somit die Amtswürde abzunehmen. Sultan Abdülâziz verlieh daraufhin Midhat Paşa die Würde des Großwesirats am 31. Juli 1872.[4]

Großwesir Midhat Paşa: Reformer oder Revolutionär?

Die Jahre 1872 bis 1875: Die Großwesire geben sich die Klinke in die Hand

Die Absetzung von Mahmud Nedim Paşa verhalf dem radikalen Flügel der "Reformpartei" unter Midhat Paşa zu neuem Aufwind. Der radikale Flügel verstand sich als pro-britisch und lehnte jede diplomatische Korrespondenz mit Russland vehement ab. Midhat Paşa gehörte zu den intellektuellsten Köpfen der Tanzimât-Zeit. Zwischen den Jahren 1864 bis 1867 gehörte er zum engen Beraterstab um Ali Paşa und war an der gemeinsamen Ausarbeitung des Provinzialrechts beteiligt. Seine Reformen zum Ausbau der Infrastruktur, des Militärs und der Institute verschafften ihm höchste Ehren. Differenzen mit Ali Paşa im Februar 1867 führten zu seiner Entfernung aus der Hauptstadt. Midhat wurde 1869 zum Gouverneur von Bagdad ernannt und leistete dort tatkräftige Reformen, die auch sein alter Förderer Ali Paşa lobte. Die Beziehung zwischen den beiden Politikern blieb jedoch bis zu Ali's Tod vergiftet.[5][6] Nun übernahm Midhat Paşa nicht nur das Erbe von Ali Paşa sondern auch das finanzielle Chaos, das Mahmud Nedim hinterließ. Als Midhat Paşa die Rechenschaftsberichte der osmanischen Staatsfinanzen überprüfte und Manipulationen entdeckte, löste dies einen landesweiten Skandal aus. Als sich herausstellte, dass die Mutter des Sultans (Pertevniyal Valide Sultan) 100.000 Lira aus den Händen des Großwesirs Mahmud Nedim Paşa empfing, verbannte Sultan Abdülaziz seinen einstigen Günstling zuerst nach Adrianopel und später nach Trabzon. Doch der Einfluss der Sultansmutter bewirkte bald eine Begnadigung beim Sultan, so dass Mahmud Nedim nach einigen Jahren in die Hauptstadt zurückkehren konnte. Der Finanzskandal der nun nicht mehr allein den ehemaligen Großwesir sondern die Dynastie selbst erfasste, wurde durch Midhat Paşa weiter verschärft. Die uneinsichtige Haltung von Midhat Paşa, den Skandal in seinem ganzen Umfang auch dann zu veröffentlichen wenn sogar das Ansehen der Dynastie Osmân dadurch Schaden erleide, führten letztlich zu seiner Absetzung am 19. Oktober 1872.[7] Sein Nachfolger wurde Mütercim Mehmed Rüşdi Paşa, der Vertreter des gemäßigten Flügels der Reformpartei. Zwischen 1872 und 1875 berief der Sultan fünf Kabinette, die abwechselnd von Politikern der Reformpartei und der Alttürken besetzt wurden. Die Jahre 1872 bis 1875 hinterlassen der gegenwärtigen Geschichtsforschung offene Fragen auf die damalige innenpolitische Situation des Osmanischen Reiches. Im Kabinett Mütercim Mehmed Rüşdi Paşa III (19.10.1872 - 15.02.1873) besetzte Midhat Paşa den Posten des Justizministers. In diese Zeit fällt die Ausarbeitung des ersten Entwurfs der osmanischen Konstitution, an der neben Midhat Paşa auch Rüşdi Paşa beteiligt war. Ziel der Reformpartei war es, einem frei gewählten Parlament die Verantwortung des Staatshaushalts zu übertragen und somit die Rechte des Sultans und seiner Regierung zu beschneiden. Sultan Abdülaziz sah in dieser Maßnahme die Stellung des Sultanats gefährdet, da sie der jungosmanischen Opposition im europäischen Exil erheblich entgegenkam. Er entließ Rüşdi Paşa und ernannte den Marineminister Sakızlı Ahmed Esad Paşa zum neuen Großwesir. Midhat Paşa bleibt auch in diesem Kabinett Justizminister. Er räumt erst 1874 den Posten als er mit dem Großwesir Şirvanlızade Mehmed Rüşdi Paşa in Streit gerät, bezüglich der Frage, ob eine Konstitution und ein Parlament von Nöten seien. Der Streit innerhalb der Reformpartei veranlasst Sultan Abdülaziz ihren schärfsten Gegner ins Großwesirat zu berufen: Hüseyin Avni Paşa. Im Februar 1874 löst der ehemalige Kriegsminister Hüseyin Avni Paşa Şirvanlızade Mehmed Rüşdi Paşa als neuen Großwesir ab. Hüseyin Avni Paşa galt als Hardliner der alttürkischen Partei: Konservativer Muslim, fanatischer Panturkist, Gegner der Konstitution und Russlands. Kurz vor seiner Ernennung schreibt der Sultan an seine Mutter, die Valide Sultan: "Sie wollen mich mit Hüseyin Avni Paşa beängstigen, da er jedoch mein und ihr größter Feind ist, sollen sie sich selbst vor ihm fürchten! Alles andere sollen sie sich aus dem Kopf schlagen. Die gegenwärtige Situation wird noch ein schreckliches Ende finden."[8] Der Versuch von Sultan Abdülaziz den Einfluss der Reformpartei mittels Hüseyin Avni zurückzudrängen scheiterte. Er wird im April 1875 durch Sakızlı Ahmed Esad Paşa ersetzt. Im Kabinett Sakızlı Ahmed Esad Paşa II belegte Midhat Paşa erneut den Posten des Justizministers. Aufgrund der Intrigen am Sultanshof legte er sein Amt nieder und verfasste ein Memorandum an den Sultan, in dem er die Palastintrigen, die miserable Finanzwirtschaft, die versäumten Maßnahmen gegen die Aufstände in Bosnien und Herzegowina, welche durch russische Agenten erst ausgelöst wurden, hart anprangerte.[9] Als die Sultansmutter einen Sturz ihres Sohnes befürchtet, verfasst sie einen Brief an Midhat Paşa, indem sie ihn um Rat fragt wie der Thron ihres Sohnes zu retten sei. Midhat Paşa's Antwort beinhaltete nur ein Ziel: die Einführung einer Konstitution. Die Sultansmutter akzeptierte die Forderung, traute sich jedoch nicht das Dokument dem Sultan vorzulegen, geschweige ihn auf einen möglichen Sturz aufmerksam zu machen.[10] Aus diesem Grund schlug sie Mahmud Nedim Paşa für eine zweite Amtszeit vor. Am 21. August 1875 wurde Mahmud Nedim Paşa erneut zum Großwesir des Osmanischen Reiches ernannt.

Der Weg in den Staatsbankrott

Unter den Großwesiren Şirvanlızade Mehmed Rüşdi Paşa und Hüseyin Avni Paşa wurden zwei neue Auslandskredite aufgenommen, die zum einen das Budgetdefizit und die schwebenden Schulden begleichen sollten. Unter dem Finanzminister Yusuf Ziya Paşa wurde eine Kommission zur Kontrollierung und Genehmigung des Staatshaushalts gegründet, der auch Bankiers und Direktoren führender finanzieller Unternehmen angehörten. Der Auslandskredit betrug nunmehr 40.000.000 Pfund Sterling mit einem Effektivzins von 11,5% - die höchste Rate in der Geschichte der osmanischen Auslandsschulden. Der Kredit wurde jedoch nicht durch spezielle Hypotheken gedeckt, da die europäischen Gläubiger ein weiteres Wirtschaftswachstum des Osmanischen Reiches erwarteten. Die osmanische Regierung warb 1874 kräftig in der europäischen Presse dafür ins Osmanische Reich zu investieren.[11] 1875 verschlechterte sich jedoch die Lage dramatisch: Durch Flutkatastrophen fielen die Ernten in vielen Provinzen mager oder ganz aus. Dem Osmanischen Reich drohte eine flächendeckende Hungersnot, die jedoch durch Versorgungsmaßnahmen der Regierung verhindert werden konnte. In Bosnien kam es im Juli 1875 zu einem Aufstand der Bauern, die einen Pflichtteil ihrer Ernte nicht an den Staat abgeben wollten.[12] Das Resultat dieser Ereignisse war ein Rückgang der Steuereinnahmen, der den Staatshaushalt auf eine harte Probe stellte. Fehlende Ressourcen, die durch den Verlust ertragreicher Provinzen und ungleicher Verträge zustande kamen verschärften die Situation erheblich.[13][14] Als die europäischen Gläubiger den Emissionskurs des Kredits von 43,5% auf 34% senken wollen, lehnt die osmanische Regierung diese Forderung unter Protest ab. Am 7. Oktober 1875 erklärte Großwesir Mahmud Nedim Paşa die einseitige Halbierung der Zinsen für die nächsten fünf Jahre. Die Idee stammte nicht aus der Feder des Großwesirs sondern vom russischen Botschafters Ignatjew. Ignatjew redete Mahmud Nedim ein, dass die Demütigung, die das Osmanische Reich durch die europäischen Gläubiger erfuhr, nur durch einen Gegenschlag gerächt werden könne, mittels einer Halbierung der Zinsen und der daraus folgenden Vernichtung europäischen Kapitals. In Wirklichkeit isolierte er das Osmanische Reich von Europa und verschaffte Russland einen erheblichen militärischen Vorteil. Der Erziehungsminister und spätere Justizminister Ahmed Cevdet Paşa kritisierte Mahmud Nedim Paşa scharf wegen seiner Außenpolitik und beschuldigte den Großwesir russische Politik zu betreiben. Das Vertrauen zum Bündnisgenossen Großbritannien wurde durch diese Maßnahme erheblich erschüttert und legte damit das Fundament für den Russisch-Osmanischen Krieg im Jahr 1877/78.

Die Auslandsverschuldung des Osmanischen Reiches zwischen 1870 und 1877

Jahr Schulden-betrag (Pf. Sterling) EK Schulden erworben Akqu. in % NZ EZ Verwendung Bürgschaft Hauptinvestor
1870 31.680.001 32,13 % 10.177.109 32 % 3 % 9,3 % Schienennetz (Rumelien) Generalschuld D, Ö-U, I
1871 5.700.000 73 % 4.161.000 73 % 6 % 8,2 % Budgetdefizit Ägypt. Tribut GB, F
1872 11.126.200 98,50 % 9.457.276 85 % 9 % 10,6 % Budgetdefizit Einnahmen von Saloniki, Adrianopel, Danube, Schafsteuer von Anatolien GB, D, Ö-U
1873/1.Q. 11.456.450 55 % 6.306.00 55 % 5 % 9,1 % Konsolidierung der Staatsanleihen von 1872 Generalschuld GB, F
1873/2.Q. 27.777.780 54 % 15.000.000 54 % 6 % 11,1 % Budgetdefizit Einnahmen von Aleppo, Danube und Tiersteuern aus Anatolien F
1874 40.000.000 43,50 % 17.400.000 43 % 5 % 11,5 % Schwebende Schulden Generalschuld GB, F
1877 5.000.000 52 % 2.600.000 52 % 5 % 9,6 % Krieg gegen Russland Ägypt. Tribut F
Legende: EK= Emissionskurs, Akqu.= Akquirierung, NZ= Normalzins, EZ= Effektivzins,  D= Deutschland, Ö-U= Österreich-Ungarn, GB= Großbritannien, I= Italien, F= Frankreich | Quelle: Murat Birdal: The Political Economy of Ottoman Public Debt: Insolvency and European Financial Control in the late Nineteenth Century, New York 2010, S. 28

Um das Prestige der osmanischen Regierung zu heben, erklärte Großwesir Mahmud Nedim Paşa am 12. Dezember 1875 seine Bereitschaft neue Reformen im Steuer- und Justizwesen einzuleiten. Darüber hinaus versprach er den nichtmuslimischen Untertanen des Reiches den Zugang in den Staatsdienst zu vereinfachen und zu verbessern. Am 13. Februar 1876 akzeptierte die osmanische Regierung den Plan des österreichischen Diplomaten Andrassy, der bosnischen Bevölkerung Steuererleichterung und Sicherheit zu garantieren. Damit genehmigte die osmanische Regierung gleichzeitig Österreich-Ungarn, sich in der bosnischen Frage einzumischen und zu intervenieren. So wie der Aufstand in Bosnien durch Ignatjew's russischen Agenten angezettelt wurde, so stand auch derselbe hinter der Unterzeichnung von Andrassy's Note.[15] Am 21. Februar 1876 wiederholte er seine Bemühen, die freien Wahlen der Provinzräte zu garantieren und eine Verbesserung der Provinzialpolizei und der Gefängnisse anzustreben. Er gründete eine Kommission zum Abbau der staatlichen Bürokratie (Tensikat ve Tesarrufat Komisyonu) und ersetzte den 1868 gegründeten Rat für juristische Angelegenheiten (Dîvân-ı Ahkâm-ı Adliyye) durch die "Reformkommission", die von regierungstreuen pensionierten Gouverneuren besetzt wurde.[16] Trotz dieser Umstrukturierung blieben die versprochenen Reformen aus, sodass sich die Opposition für die Absetzung des Großwesirs rüstete.

» Teil 2: Sturz und Ermordung des Sultans

 

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